Mädchen, die in den späten 1990ern und 2000ern zwischen 12 und 16 Jahre alt waren und irgendwo im Einzugsgebiet von Palm Beach wohnten, hatten gute Chancen, von Jeffrey Epstein ein "Jobangebot" zu erhalten. Wenn sie Zahnspange trugen, war das kein Hindernis, nur fett sollten sie nicht sein. Epstein, der über Jahre, Jahrzehnte dutzende, hunderte Mädchen sexuell missbraucht und sich 2019 im Gefängnis umgebracht haben soll, geriet früh unter Verdacht, doch sein Status als Milliardär gewährte ihm Freiheiten, die andere nicht haben. Und so konnte er das System Epstein erfolgreich über lange Zeit im Verborgenen halten.

Immer die gleiche Masche

"Jeffrey Epstein: Stinkreich", eine vierteilige Doku von Lisa Bryant und Joe Berlinger, die neu auf Netflix zu sehen ist, rollt den bislang nicht abgeschlossenen Fall nun aus der Sicht von Epsteins mutmaßlichen Opfern auf. In detaillierten Interviews und mit viel Recherche haben die Filmemacher viele der Frauen aufgespürt, die Epsteins "Jobangebot" angenommen hatten, in der Hoffnung auf leicht verdientes Geld. Die Masche war angeblich immer die gleiche: Die Mädchen sollten einen "älteren Herren" massieren, und dafür gab es 200 Dollar. Doch Epstein beließ es nicht bei einer Fußmassage, sondern entblößte sich im Massageraum seiner Millionenvilla gerne vor den Minderjährigen, ließ sich befriedigen oder verging sich an ihnen und schickte die Kinder hinterher nach Hause, mit Geld und der Aufforderung, wiederzukommen - und neue Mädchen aus dem Freundeskreis mitzubringen.

Ein grausames Missbrauchsnetzwerk, von dem auch seine Lebenspartnerin Ghislaine Maxwell gewusst haben soll. Mehr noch: Sie soll das Vertrauen junger Mädchen gewonnen und sie dann zum Sex mit Epstein gezwungen haben. Die Causa ist längst nicht abgeschlossen, es gibt dutzende Anzeigen von mutmaßlichen Opfern, ein Anwalt verklagte eine der Frauen wegen Verleumdung.

Epsteins Aufstieg vom jungen Finanzgenie, der allein seinen Intuitionen vertraute, zeichnet die Mini-Serie auch nach. Viele mächtige Männer haben seine Wege gekreuzt, sein Ziehvater, der ebenfalls stinkreiche Lex Wexner, schätzte Epsteins Charisma und seine eiskalte Fähigkeit, zu spekulieren, überwarf sich aber mit ihm nach Millionenverlusten. Epsteins Aufstieg tat das keinen Abbruch: Er feierte die luxuriösesten Partys, hatte Häuser, Villen, Apartments in Florida, New York, Paris, sowie zwei Privatjets. Und ein privates Eiland, das seine Angestellten nur "Orgien-Insel" nannten. Dorthin ließ er regelmäßig junge Frauen einfliegen. Zu seinen Gästen zählten auch Prominente wie Bill Clinton und Donald Trump. Der Mann wusste, wie man an die großen Fische kommt.

In der Doku sieht man auch Material von Polizei-Verhören, bei denen Epstein sich bei jeder Frage nach seinen sexuellen Vorlieben und nach dem mutmaßlichen Missbrauch von Minderjährigen auf den Fünften Verfassungszusatz der USA berief und - schwieg. Diese Szenen sind die wohl verstörendsten der Netflix-Doku.

Umgeschriebener Jubel

Bis es zu einer Durchsuchung von Epsteins Villa kam, dauerte es sieben Monate, davor lagen schon Dekaden der Untersuchungen und Verdachtsfälle, während die Mädchen ihren Traumata und Schändungen überlassen wurden; so mancher Polizist hat ihnen gar nicht geglaubt, weil Epstein eben so ein hohes Tier war. Auch die Rolle der Medien wird hinterfragt: Mehrmals wären kritische und entlarvende Geschichten zu Epsteins Umgang mit Minderjährigen in großen US-Magazinen erschienen, die allerdings nach seiner persönlichen Intervention zu widerlichen Jubelgeschichten über ihn umgeschrieben wurden.

Rätselhafter Tod

Die Doku-Serie schlüsselt all das mit vielen Beispielen auf, verwendet die gängigen Mittel des US-Mainstream, aber das muss sie auch: Nicht anders wäre einem derartigen Fall beizukommen, wenn man eine breite Öffentlichkeit erreichen will. Die #metoo-Bewegung hat die Schlinge um Epsteins Hals letztlich dramatisch zugezogen, erst so konnte öffentlich derartig sensibilisiert werden, was sonst in dunklen Massageräumen geblieben wäre. Und dann ist da noch eine Komponente, die man nicht außer Acht lassen darf: Die Doku geht auch Widersprüchen nach, lässt einige der Epstein-Frauen argumentieren, wieso sie sich jahrelang von ihm missbrauchen ließen und niemals den Stopp-Knopf gedrückt haben. Es sind auch das: schaurige Einblicke.

Der Tod Epsteins bleibt indes ein Rätsel. Hat er sich umgebracht, oder half jemand mit? War es gar Mord? Das wird noch zu klären sein, aber es hilft den Opfern nicht weiter. Epsteins System des mutmaßlichen Mädchenhandels ist auch ein Beleg dafür, dass die schlimmsten Verbrecher meist in den obersten Etagen zu finden sind. Es heißt nicht umsonst: Der Fisch fängt am Kopf zu stinken an.

Ein Fall wie dieser: Er ist nichts außer erschütternd.