Manchmal muss man schlechte Filme einfach bis zum bitteren Ende erleiden, um mithilfe einer cineastischen Katharsis niveauvolle Streifen wieder schätzen zu lernen: "365 Dni" ("365 Tage") eignet sich hervorragend dazu.

Angepriesen als die polnische Antwort auf die Erfolgsfilmreihe "Fifty Shades of Grey", bleibt dieser Möchtegern-Erotik-Thriller weit hinter seinem Vorbild, das - im Vergleich etwa zu Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" - ja auch kein filmisches Meisterwerk war. In "365 Dni" entführt der italienische Mafiaboss Massimo (Michele Morrone singt auch den Soundtrack) die ungeliebte Geschäftsfrau Laura (Anna-Maria Sieklucka), die nun 365 Tage in seiner Gefangenschaft Zeit hat, sich in ihn zu verlieben. Dafür zieht er einige Sexregister, die letztlich weder Spannung noch Erotik vermitteln, sondern choreografisch eher an Turnübungen in luxuriösem Interieur erinnern.

Zugegebenermaßen ist die märchenhafte Inszenierung des Mafialebens eine nette Fabel mit schönen Menschen. Bedenklich ist jedoch die Verharmlosung der Entführung und Sex zwischen einer Geisel und dem Kidnapper. Hat Netflix das wirklich nötig?