Die meisten dieser 18 Kurzfilme sind sieben, acht Minuten lang, manche auch zehn, und entstanden mit einfachsten Mitteln. International renommierte Filmemacher zückten ihr Smartphone und drehten ihre Eindrücke von der eigenen Quarantäne während des nahezu weltweiten Lockdowns der Corona-Krise. Das Ergebnis heißt "Homemade", ist neu auf Netflix zu sehen und reflektiert die unterschiedlichsten Impressionen, die jedoch eines gemeinsam haben: Wir haben sie allesamt auch am eigenen Leib verspürt in dieser Zeit des "Herunterfahrens".

Es ist der erste Corona-Film, ein Panoptikum an zuweilen durchaus liebevollen Annäherungen an die eigene Familie oder auch an die Absurdität der ungewohnten Situation. Es gibt Geständnisse, die diese Krise überhaupt erst möglich gemacht hat, und es gibt depressive Verstimmung und erdrückende Müdigkeit in einer perspektivlos gewordenen Zeit. "Homemade" bildet das ganze Spektrum an Gefühlen ab, die wir die letzten Monate erlebt haben.

Ein Leben in einem Telefonat

Zum Beispiel bei dem Chilenen Pablo Larrain, dem Initiator dieses Projektes: Er zeigt einen Skype-Dialog zwischen einem alten, im Heim lebenden Mann, der sich voller Innigkeit an seine einst verlorene Liebe wendet; ein ganzes Leben in einem Videotelefonat, bei dem er seine Fehler eingesteht und sich beinahe schon fiebrig an gemeinsame sexuelle Begegnungen erinnert - allein: Die Gefühlsbeichte hat einen Haken, und die adrette Lady am anderen Ende der Leitung meint bald, das Virus wäre genau für Menschen wie ihn erfunden worden. "Viva il virus!"

Schauspielerin Kristen Stewart durchlebt in ihrem Kurzfilm eine depressive Isolation, aus der heraus sie nur mehr noch "Ich brauche eine kleine Pause" hauchen kann; der Blick aus dem Fenster, schlaflos, übernächtig, der Lärm von Los Angeles nur übertönt vom immerwährenden Grillenzirpen; Stewart füllt ihr durchlebtes Martyrium mit schauspielkünstlerischer Mini-Mimik.

Anders ist Rachel Morrisons Sicht auf dieses L.A. im Lockdown: In ihm spürt sie die kindliche Seele ihres fünfjährigen Sohnes auf, dem sie ein gefühlvolles Erinnerungsdokument an diese Zeit hinterlässt. Morrison schlägt eine Brücke in ihre eigene Kindheit, zu ihrer Mutter, die an Krebs starb; damals habe sie nichts davon mitbekommen, weil sie so behütet wurde. Auch ihrem Sohn will sie ermöglichen, in dieser seltsamen Zeit einfach Kind sein zu können.

Ähnlich wie Stewart verfährt die Japanerin Naomi Kawase in ihrem Beitrag, der wie eine Panikattacke wirkt. Eingesperrt sein mit Ausblick, malträtiert vom täglichen medialen Katastrophen-Kanon vegetiert Kawase durch den Film.

Der deutsche Regisseur Sebastian Schipper wiederum sieht sich bald doppelt und dreifach in der verordneten Einsamkeit: Eine wiederkehrende Leier aus Schlafen, Zähneputzen, Nudeln mit Tomatensauce und ein Gitarrenständchen kitzeln den Humor aus der tristen Lage. Das Medium Kurzfilm ist für solche pointierte Zuspitzungen ideal, weil ihm eine gute Idee reicht, um zu wirken. Schipper zeigt das mit Bravour.

Anders sieht der Italiener Paolo Sorrentino die Quarantäne, nämlich aus der Sicht zweier "Promis" im Lockdown: Die britische Queen besucht da den Papst in Rom, Sorrentino dekoriert das alles in seiner Wohnung und führt zwei Puppen mit der Hand, denen er charmante Dialoge in den Mund legt. Papst und Queen machen eine Tour durch den Vatikan, sinnieren über Rosenzucht und Barack Obama, ehe der Big Lebowski vorbeischaut und vom Lockdown erzählt. Die Queen sagt: "Ich bin seit 94 Jahren im Lockdown." Man muss schmunzeln, der Film ist eine Freude. Und die Erkenntnis folgt auf den Fuß: Eingesperrt sein, das ist zuallererst ein Geisteszustand.