Manchmal gibt es Filme, von denen man annehmen könnte, dass es sie längst gegeben haben müsste. Und dann stellt man erstaunt fest: Bislang hat sich niemand diesen Geschichten angenommen.

"Harriet - Der Weg in die Freiheit" ist so ein Fall. Regisseurin Kasi Lemmons hat sich die wahre Geschichte von der Fluchthelferin Harriet Tubmann (Cynthia Erivo) vorgenommen, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Sklavin Minty auf einer Plantage von Edward Brodess (Mike Marunde) schuftet und wie so viele ihrer Leidensgenossen von einem besseren Leben in Freiheit träumt. Als ihr Arbeitgeber stirbt, scheint sich Mintys Lage zu verschlimmern, denn sie soll als Leibeigene von ihrer Familie getrennt und an einen neuen Besitzer im Süden des Landes verkauft werden. Doch Minty gelingt die Flucht und schafft es bis zur Anti-Slavery Society nach Pennsylvania, wo sie William Still (Leslie Odom Jr.) kennenlernt und sich mit Harriet Tubmann einen neuen Namen gibt.

Unter dem Eindruck der immer noch allerorts herrschenden Sklaverei beschließt Harriet, sich diesbezüglich zu engagieren - zuerst will sie ihren Mann John Tubmann (Zackary Momoh) retten; dieser ist zwar frei, aber in Maryland als Schwarzer sozusagen "Freiwild". Also reist Harriet in ihre alte Heimat zurück und gibt sich dort als "Moses" der "Underground Railroad"-Organisation aus. Und tatsächlich: Man kauft ihr zunächst ab, ein Mann zu sein. Doch das ist erst der Anfang für Harriets Pläne, als Fluchthelferin Menschenleben zu retten.

"Harriet - Der Weg in die Freiheit" kommt zu einer Zeit in die Kinos, wo Rassismus die Straßen in den USA dominiert. Der Film schlüsselt auf, weshalb ein Friede zwischen den Hautfarben in den USA bis heute unmöglich scheint. Allein, dass man Harriet Tubmanns Geschichte noch nie verfilmt hat, zeigt, wie nebensächlich der Umgang mit Rassismus von weißer Seite betrieben wurde und wird. Zugleich kommt der Film auch in einem Moment in die Kinos, in dem die Vereinigten Staaten vor einer Grundsatzentscheidung stehen: Den Trump-Weg der verbalen Gewalt und Twitter-Botschaften fortsetzen oder zur noch älteren Alternative greifen?

An den Wurzeln der "Black Lives Matter"-Bewegung

Auch die neue "Black Lives Matter"-Bewegung zeigt, wie aufgeladen die Stimmung gerade auf Amerikas Straßen ist - trotz einer gefährlichen Pandemie und trotz der Gewaltbereitschaft des Präsidenten. "Harriet - Der Weg in die Freiheit" geht an die Wurzeln dieser "Black Lives Matter"-Bewegung zurück und tut dies in der klassischen Manier von Biopics, die sich an den verschiedenen Lebensstationen der Porträtierten abarbeiten. Regisseurin Kasi Lemmons gelingt aber nur eine recht konventionell erzählte Inszenierung, die zwar optisch einiges hergibt, aber dramaturgisch schwächelt. Dennoch gefällt der Film vor allem wegen des engagierten und mitreißenden Spiels von Hauptdarstellerin Cynthia Erivo, eine aus London stammende Musical-Sängerin, die bei der Besetzung Konkurrentinnen wie Oscarpreisträgerin Viola Davis ausstach; Erivo gelingt scheinbar mühelos der Übergang von der ängstlichen Sklavin zur Anführerin einer neuen Bewegung. Das ist mitreißend: Die Zeichen stehen auf Aufbruch.