Als der kleine Lars Erickssong und die kleine Sigrit Ericksdottir im Jahr 1974 mit ihrer isländischen Familie vor dem Fernseher sitzen und den Eurovision Song Contest verfolgen, bei dem ABBA mit "Waterloo" einen fulminanten Sieg feierten, ist es um die beiden geschehen. Fortan ist es ihr Lebenstraum, auch einmal am Song Contest teilzunehmen und ihn - selbstredend - auch zu gewinnen. Für Island.

"Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga", neu im Programm von Netflix, erzählt von diesem Lebenstraum. Regisseur David Dobkin springt nach der ABBA-Episode ins Island der Jetztzeit: Lars (Will Ferrell) und Sigrit (Rachel McAdams) sind ihrem Heimatstädtchen am Meer treu geblieben, und auch ihre Ambition, es bis zum Song Contest zu schaffen, ist noch am Leben. Sie haben das Duo Fire Saga gegründet und tingeln damit durch die kleinen Pubs und Lokale, aber ihre Musik kommt nicht an. Statt die ambitionierten Eigenkompositionen von Lars wollen die Zuhörer lieber isländische Gassenhauer hören, doch die Musiker lassen sich nicht unterkriegen. Auch, wenn sie eher unterirdisch klingen - ganz ehrlich.

Sympathische Versager

Aber das macht den Reiz dieser Figuren aus, die mit Ferrell und McAdams glänzend besetzt sind. Über Lars thront eine übermächtige Vaterfigur, gespielt in bester, graubärtiger Käpt’n-
Iglo-Façon von Pierce Brosnan. Der Papa ist Fischer und hat das halbe Dorf begattet, weshalb Lars viele Halbgeschwister hat. Aber niemand hat es zu so wenig gebracht wie Lars, findet sein Vater.

Lars und Sigrit zeichnet der Film als sympathische Versager: Er, ein lebensfremder Dorftrottel, zurückgeblieben insofern, als er seinen Bubentraum noch immer in größter Naivität verfolgt. Sie, eine an die Existenz von Elfen glaubende Träumerin, die nicht nur für die Musik und den ESC schwärmt, sondern auch für Lars. Doch der hat nur sein Ziel vor Augen. Und schließlich hat das mit den Beziehungen innerhalb von Bands noch nie gut funktioniert, siehe ABBA.

Und dann passiert es: Das Demoband von Fire Saga wird zufällig gezogen, weil statutengemäß zu wenig Bewerber für den isländischen Vorentscheid vorhanden sind. Durch einen gar nicht so zufälligen Zufall gelingt es Fire Saga sogar, den Bewerb zu gewinnen, obwohl die Performance total in die Hose geht. Aber manchmal meint es das "Schicksal" einfach gut mit einem. Und während sich Lars und Sigrit ohne Ende freuen, endlich ihren Traum leben zu dürfen, ist man beim Komitee nicht unglücklich, dass nun die zwei größten Tölpel für Island zum ESC fahren - schließlich besteht dann nicht die Gefahr, zu gewinnen und im Folgejahr die sündteure Gala ausrichten zu müssen - in dem von der Finanzkrise so arg gebeutelten Land.

Lars und Sigrit tauchen ein in die Vorbereitungen für den großen Showabend; ab hier wird "Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga" zum fulminanten Blick hinter die Kulissen der Mega-Show, gesehen aus den zwei naiven Augenpaaren dieses lebensbejahenden Duos, das, eigentlich ob ihrer vielen Mankos und der öffentlichen Anfeindungen, total deprimiert sein sollte. Aber nein: Fire Saga kämpfen furchtlos weiter.

Für ESC-Fans gibt es viele interessante Einblicke in den Backstage-Bereich der Show. Und bei einer großen Sing-Along-Sequenz kann man dutzende bisherige ESC-Teilnehmer erspähen, die allesamt in Cameo-Auftritten durchs Bild huschen. Netflix hat ersucht, diese Promis nicht zu spoilern, aber man kann sich ja denken, wer aus Österreich bei diesem Gesangsauftritt dabei ist.

Lars und Sigrit fühlen sich jedenfalls sichtlich wohl in dieser Glitzerwelt, in der sich bald der russische Kandidat Alexander Lemtov (Dan Stevens) als schärfster Konkurrent erweist. Und auch die zahlreichen Pannen bei den Proben lassen einen Sieg von Fire Saga scheinbar in weite Ferne rücken.

Regisseur David Dobkin erzählt all das dank des komischen Talents von Will Ferrell als ulkig-slapstickhafte Mischung aus Komödie und Tragödie, in der es auch Fantasy-Elemente gibt. Der Film spielt bei einem fiktiven Eurovision Song Contest im Jahr 2020, sodass es nun wenigstens auf Netflix einen solchen gab, nachdem der echte wegen Corona abgesagt werden musste. Und während Will Ferrell und Rachel McAdams auf ein dramatisches Finale zusteuern, bei dem es unter anderem außer Kontrolle geratene Laufräder, mordlustige Banker und einen Bühnenauftritt in Fischerkleidung gibt, rührt die Geschichte am Ende nicht nur wegen ihres Vater-Sohn-Konfliktes, sondern auch ob der Erkenntnis, dass es Elfen wirklich gibt.