Gibt es im Krieg Tiefsinn? Steckt hinter einer mordenden Meute eine Bedeutung? Ist das Morden mit Religion wegzubeten? Kann Sieg befriedigen?

Fragen wie diese stellt man sich während des Films "Greyhound" immerfort. Denn der Film arbeitet sich am seelischen Befinden eines Navy-Kapitäns ab, der 1941 eine Flotte von 37 US-Kriegsschiffen sicher über den Atlantik geleiten soll, damit die USA dort in den Zweiten Weltkrieg eintreten können. Und dabei in haarsträubende und lebensgefährliche Manöver gerät, denn die Deutschen, von den Amis verächtlich "Krauts" genannt, sind mit ihren tückischen U-Booten unterwegs, um die anreisenden Kriegsteilnehmer in spe zu versenken.

Doch der Reihe nach: Eigentlich ist Commander Ernest Krause (Tom Hanks) ein Mann, der nichts mehr will, als mit seiner Angebeteten bald Hochzeit zu feiern. Sie lässt ihn hingegen zappeln, will keine Hochzeit in diesen unsicheren Zeiten. Also nimmt Krause ihr Bildnis mit in den Krieg, um sie immer dann zu sehen, wenn er sie braucht, auch wenn sie tausende Meilen entfernt ist. Sein zweiter Halt ist ihm die Religion: Er betet vor dem Essen, aber auf seinem Schiff wird er wegen des deutschen Dauerfeuers nie zum Essen kommen (der "Running Gag" dieses Schlachten-Films, wenn man dafür so einen Begriff überhaupt benutzen kann). Beten tut er trotzdem viel.

Die Stecknadel im Heuhaufen

Es ist Krauses erste Überfahrt als Kapitän. Mitten auf See waren die Verhältnisse damals rau. Es gab über einen großen Teil der Route keine "Air Coverage", also keine Flieger, die schützend eingreifen konnten - daher musste Krause das von seinem Schiff aus erledigen, mit rudimentären, anfälligen Radargeräten und viel, viel Kanonenfeuer. Die U-Boote der Deutschen zu erkennen und dann auch zu vernichten, das war ein bisschen wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen - und so gehen dem Commander auch fünf Schiffe verloren. In der ersten Nacht. Aber die große Überfahrt wird fortgesetzt, daran ändern auch die einschüchternden Funksprüche der Deutschen an die Amerikaner nichts. Sie bezeichnen sich als Wölfe, die den Amis im Rudel den Garaus machen wollen.

"Greyhound", inszeniert von Aaron Schneider, basiert auf dem Roman "The Good Shepherd" von Cecil Scott Forester, der in den 1950er Jahren entstand. Aus ihm machte Tom Hanks höchstselbst ein Drehbuch und besetzte sich als Mit-Produzent gleich auch in der Hauptrolle, die er mit gewohnt nüchterner Standhaftigkeit spielt, und in die sich nur eine kleine Dosis Wehmut mischt, wenn er in seinen Entscheidungen nicht sicher ist. Der Rest des Dialogs, dem man 90 Minuten zuhört, ist hauptsächlich unverständliches Marine-Fachchinesisch, für die, die bloß Begriffe wie Backbord oder Steuerbord kennen. Ursprünglich wollte Sony den Film groß als Kinoevent herausbringen, doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung - wobei: Vielleicht ist das Virus auch nur eine Ausrede, um Mittelmaß nicht mit viel Marketingbudget auf die Leinwand bringen zu müssen. AppleTV+ war jedenfalls von dem Film, der schlappe 50 Millionen Dollar gekostet hat, überzeugt, und kaufte Sony die exklusiven Rechte fürs Streaming um 70 Millionen ab.

Hohe Erwartungen

Und so ist "Greyhound" auf der neuen Apple-Plattform abrufbar, allein: Die Qualität kann nicht mithalten mit den hohen Erwartungen, die man an einen Tom-Hanks-Film hat. Es ist am Ende ein Kammerspiel auf See, denn die allermeisten Szenen spielen auf der Brücke des Schiffs, das Krause als Abwehrbollwerk gegen die feindlichen Torpedos steuert. Dazwischen kredenzt Regisseur Schneider Luftaufnahmen der Schlacht, die aus dem Computer stammen und auch besser animiert sein könnten; besonders in Hanks‘ Fall denkt man an seinen grandiosen Auftritt in Spielbergs "Der Soldat James Ryan" über die Invasion in der Normandie zurück - eine visuelle Meisterleistung, mit der "Greyhound" nicht im Ansatz mithalten kann. Dazu kommt, dass "Greyhound" die gängigen Farbschemata in blassen blau-grau-Tönen übernimmt, die inzwischen Standard sind bei Weltkriegsfilmen. Roland Emmerich hatte in seinem Schlachtenepos "Midway" kürzlich wenigstens packende Schauwerte, auch das fehlt "Greyhound". Das Problem dieses Films ist, dass sich der Hauptdarsteller das Drehbuch auf sich zugeschneidert hat - in einem Stück, das sich um Getöse dreht, und nicht um seine komplexe, depressive Innenwelt. Deshalb gibt es hier auch keinen Tiefsinn. Nur viele Wellen, Wasser und wilde Explosionen.