Es ist eine dieser bitteren Hollywood-Inszenierungen, die auch Ennio Morricone passiert ist: Da schreibt man ein halbes Jahrhundert lang einige der wichtigsten Scores der Filmgeschichte und dann gibt es ausgerechnet erst zu einem Zeitpunkt den Oscar für die beste Filmmusik, an dem man beginnt, sich selbst zu zitieren.

Als Morricone 2016 für Quentin Tarantinos Western "The Hateful 8" den Oscar erhielt, da war das mehr die Würdigung eines Lebenswerks denn des konkreten Films: Auch, wenn Morricone darin noch einmal zu einer Hochform auflief, die ihn dereinst berühmt gemacht hat – der Score zu "The Hateful 8" ist am Ende doch mehr eine Hommage an das Genre denn eine originäre oder originelle Filmmusik. So war das im Werk von Tarantino schon immer, nur für Morricone war es neu. Aber im Unterschied zu Tarantino, der sich immer schon quer durch die Filmgeschichte geklaut hat, konnte Morricone bei sich selbst klauen, so umfangreich ist sein Oeuvre.

Ennio Morricone 2016 mit dem Oscar für die Musik in "The Hateful Eight". - © APAweb / Reuters, Mike Blake
Ennio Morricone 2016 mit dem Oscar für die Musik in "The Hateful Eight". - © APAweb / Reuters, Mike Blake

Jetzt ist Morricone mit 91 Jahren infolge eines Sturzes in Rom verstorben. Bis ins hohe Alter tourte er mit seiner Musik durch die Welt, er war längst sein eigenes Markenzeichen geworden; nicht viele haben das geschafft: Den eigenen Beruf (die eigene Berufung) so zu vermarkten, dass man trotz der an sich unspektakulären Arbeit eines Komponisten doch zu einem weltweit gefeierten Star avanciert. Morricone ist das gelungen, er füllte Konzerthallen, wenn er seine Stücke vor großem Orchestern dirigierte.

 Im Laufe seiner Karriere arbeitete der Römer mit weltbekannten Regisseuren wie Roman Polanski, Oliver Stone und Margarethe von Trotta zusammen. Aber auch klassische Musik und Fernsehmelodien hat er komponiert.  - © APAweb /AFP, Heikki Saukkomaa
 Im Laufe seiner Karriere arbeitete der Römer mit weltbekannten Regisseuren wie Roman Polanski, Oliver Stone und Margarethe von Trotta zusammen. Aber auch klassische Musik und Fernsehmelodien hat er komponiert.  - © APAweb /AFP, Heikki Saukkomaa

Zuarbeiter der Regie

Morricones Arbeit bestand allerdings nie nur im Komponieren eingängiger Melodien, das wäre ihm zu wenig komplex gewesen. Vielmehr arbeiten seine Scores dramaturgisch jedem Film zu. Morricones Musik erledigte das, was Michael Haneke für seine Filme seit jeher kategorisch ausgeschlossen hat, nämlich, dass sie die Arbeit des Regisseurs übernimmt, um seine Fehler zu kaschieren. Tatsächlich ist Morricone mit der Art, wie er seine Musik anlegt, immer ein Zuarbeiter der Regisseure gewesen, vor allem, wenn er mit Kompositionen und außermusikalischen Elementen die Bilder auf der Tonebene fortschrieb.

Morricones legendärste Filmmusik, jene zu Sergio Leones "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), mit ihrer flirrenden Mundharmonika und einem Zusammenspiel aus Geräuschen (darunter Maultrommeln, Kojotengeheule) und aufeinander abgestimmten, sehr einfachen Klangmustern ist das Paradebeispiel für seine Art, Filmmusik zu verstehen: Morricone reichte ein Dreiklang oder ein kurzes Motiv, um daraus die Themen für Figuren, ja für ganze Filme zu entwickeln. Diese scheinbare Einfachheit hat wenig mit den oft romantischen Orchester-Soundtracks von Kollegen wie John Williams, James Horner oder Danny Elfman zu tun, die viel symphonischer arbeiten als Morricone. Der Nachteil von Morricones Herangehensweise ist die klangliche Einfalt, die durch die Limitierung auf wenige Töne entstehen kann. Der Vorteil ist: Sein Sound wurde unverkennbar, viele seiner Scores brannten sich ins kollektive Gedächtnis der Filmgeschichte. Dieser meisterlich einfache Zugang zum Musikmachen fand auch viele Nachahmer, vor allem in der B-Movie-Szene und im Spaghetti-Western.

Mehr als 500 Filme

Es sind am Ende mehr als 500 Filme, zu denen der 1928 in Rom geborene Morricone die Musik beisteuerte. Morricones Einstellung zu seiner Arbeit war klar: Sein Schaffen würde er immer nur von Italien aus leisten, ein Umzug nach Hollywood kam für ihn nie in Frage. Auch seiner Weigerung, in Interviews oder bei Veranstaltungen Englisch zu sprechen, blieb er bis zuletzt treu. Und ebenso der durchaus einleuchtenden Aussage: "Einen schlechten Film kann selbst die beste Filmmusik nicht retten."

Dass der Italowestern an seinem Namen hängt wie kaum ein anderes Genre, liegt an den bekannten Scores zu Filmen wie "Für eine Handvoll Dollar", "Zwei glorreiche Halunken" und eben "Spiel mir das Lied vom Tod" – doch bei genauerer Betrachtung machen die Western in seinem Werk nur einen Bruchteil der Arbeiten aus. Der studierte Chormusiker und Trompeter, der 1947 als Theaterkomponist begann und wenig später zum Rundfunk wechselte, spendierte seine Klänge auch Filmen, die wenig mit Spektakel oder Hollywood zu tun hatten. So stammt etwa der Soundtrack zu Pasolinis "Decameron" von Morricone, ebenfalls jener zu Bertoluccis "1900". Er vertonte Dario Argentos Regiedebüt "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", Henri Verneuils "Die Schlange", Giuseppe Tornatores "Cinema Paradiso" sowie Roland Joffés "Mission", um relativ wahllos nur einige wenige Produktionen herauszugreifen.

Ab den 1990er Jahren arbeitete Morricone jährlich an bis zu 15 Filmmusiken, er schrieb aber auch für die Popwelt, etwa für Paul Anka, Andrea Bocelli, Morrissey oder die Pet Shop Boys. Ein ganz besonderes, weil ungemein einprägsames Beispiel seines Stils, mit nur wenigen Noten und simplen Melodien auszukommen, stellt die Musik zur italienischen Kult-TV-Serie "Allein gegen die Mafia" dar, die in den 80er und 90er Jahren auch in Österreich sehr populär war. Der Ehrenoscar, den man Morricone 2007 verlieh (mit einer Laudatio von Clint Eastwood), war ein Trost für ihn, nachdem er zuvor bereits fünf Mal erfolglos nominiert worden war. Das späte Oscarglück von "The Hateful 8" ließ seinen Traum schließlich doch noch wahr werden.

Kein "Uhrwerk Orange"

Interessant auch die Projekte, die Morricone nicht realisiert hatte: Schon für "Inglourious Basterds" wollte Tarantino ihn haben, doch daraus wurde nichts. Auch beim Spätwestern "Heaven’s Gate" von Michael Cimino hätte er um ein Haar mitgewirkt. Nach "Spiel mir das Lied vom Tod" war Morricone ins Visier von Stanley Kubrick gerückt, der ihn unbedingt für "Uhrwerk Orange" haben wollte, doch da Sergio Leone, der mit Morricone damals an "Todesmelodie" arbeitete, behauptete, der Komponist sei unabkömmlich (was gar nicht stimmte), zerschlug sich das Projekt. Morricone hat diese verpasste Gelegenheit stets bereut. Aber Leone hielt damals eisern die Hand über Morricone, der für ihn wertvoll wie Gold war. Vielleicht war dieses Gespann Leone-Morricone gerade deshalb so erfolgreich, weil beider Weltkarrieren sehr früh begannen, und zwar gemeinsam: Morricone teilte mit Leone schon die Schulbank. Manchmal sind die Dinge eben ganz einfach.