Vieles in diesem Sommer läuft anders als sonst, von Normalität kann keine Rede sein. Was das sommerliche Kinovergnügen anbelangt, macht man in Wien das Beste aus der unsteten Situation, und solange Kinos trotz steigender Corona-Zahlen noch offen halten können, gibt es im Kultursommer 2020 wenigstens ein ordentliches Angebot. Zum Beispiel im Österreichischen Filmmuseum in der Albertina: Dort, wo in den Monaten Juli und August normalerweise Sommerpause herrscht, hat man sich für einen durchgehenden Spielbetrieb entschieden, der ganz unter dem Motto "Endlich wieder Kino!" steht.

Im Filmmuseum: De Sicas "Umberto D." (1952). - © Filmmuseum
Im Filmmuseum: De Sicas "Umberto D." (1952). - © Filmmuseum

Im Mittelpunkt stehen Filme aus der eigenen Sammlung: "Während wir sonst für unsere Retrospektiven auf Filmkopien aus aller Welt zurückgreifen, erlaubt unser Sommerprogramm einen Blick in unser eigenes Archiv", sagt Filmmuseum-Direktor Michael Loebenstein. "In der Auswahl sehen Sie einige der besterhaltenen und schönsten Vorführkopien aus unserer Sammlung: von kanonischen Klassikern des Spiel- und Dokumentarfilms bis zur Avantgarde, wo wir den unlängst verstorbenen Bruce Baillie mit einem Double Feature würdigen".

Idee der Öffentlichkeit

Die Idee hinter der Schau ist eine neue Bewusstmachung des Mediums Film und seiner Abspielstätte, dem Kino. Soziale Distanz hat das Kino als öffentlichen Raum zum Stillstand gebracht, da sei es jetzt angebracht für alle Filmmuseen dieser Welt, darüber nachzudenken, "dass unsere eigentliche Daseinsberechtigung nicht allein im Sammeln, Bewahren und Präsentieren von Filmen liegt, sondern vielmehr im Erhalt und der Pflege einer Idee von Öffentlichkeit im Sinne des lateinischen ‚publicum‘. Denn das Publikum ist mehr als bloß eine Masse anonymer Konsumenten: Es sind Menschen, die sich an einem besonderen Ort zusammenfinden, wo das Aufeinandertreffen von kollektiver Neugier und Kunstwerken ein gemeinschaftliches Erleben ermöglicht", so Loebenstein.

Das Programm aus der eigenen Sammlung kann sich sehen lassen: So stehen in den nächsten Tagen unter anderem Meilensteine des Weltkinos wie "Professione: reporter" von Michelangelo Antonioni, "Beau travail" von Claire Denis, "Apokalypse Now Redux" von Francis Ford Coppola oder "Russian Ark" von Alexandr Sokurov auf dem Spielplan. Das hohe Niveau kann bis zum Schluss gehalten werden, unter anderem mit Filmen von Martin Scorsese, François Truffaut, Vittorio De Sica, Fred Zinnemann oder John Casssavetes - die Vorführungen kommen dabei wie stets üblich beim Filmmuseum von 35mm-Kopien. Echtes Kino also, wie früher.

Ebenfalls von 35mm-Kopien projiziert diesen Sommer das Filmarchiv Austria sein Open-Air-Kino-Programm im Wiener Augarten, das jeweils am Folgetag im Metro Kinokulturhaus wiederholt wird. Auch hier spielt man Filme aus der eigenen Sammlung, auch hier steht das gemeinsame Kinoerlebnis im Vordergrund. "Der programmatische Titel für unser diesjähriges Sommerkino lautet ‚Wien wie noch nie‘", erläutert Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchiv Austria. "Wir zeigen außergewöhnliche Stadtfilme aus 100 Jahren in wunderbaren 35mm-Kopien".

Niederschwellig digital

Schon während des Lockdowns hat das Filmarchiv Austria mangels geöffneter Kinos einen Teil seiner Aktivitäten ins Netz verlagert und dort das "digitale Heimkino" geschaffen. Dieses neue Standbein soll weitergeführt werden, denn, so Kieninger: "Wenn analog der kongeniale Präsentationsmodus von Film ist, unzertrennlich verbunden mit dem Ausstellungsort Kino, dann empfiehlt sich digital als komplementärer Katalog, als niederschwelliges kulturelles Begleitangebot". Weshalb das Filmarchiv Austria seine Schau "Wien wie noch nie" als Experiment anlegt, bei dem "der fruchtbare Dialog zwischen analog und digital, zwischen auratischem Kinoerlebnis vor Ort und weltweiter Vermittlung erprobt werden soll".

Ein Wien-Bild für die ganze Welt also, gezimmert aus Filmen wie Barbara Alberts "Nordrand", Carol Reeds "Der dritte Mann", Karin Bergers "Herzausreisser - Neues vom Wienerlied", Franz Novotnys "Exit... Nur keine Panik", Leo Tichats "Die Verwundbaren" oder "Mann im Schatten" mit Helmut Qualtinger. Eine Besonderheit sind Johann Schwarzers freche und freizügige "Herrenabend Films", die die Erotik im ausgehenden Habsburger-Reich zeigen. Da kann man einstige Männerfantasien betrachten, die Titel tragen wie "Das eitle Stubenmädchen" oder "Morgentoilette einer Lebedame". Die kurzen Filmschnipsel entstanden zwischen 1906 und 1908 und zeugen von einer längst vergangenen Zeit. Ideal also für das große Kino.