Der Kirchturm von Alt-Graun am Reschensee in Südtirol ist das letzte Zeugnis einer vom Menschen gemachten Naturumformung: In den 1950er-Jahren hat man hier das Wasser der Etsch aufgestaut und einen künstlichen See geformt, der ein Wasserkraftwerk speist. Die Menschen wurden umgesiedelt, 163 Häuser fielen der Aktion zum Opfer. Einzig der Kirchturm der Pfarre St. Katharina blieb und ragt da als weithin sichtbares Zeichen von der Einhaltung des Denkmalschutzes aus dem See. Eine beinahe drollige Ansicht und in vielerlei Hinsicht auch ein Symbol für das gottesfürchtige Tiroler Land, aber die Drehbuchautoren Giovanni Galaxis, Ivana Fachin und Tommasi Matano ließen sich von dem Kirchturm zu einer entrischen Mystery-Horror-Serie inspirieren, die in sieben Episoden neu bei Netflix zu sehen ist. "Curon" heißt diese italienische Serie, genannt nach dem italienischen Namen von Graun im Vinschgau, das am Ufer nahe des Kirchturms liegt.

Mürrische Gesten

Viel Finsternis kennzeichnet die neue Netflix-Serie "Curon", und ausgerechnet vom prägnanten Kirchturm im See gibt es keine Fotos. - © Loris T. Zambelli
Viel Finsternis kennzeichnet die neue Netflix-Serie "Curon", und ausgerechnet vom prägnanten Kirchturm im See gibt es keine Fotos. - © Loris T. Zambelli

Wenn man bei der abendlich einsetzenden Düsternis mit der Drohne über den See auf den Turm zufliegt, dann gibt das wahrlich ein schauriges Bild; es ist der Hintergrund für die Story, die sich um seltsame Vorkommnisse im Ort dreht. Anna Raina (Valeria Bilello) kehrt nach 17 Jahren in Mailand in ihre alte Heimatgemeinde zurück, im Gepäck hat sie ihre beiden 17-jährigen (sic!) Zwillinge Mauro (Federico Russo) und Daria (Margherita Morchio). Anna wurde einst von ihrem Vater Thomas (Luca Lionello) vertrieben, nachdem ihre Mutter ermordet wurde. Im alten, der Familie gehörenden Hotel, einem verlassenen Prachtbau, will sie nun wieder heimisch werden, ihre Motivation bleibt allerdings im Dunklen. Vater Thomas wehrt sich gegen die Rückkehr der Tochter und seiner Enkel und legt mürrische Gesten an den Tag. Mauro und Daria, die ein Leben in der Metropole Mailand gewohnt sind, finden sich in der örtlichen Schule nur schwer zurecht. Während der schwerhörige Mauro eher in sich verschlossen ist und nachts mit seiner Drohne die Gegend erkundet, ist Daria die Rebellin der Familie, die sich nicht nur ungeniert bei der Selbstbefriedigung erwischen lässt, sondern bei der Dorfparty mit ihrer neuen Klassenkollegin Micki (Juju Di Domenico) rumknutscht und in dieser falsche Hoffnungen weckt. Lesbisch zu sein, das ist im Dorf heute immer noch ein Problem, die beschmierten Wände mit Hassparolen lassen daher nicht lange auf sich warten.

Als Mama Anna plötzlich spurlos verschwindet, brechen Daria und Mauro auf, um sie zu finden. Sie erfahren von einer Liebesaffäre, die Mickis Vater Albert mit Anna hatte, bevor sie den Ort verließ. Sie lernen zudem, dass jeder Wolf (und wohl auch jeder Mensch) zwei Seiten hat, und es nur darauf ankommt, ob man die gute oder die böse Seite in ihm mehr füttert. Die besser gefütterte Seite erhält die Oberhand. Eine Küchenpsychologie, aus der sehr viele Filmhandlungen gestrickt sind, und so ist es auch in "Curon". Und dann ist da noch der ominöse Kirchturm, der keine Glocken mehr hat, aber wer ihn läuten hört, weiß: Das eigene Ende ist nahe.

Zuweilen erinnert der Plot an die deutsche Netflix-Serie "Dark", die ein ähnliches Setting aufweist, aber "Curon" will vor allem mit seiner Düsternis überzeugen. Es gibt in jedem von uns zwei Seiten, und dieses nicht eben neue Konzept wird nach allen Regeln der TV-Dramaturgie ausgebreitet.

Wenig Lokalkolorit

Das Zwillingsmotiv steht dem Konzept brav zur Seite, viele Hinweise zu späteren Auflösungen sind über die Serie verstreut, man tut sich allerdings oft schwer, sie zu sehen, weil alles hier so dunkel ist. Die Düsternis verhindert auch die Abbildung von Lokalkolorit, von der die Serie allerdings profitieren würde. Schließlich gibt es nichts Grauenvolleres, als ländliche Sitten und Gebräuche, die für einen Horrorfilm zweckentfremdet werden. Doch das findet hier nicht statt: Außer der vielen Kruzifixe, die im Dorf überall zu finden sind, erschöpft sich die lokale Färbung in ein paar kleinen Zeilen, die die Synchronsprecher auf Tirolerisch synchronisieren (sie tun so, als könnten sie das).

Als Ko-Produktion mit einem österreichischen Partner wäre diese lokale Verortung wohl besser gelungen, aber so ist es der Ausflug zweier Mailänder Kids in eine für sie unbekannte Welt, in der sie sich nicht zurechtfinden. Zugleich ist hier alles wenig effizient erzählt, es gibt sogar bei den gruseligsten Szenen Langatmigkeit, offenbar, um auf die nötige Länge zu kommen. Aber doch: Das Grundthema von "Curon" ist spannend, wenn auch nicht sonderlich originell. Vielleicht ist es zu wenig, eine komplette Serienhandlung rund um einen Kirchturm im Wasser aufzubauen, auch wenn dieser wirklich furchteinflößend ist.