Undine, das Sagenwesen, das aus dem Wasser steigt und die Männer, die es verlassen, hinwegrafft. Das ist die Prämisse für Christian Petzolds neuen Film "Undine", in dem Paula Beer und Franz Rogowski zu einem Liebesduett voller magischer Momente zusammenkommen. Der Spielort: Berlin, das Sagenwesen: eigentlich eine Museumsführerin, die Interessierten die Berliner Geschichte näherbringt. In ihren Pausen huscht sie rüber ins kleine Café, dort trifft sie ihren Freund. Der aber eröffnet ihr, sie verlassen zu wollen. Ein böser Fehler.

Paula Beer als Sagengestalt Undine taucht in Christian Petzolds Film gleich mehrfach auf. - © Polyfilm
Paula Beer als Sagengestalt Undine taucht in Christian Petzolds Film gleich mehrfach auf. - © Polyfilm

Zugleich keimt da eine neue Romanze: Der Industrietaucher Christoph ist so Feuer und Flamme für Undine, dass er mit ihr nur Minuten nach dem Kennenlernen ein volles Aquarium zum Bersten bringt, das sich über die Liebenden in spe ergießt. Christian Petzold spielt viel mit märchenhaften Metaphern in seinem Film, er legt die gesamte Erzählung als klar fokussiertes Spiel an, das dennoch verträumt wirkt. Wie schon in Petzolds letztem Film "Transit" spielen Beer und Rogowski wieder mit maximaler Zärtlichkeit und Hingabe, was den Zuschauer in die Gefühlswelten der Protagonisten saugt. Petzold nahm sich Ingeborg Bachmanns Erzählung "Undine geht" zur Vorlage, in der mit der männerdominierten Welt abgerechnet wird.

Filmemacher Christian Petzold. - © Katharina Sartena
Filmemacher Christian Petzold. - © Katharina Sartena

"Wiener Zeitung":Herr Petzold, wie kam es zu "Undine"? Warum ist jetzt für Sie die richtige Zeit für ein Märchen?

Christian Petzold: "Undine" ist nicht mein erstes Märchen. Vor 16 Jahren habe ich mit "Gespenster" ja schon mal ein Märchen erzählt. Dieses beruht auf einem Grimm-Märchen, die so grausam sind, dass man sie den Kindern nicht vorlesen kann am Abend. Da ging es um eine junge Mutter, die ihr Kind verliert und wahnsinnig trauert. Sie stellt jeden Tag Mahlzeiten für sie hin. Und das Kind kommt immer wieder aus seinem Grab an den gedeckten Tisch und sagt der Mutter: "Du musst aufhören damit. Sonst finde ich keine Ruhe im Grab!" Diese Geschichte hatte ich damals nach Berlin verlegt.

Bei "Undine" geht es hingegen weniger grausam zu.

Der Film ist für mich ein Berlin-Film. Denn wieder habe ich eine Geschichte hierher verlegt, die eigentlich ihren Ursprung woanders hat. Der Kontrast hat mir gefallen: Berlin, die Nüchterne, konfrontiert mit einer solchen Liebesgeschichte. Ich wollte ein Märchen in dieser Stadt ansiedeln, um zu zeigen, dass dieses Märchen brutale protestantisch-preußische Nüchternheit aufbrechen kann.

"Undine" soll der Auftakt zu einer Trilogie sein, ist das richtig?

Ich hatte große Freude beim Dreh, und deshalb setze ich mich mit der Ankündigung, eine Trilogie zu machen, selbst unter Druck, damit ich möglichst lange mit den Leuten weiterarbeiten kann, mit denen ich diesen Film gemacht habe. Es gibt auch schon konkrete Pläne: Es schwebt mir eine George-Simenon-Verfilmung vor, er ist mein Lieblingsschriftsteller. Den Film kann man zur Trilogie zählen und - nach "Undine" und Wasser - zum Element Erde rechnen. Denn es geht um ein dystopisches Deutschland und am Ende um ein Mädchen, das in der Erde liegt.

Alle vier Elemente bekommen Sie aber nicht in einer Trilogie unter.

Es gibt Erde, Luft, Wasser und Feuer. Zum Thema Feuer habe ich übrigens auch schon Ideen. Da möchte ich gern einen Film über eine Feuersbrunst im Land Brandenburg machen. Über einen Mann, der ins Feuer geht. Zum Thema Luft schwebt mir ein Film über eine Pilotin vor. Wenn das alles so klappt, habe ich die nächsten zehn Jahre zu tun mit diesen Elementen.

"Undine" hat auf den ersten Blick nichts Politisches, eher Poetisches. Ein Novum für Sie.

Aber eben nur auf den ersten Blick. Unpolitisch kann ich gar nicht sein, ich glaube auch, es gibt keine unpolitischen Filme. Meine Figuren hier leben in einer vom Kapitalismus entzauberten Welt, in der Gefühle zur Ware geworden sind. Doch es gelingt ihnen, einen Zauber zu finden an den Orten, die sie umgeben. Sie müssen ihnen nicht entfliehen. Undine als Wassergeist ist dabei natürlich eine Metapher, und solche Wassergeister gibt es in vielerlei Märchen. Wirklich darauf gestoßen bin ich aber erst in Ingeborg Bachmanns "Undine geht", in dem das mythische Wesen sagt: "Ich bin ein Subjekt und ihr seid Unmenschen! Ich will nicht mehr von euren Begehren leben."

Wie früh denken Sie bei Ihren Arbeiten an die Besetzung der Figuren?

Schon bevor ich schreibe. Ich kann erst richtig mit dem Drehbuchschreiben beginnen, wenn ich weiß, wer meine Figuren spielt. Dann gibt es einen Widerstand, den ich brauche beim Schreiben. Auch die Gegenden muss ich gesehen haben, bevor das ein Filmset wird. Dadurch reflektiert man die Welt anders. Ich sperre auch keine Straßen ab beim Drehen, das finde ich imperialistisch.

Wer Ihre Unterwasseraufnahmen sieht, fühlt sich unweigerlich an Guillermo del Toros oscargekrönten Film "The Shape of Water" erinnert.

Den Film habe ich bis heute nie gesehen, ehrlich. Der Film, den ich so ein bisschen als Referenz für "Undine" sehe, ist "Der Schrecken vom Amazonas", den auch del Toro als Vorbild angab. Jedenfalls mussten wir die Unterwasserwelt bauen, denn mit Computeranimationen sieht das schnell tot aus und läuft drei Wochen später auf einem zweitklassigen Privatsender. Ich halte es mit Scorsese, dass man die Sets bauen muss, denn es geht nicht nur um die Verzauberung des Zuschauers im Kino, sondern auch um die Verzauberung der Schauspieler am Set, die sich dann viel besser vorstellen können, was sie spielen.

Ist Paula Beer die neue Muse des Christian Petzold, nachdem es lange Jahre Nina Hoss war?

Wer weiß, vielleicht werden es mal beide? Als ich meinen ersten Film mit Paula Beer gedreht hatte, das war "Transit" und wir waren in Marseille, da kamen eines Tages die großen französischen Medien und haben mir genau diese Frage gestellt. Eben weil Nina durch unsere Filme sehr populär war in Frankreich. Ich fand diese Frage Nina gegenüber nicht in Ordnung. So als ob ich, wenn eine Frau 40 wird, eine 20-Jährige brauche. Ich brauche Frischfleisch. Das steckt ja in diesem Musenbegriff ein bisschen drin. Und das war ja nicht so. Also habe ich gesagt, dass Franz Rogowski meine neue Muse ist. Was auf "Transit" übrigens auch zutraf.

Was macht das Zusammenspiel zwischen den beiden aus?

Ich habe noch nie zwei Menschen gesehen, die so miteinander tanzen können. Die sich nicht auf die Füße steigen. Die beide anmutig sind, respektvoll. Die schön miteinander sind, wirklich schön. Und auch so arglos. Also um es nochmal deutlich zu sagen: Das, was die beiden herstellen, ist meine neue Muse.

Dadurch wird Ihr Märchen gleich noch märchenhafter...

Das Kino ist der Ort, an dem man die Welt zum Singen bringen kann. Wenn die Märchen auf die Wirklichkeit treffen, schaffen es die Märchen, uns in eine Zeit zu versetzen, in der das Wünschen noch geholfen hat.