Sommerzeit ist Reisezeit, doch in Corona-Zeiten sehen die Pläne der Österreicher ein wenig anders aus als sonst. Zumindest, wenn es nach der Österreich-Werbung geht, die sich ob der zahlreichen Reisewarnungen und Vorsichtsmaßnahmen auf einen Sommer daheim einstellt: Die Österreicher sollen im eigenen Land verreisen, das wäre für alle gut, heißt es.

In einer Zeit, in der Auslandsreisen eher zu den Ausnahmen gehörten, war der Urlaub im eigenen Land schwer in Mode: Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war der Begriff Tourismus noch kaum geläufig, man sprach vielmehr von der Sommerfrische. Das Filmarchiv Austria widmet sich diesem Thema derzeit in seiner digitalen Online-Retrospektive "Kino auf Sommerfrische", die noch bis 9. Juli auf www.filmarchiv.at zu sehen ist.

Rares Filmmaterial

Wobei: So eingeschränkt war man im eigenen Land damals nicht, schließlich war die Donaumonarchie ein monströses Gebilde, wo man Reisen in allerlei Kronländer unternehmen konnte. Online in vier wöchentlich wechselnd bespielten Kanälen sind die Zeugnisse solcher Reisen zu sehen: Im Kanal "K.u.K. Kinoreisen" kann man sich durch rares Filmmaterial klicken, das etwa Bozen im Jahr 1913, Zagreb 1912, Budapest 1916 und Meran im Jahr 1912 zeigt.

"Seit Beginn des Kinos eroberten Kameras die schönen Landschaften und produzierten Bilder einer begehrenswerten Welt jenseits des Alltags", erläutert Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchiv Austria, die Beweggründe seiner Online-Schau. "Dass sich ganze Regionen in touristische Sehnsuchtsräume verwandelten, das hatte ursächlich mit dem neuen Medium Film zu tun". Die Freuden dieser Filmpioniere sind anhand historischer Originalaufnahmen aus dem Bestand des Filmarchivs ausgestellt. So geht es zum Beispiel im zweiten Kanal der Schau "Postbusreisen vor 100 Jahren" um eine "kinematografische Landvermessung" durch den Kulturfilmpionier Karl Köfinger, der ab 1920 seine Reisen quer durchs Land dokumentierte, immer an Bord der damals in Mode kommenden Postbusse. Mit dem Cabrio-Bus (!) kurvte er zum Beispiel über den holprigen Zellerrain zum Erlaufsee und nach Mariazell, eingefangen in schwarzweißen Postkartenmotiven.

Köfinger liebte das Mariazellerland und bereiste es über mehrere Routen, von Wien aus, aber auch von Graz oder Admont und Bad Aussee. Es waren Werbefilme für die Post, um das fahrende Vehikel Postbus anzupreisen, doch zugleich sind dies auch seltene Dokumente eines Reise-Alltags in der Ersten Republik. Man hat damals damit auch im Ausland für Österreich geworben, und selbst auf den Schiffskinos der Atlantikroute liefen Köfingers Filme.

Im dritten Kanal der Online-Schau geht es um "Projizierte Heimat", es sind Dokumente aus dem austrofaschistischen Ständestaat der 1930er Jahre zu sehen, die den Heimatbegriff neu definierten. Brauchtum und Tradition standen im Vordergrund dieser staatlichen Wochenschaupropaganda, vom bunten Faschingstreiben in Aussee bis hin zur Apfelernte in der Steiermark.

Blüte des Tourismus

Schließlich zeigt das Filmarchiv im Kanal "Reisefieber in Agfacolor" Filme aus den 1950ern und 1960ern, als der Tourismus in Österreich nach den mageren Kriegsjahren zur Blüte gelangte. Der Fremdenverkehr wandelte sich von der Sommerfrische zum Massenvergnügen, die frühen Farbfilme der damaligen Zeit verklärten die Sicht aufs Land in Pastelltönen, auch die Tradition steht nach wie vor im Mittelpunkt dieser Tourismusfilme, etwa bei einem Ausflug nach St. Gilgen am Wolfgangsee, wo man erfährt, dass Wolfgang Amadeus Mozarts Mutter von hier stammte.

"Unser Heimkinoprogramm zeigt, wie sie wirklich war, die gute, alte Sommerfrische", sagt Kieninger, der sämtliches gezeigtes Material im eigenen Haus einer aufwendigen Restaurierung unterzog. Die Köfinger-Filme etwa wurden von leicht entflammbarem Nitrofilmmaterial auf Sicherheitsfilm kopiert, die Bilder aus der Kaiserzeit digital restauriert. So zeigt sich "Kino auf Sommerfrische" nicht nur als "kleine Kulturgeschichte des Reisens im 20. Jahrhundert", wie Kieninger sagt, sondern auch als Leistungsschau des Filmarchiv Austria, die darauf hinweist, wie wichtig Archivarbeit für das Bildnis einer Nation ist.