Wenn Eric Cantona, seines Zeichens französische Fußballlegende und Schauspieler, zu Beginn der Netflix-Serie "Dérapages - Kontrollverlust" mit Bart und kahl geschorenem Kopf die Zuschauer direkt über die Kamera anspricht, um ihnen zu sagen, was in seinem Leben alles schiefgelaufen ist, dann ist er schon ganz unten. Er sitzt im Gefängnis, doch wie kam es dazu?

Cantona spielt den Langzeitarbeitslosen Alain Delambre, der Mitte/Ende 50 ist und seit Jahren nach einem Job sucht - doch für Leute wie ihn gibt es keine Jobs mehr. Darunter leidet auch seine Ehe mit Nicole (Suzanne Clément) und seine Beziehung zu den Töchtern Lucie (Alice de Lencquesaing) und Mathilde (Louise Coldefy). Auch das einst mühsam zusammengesparte Apartment, in dem die Eheleute wohnen, schreit nach einer Renovierung, der Putz bröckelt, aber es ist kein Geld da.

Da stößt Delambre auf ein Jobangebot einer Firma, die jemanden suchen wie ihn. Einen Personalmanager, der die eigenen Führungskräfte einem Stresstest unterziehen kann; Delambre bewirbt sich. Und hat überraschenden Erfolg: Alexandre Dorfmann (Alex Lutz), der Inhaber der großen Firma, die den Posten ausgeschrieben hat, will ihn engagieren. Doch bald merkt Delambre, dass hier ein übles Spiel mit ihm gespielt wird. Im Rahmen eines Rollenspiels will Dorfmann sein Führungsteam einer simulierten Geiselnahme aussetzen, die Delambre leiten soll. Das bedeutet Stress auf höchstem Niveau - und ist auch illegal. Aber Delambre, den Cantona als hochgradig aufbrausenden Kerl anlegt, lässt sich nicht übel mitspielen, und schnell verläuft die Geiselnahme ganz anders als geplant.

"Dérapages - Kontrollverlust" ist ein weiteres gelungenes Beispiel für die an sich schon ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Netflix und dem Kultursender arte; kürzlich bekam man von dieser Symbiose aus Anspruch und Breitenwirksamkeit die Sci-Fi-Serie "Ad Vitam: In alle Ewigkeit" serviert, und auch die Mystery-Serie "Es war einmal ein zweites Mal". "Dérapages - Kontrollverlust" setzt die Zusammenarbeit auf hohem Niveau fort. Hoch zumindest, wenn es um das Niveau von TV-Serien geht.

Pech gehabt

Zu Beginn der sechsteiligen ersten Staffel fühlt sich alles ganz nach einem klassischen französischen Sozialdrama an, wo die Augen des Protagonisten den ganzen Hass auf die Gesellschaft und die Globalisierung ausdrücken, die zu den schlimmsten Jobvernichtern zählt. Der einzelne Mensch zählt hier nicht, das System kennt keine Schicksale, nur Zahlen. Und wenn die nicht stimmen - eben Pech gehabt. Hier kommt die Räubersgeschichte ins Spiel: Alain Delambre, überzeugend und mit Vehemenz gespielt von Eric Cantona, entwickelt als Abwehrreflex seiner aussichtslosen Lage eine Wut, die ihn zum Gewalttäter werden lässt, der jegliche Moral abgelegt hat. Die aussichtslose Arbeitslosigkeit ist für solche Menschen (nicht nur in Frankreich) die letzte Station vor der Eskalation.

Der Wandel geht ob der wenigen Folgen rasend schnell vonstatten, wodurch es ein wenig an der Dramaturgie und Figurenentwicklung krankt. Die Entscheidung, alles in Rückblenden aus dem "Häf’n" zu erzählen, erlaubt aber, schneller durch die einzelnen Phasen von Delambres Metamorphose zu gelangen. Dennoch gelingt es dem libanesischen Regisseur Ziad Doueiri durch geschickt eingebaute Wendungen, die Spannung zu halten. Kein Wunder: Doueiri hatte mit "Der Affront" 2017 einen der beeindruckendsten Kinofilme über die konkreten Mechanismen von Eskalation gemacht. Hier, in "Dérapages", kann er dieses Talent bravourös perfektionieren.