Seit 19. Juni haben etliche Kinos in Österreich wieder aufgesperrt, und ab dieser Woche gelangen die ersten "frischen" Filme in deren Projektoren: Zum Beispiel die Musikromanze "The High Note", in der Dakota Johnson als persönliche und überforderte Assistentin einer launischen Popdiva zu sehen ist (eine Filmkritik ist am Donnerstag in der "Wiener Zeitung" erschienen). Zwar kann man diesen Film noch nicht in allen Kinos sehen, denn der Marktführer Constantin sperrt seine Cineplexx-Kinos erst am 15. Juli wieder auf, weil sich die schnelle Öffnung der Kinos bei solch großen Betrieben als unmachbar herausstellte - für den Kinobetrieb und die Sicherheitsvorkehrungen braucht es gerade bei großen Häusern wochenlange Vorlaufzeiten.

Aber "The High Note" ist österreichweit in rund 30 Kinos zu sehen - und ist der erste Film, den Verleiher Universal Pictures zeitgleich auch als Stream bei Portalen wie Amazon, Apple TV+, Google Play, Sky oder iTunes veröffentlicht. Dort kann er gegen Leihgebühr von 14,99 Euro gestreamt werden.

"Cinema first" gilt nicht mehr

Ein Faktum, das so manchem Kinobetreiber den Angstschweiß auf die Stirn treiben könnte. Denn bisher hat man weltweit peinlich genau darauf geachtet, das "Kinofenster" einzuhalten, also den Vorsprung oder das Erstrecht, Filme auszuwerten. Dieses Zeitfenster beträgt in den USA derzeit drei Monate, in Deutschland und Österreich mindestens vier, meistens auch sechs Monate. Erst danach können Filme auf anderen Medienkanälen ausgewertet werden. Doch die Parole "Cinema First", sie gilt nicht mehr. Und die Corona-Krise hat daran einen großen Anteil.

In Wahrheit gibt es seit Jahren Bestrebungen seitens der neuen Big Player im Business, Netflix und Amazon Prime Video, die Kinobarriere aufzuweichen. Andererseits nutzten die besagten Dienste auch die Möglichkeit, Eigenproduktionen (zumindest kurz) ins Kino zu bringen, denn nur so haben sie Chancen auf begehrte Filmpreise wie die Oscars. Dort wird ein Kinostart zwingend vorausgesetzt.

Die Kultureinrichtung des Lichtspielhauses ist also in ernsthafter Gefahr, denn wenn man ihr die Relevanz nimmt, indem sie kein exklusiver Ort der Sichtung von Filmen mehr ist, läuft sie Gefahr, zum Nischenphänomen zu werden, wenn die meiste Kundschaft die Filme lieber daheim streamt. Vom einstigen Massenphänomen zur Nische, das hat schon viele Medien getroffen, etwa die Schallplatte, die Musikkassette und inzwischen auch die CD. Aber Kino ist eben mehr als bloß ein Projektor (in dem im Übrigen auch längst kein Film mehr rattert, sondern digitale Festplatten). Doch die soziale Komponente des Kinobesuchs ist durch Corona ebenfalls stark eingeschränkt. Und mit dem Aufziehen einer zweiten Infektionswelle am Horizont, die viele Virologen bereits als fix erachten, dürfte es auch auf Monate hinaus noch keinen Normalbetrieb geben.

Verständlich ist die Aktion von Universal Pictures aus deren Sicht allemal: Schließlich will man die aufwendig hergestellte Filmware auch möglichst breit zu Geld machen, und in unsicheren Corona-Zeiten sind solche parallelen Auswertungen natürlich ein erster Versuch, wie sehr das gelingen kann. Man wird in Kürze sehen, wie viele Menschen die auf 250 Besucher beschränkten Säle aufsuchen und sich zwei Stunden in einen geschlossenen Raum setzen, und wie viele lieber gänzlich ungefährdet aufs Tablet oder den Flachbildschirm starren.

Boykottaufrufe

Optimisten rechnen damit, dass die Lust auf die große Leinwand überwiegen wird, aber viele sehen die Entwicklung auch skeptisch. In den USA riefen einige Kinobetreiber sogar zum Boykott von Universal-Filmen auf, nachdem das Studio seinen Animationsfilm "Trolls World Tour" zu Beginn der Corona-Krise direkt ins Streaming schob und die Kinoauswertung ersatzlos strich. Inzwischen ist der Film vereinzelt auch in heimischen Kinos "nachgestartet". Aber er war auch online sehr erfolgreich und überschritt nach nur drei Wochen die magische 100 Millionen-Dollar-Marke.

Wenige Kopien, wenig Ertrag

Auf die Kinobetreiber kommen solche Praktiken jedenfalls zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Gerade, weil in den USA derzeit die Kinos nur sporadisch öffnen und das jeweils auf Bundesstaaten-Ebene entschieden wird, gibt es keine landesweiten Filmstarts, und "The High Note" startete dort daher ausschließlich online. Solange es keine flächendeckend geöffneten US-Kinos gibt, werden auch die Studios mit der Veröffentlichung ihrer Filmware zögerlich agieren - in normalen Zeiten sind oft tausende Kopien im Einsatz, aber wenn nur ein Bruchteil der Leinwände bespielt werden kann, ist ein Release nicht wirtschaftlich. Das schwappt dann auch auf Europas Kinos über, die Filmware aus Hollywood dringend brauchen.

Dennoch macht ein neues Beispiel Schule: Die Studios sind dazu übergegangen, ihre Filme den Streaminganbietern einfach zu verkaufen - so geschehen mit Paramount Pictures’ "Die Turteltauben", der auf Netflix Premiere feierte anstatt im Kino. Oder das Kriegsdrama "Greyhound" mit Tom Hanks, das Apple TV+ gekauft hat. Angeblich für 70 Millionen Dollar. Bei Disney+ wird - ohne Umweg über das Kino - demnächst Kenneth Branaghs Jugendbuchverfilmung "Artemis Fowl" zu sehen sein. Die Liste der geplanten Titel, die direkt ins Heimkino wandern könnten, ist lange.

Die Branche ist uneins, probiert derzeit viele verschiedene neue Wege aus. Offiziell spricht man nicht darüber, nicht bei Disney, nicht bei Universal. Aber es zeichnet sich ab, wohin das Kino sich in wenigen Jahren entwickeln dürfte: Zur Abspielstätte von Blockbustern, die die große Leinwand brauchen. Für kleinere Dramen ohne große Effekte wird das große Bild wohl bald der Vergangenheit angehören.