Eigentlich hätte das alles ganz anders laufen sollen: Spike Lee, streitbarer US-Filmregisseur mit einigen Meisterwerken in der Filmografie, hätte dieses Jahr als Jury-Präsident des Filmfestivals von Cannes fungieren sollen, und weil Cannes eine wichtige Veranstaltung für das Kino ist, hätte er in einem Aufwaschen auch gleich seinen neuen, von Netflix produzierten Film "Da 5 Bloods" der Weltöffentlichkeit vorgestellt - außer Konkurrenz natürlich.

Doch 2020 ist kein Jahr wie jedes andere, Cannes wurde corona-bedingt abgesagt, "Da 5 Bloods" musste sich mangels offener Kinos, die Netflix zweifellos (und wegen der Oscar-Chancen) mit dem Film bespielt hätte, nun direkt auf eine Online-Premiere beschränken. Am Freitag, 12. Juni, ist der Film also exklusiv auf Netflix zu sehen, und inzwischen hat sich die Relevanz von Lees Drama deutlich erhöht, weil in den USA wieder Autos brennen und sich Menschen wegen der rassistischen und tödlichen Gewalt der Polizei und der nicht minder gefährlichen "Law and Order"-Politik der Regierung auf die Straßen begeben, zu Hunderttausenden.

Lee hat einen Film über Rassismus gemacht, aber er hat auch einen Film über den amerikanischen Habitus gemacht, bei dem Geld über alles geht, auch über die Unmenschlichkeit und über den Hass; Geld ist alles in diesem Land, es kennt keine Hautfarbe. Lee lässt mit "Da 5 Bloods" nicht nur tief blicken in die (schwarze) US-Seele, sondern ihm gelingt mit diesem Film, der eigentlich den Vietnam-Krieg aus der heutigen Sicht von vier schwarzen Soldaten verhandelt, ein gegenwärtiger Zeitkommentar.

Bravour und Augenzwinkern

Zuletzt hatte der 63-jährige Filmemacher mit "BlacKkKlansman" (2018) mit Bravour und Augenzwinkern über Rassismus referiert, eingebettet in ein komisches Setting mit einem urkomischen Ensemble (bestehend aus John David Washington und Adam Driver). Aber das Thema Rassismus ist in Spike Lees Welt unerschöpflich, es gibt so viele Aspekte davon, dass ein Leben nicht ausreicht, die Filme zu drehen, die gedreht werden müssten.

"Da 5 Bloods" ist nun also wie eine Fortführung in Lees unendlichem Bestreben, die Pein afroamerikanischer Menschen in den USA zu schildern; diesmal geht es um vier Veteranen, die einst im Vietnam-Krieg dienten, in einem der schmutzigsten Kriege der Geschichte, und im ersten Krieg, den die USA verloren haben. Sie treffen sich im heutigen Hanoi wieder, weil es ihnen ein Anliegen ist, Norm, den fünften Kumpanen in ihren Reihen, den fünften der "5 Bloods", endlich heimzuholen, oder besser gesagt: Das, was von ihm übrig ist. Denn Norm wurde bei Gefechten im Dschungel erschossen und starb in den Armen seiner Kameraden. Sie haben damals die Stelle, wo er lag, markiert, um ihn später heimzuholen, aber es geht natürlich um mehr als die letzte Ehre für Norm (Chadwick Boseman): Als MacGuffin (Hitchcocks Bezeichnung für den Motor einer Filmdramaturgie) fungiert hier eine Kiste mit Goldbarren, die das Quartett dereinst im Dschungel zurückließ, und mit der man sich jetzt, im Alter, sanieren will - ganz amerikanisch und selbstsüchtig; dass kein Teil des Goldes bei Institutionen landen wird, die damit wohltätig werden, ist schon kurz nach Filmbeginn klar. Hier hat jeder ganz eigene egoistische Pläne.

Ein Blick auf die Straßen Amerikas 2020: Man hat diese Woche die Leiche von George Floyd begraben, das Begräbnis war huldvoll und voller Trauer. Schwarze Leben bedeuten etwas, deshalb demonstrieren die Menschen. Und zugleich zeigt Lee: Das Töten und Morden kennt kein Ende, denn nur ein kleiner Blick über die Schulter zeigt Dutzende, Hunderte Fälle auf, bei denen Schwarze in den USA ihrer Hautfarbe wegen zu Tode kamen. Lee verwebt solche Beispiele als Inserts in seine Filmhandlung, er bremst dann kurz das Tempo, weil ihm der Hinweis für die Aktualität der Probleme wichtig ist. Das Ermorden schwarzer Menschen, das ist beim Ansehen dieses Films schnell klar, hat System.

Die vier Veteranen Eddie (Norm Lewis), Paul (Delroy Lindo), Otis (Clarke Peters) und Melvin (Isiah Whitlock) durchleben bei ihrer Schatz- und Verblichenensuche in Vietnam, 45 Jahre nach Kriegsende, ihren Vietnam-Krieg noch einmal neu: Spike Lee besetzt für die Rückblenden keine jüngeren Schauspieler, sondern die alten Haudegen selbst, das ist ein erfrischender Einfall, die Brücke ins Gestern zu schlagen und die Zeitlosigkeit des Themas zu betonen. Aber Lee hantiert sowieso stets mit Charakteren, die Grenzgänger sind, anders würde man den Protagonisten die oft haarsträubenden Wendungen in der Handlung gar nicht abkaufen. Lee erzählt fast schon ein Epos im Tarantino-Style, nur dass hier alles ernst gemeint ist und nichts aus Referenzen auf die Popkultur besteht, sondern die Wurzeln dieses Regisseurs ganz kraftvolle Demonstrationen für Gerechtigkeit sind. Lee spielt auch mit den Filmformaten und -Materialien, um Gegenwart und Vergangenheit unterscheidbar zu halten, so heutig sind die Vorfälle.

Spannend ist auch die Einführung eines weißen Protagonisten, Monsieur Desrocher, gespielt mit fieser Rassismus-Fratze von Jean Reno. Der muss sich von den Veteranen dann Sätze sagen lassen wie: "Ohne Uncle Sam würdet ihr heute nur Deutsch reden, Schnitzel mit Sauerkraut fressen anstatt Croissants und Weinbergschnecken". Und das einem Franzosen!

Zynisch humoreske Details

Die schwarzen Soldaten verteidigen das Land, das sie - freundlich gesagt - despektierlich behandelt. Lee lässt sie im Film das Trump-Amerika radikal ablehnen: "Wir Schwarze, die das Arschloch als einzige nicht gewählt haben, lehnen jede Verantwortung für den Klansman im Oval Office ab", heißt es da einmal. Jedoch, die Erkenntnis folgt auf dem Fuß, dass Trump nur die Spitze eines Eisbergs von Problemen ist. "Wir kämpfen in einem unmoralischen Krieg, für Rechte, die wir niemals hatten". Das war den afroamerikanischen Soldaten bereits in den 1960ern und 1970ern im Dschungel von Vietnam bewusst.

Klar, dass jemand wie der energisch argumentierende Lee es sich nicht nehmen lässt, in "Da 5 Bloods" allerlei zynische und humoreske Details einzubauen, etwa ein Kapperl, auf dem "Let’s Make America Great Again" steht, Trumps Wahlspruch von 2016. Oder, dass das viele Gold in der Kiste, das hier nicht nur von den vier übrig gebliebenen "Bloods" gesucht wird, just bei der Verrichtung der Notdurft entdeckt wird. Und dass ausgerechnet der Fußlahme aus der Combo sich via Tretmine ins Jenseits befördert. Es bleibt nicht die einzige Mine dieser Art. Spike Lees Zeitkommentare stecken im (absurden) Detail, auch deshalb ist der Vergleich mit Tarantino gültig: Es gibt wenige Regisseure, die ihre Handschrift mit solcher Akribie ausarbeiten und in ihrem Werk verteilen, auf dass es ein Vergnügen ist, ihre Verschmitztheit zu entdecken. Es gibt viele wahnwitzige Momente in "Da 5 Bloods", als sei das Übertreiben ein Mittel, um die gegenwärtige Stimmung in den USA nicht bloß zu reflektieren, sondern sie auch zu verarbeiten: Eine französische Tretminen-Aktivistin (Mélanie Thierry) bringt gar Erotik in den Dschungel, "Apokalypse Now" ist hier optisch wie musikalisch (mit Wagners "Walkürenritt") präsent, und das "Great-Again"-Kapperl landet bald auf dem Kopf eines der "Schlitzaugen", wie die Soldaten die Vietnamesen gerne nennen. Rassismus kennt keine Grenzen.

Überall im Dickicht dieses durchaus verrückten Films stößt man zu Lees Wurzeln vor: Er, der in den 80er Jahren das New Black Cinema miterfunden hatte und Filme über Malcolm X oder das Blackfacing in der US-Unterhaltungsbranche ("Bamboozled") drehte und schon in "Do the Right Thing" (1988) die Ermordung eines Schwarzen durch den Schlagstock eines weißen Cops zeigte, hat mit "Da 5 Bloods" ein Buddy-Movie kreiert, das wie ein Spiegelbild für die US-Gegenwart funktioniert. Auch, wenn hier vieles übertrieben und zugespitzt wirkt: Nach George Floyds Tod ist klar, zugespitzt ist hier nichts.