Es geht ums Heimkehren, Zurückschauen, sich selbst finden. "Schwarze Milch" (derzeit im Kino) von Uisenma Borchu ist ein langsamer Film über ein entschleunigtes Leben, der bei der diesjährigen Berlinale viel Beachtung fand. Die junge Wessi (die 36-jährigen Regisseurin selbst) kehrt nach Jahren in Deutschland zurück in ihre Heimat, die Mongolei: Hier, inmitten des am dünnsten besiedelten Landstrichs der Welt, lebt ihre Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol) - sie vermissen einander sehnsüchtig, und doch ist eine Entfremdung durch die lange Trennung spürbar. Vor allem Wessis Lebensprägung in Deutschland bringt Unordnung in Ossis Nomaden-Dasein. Die Schwestern wissen nicht, wie sie miteinander umgehen sollen. Ein stiller Film über Heimat als Realität und Trugbild.

"Wiener Zeitung":Die Mongolei, die sie zeigen, ist kein kitschiges Postkartenmotiv, sondern ein karges Land. Wieso betonen Sie das?

Uisenma Borchu:Die Mongolei verleitet zu opulenten Panoramaaufnahmen, aber wir wollten uns nicht auf die Natur konzentrieren, sondern auf die Menschen. Die Naturschönheit des Landes wird immer noch visuell ausgebeutet, dem wollte ich einen Kontrast entgegensetzen.

Sie leben seit vielen Jahren in Deutschland. Wie autobiografisch ist der Film?

Ich finde den Film sehr autobiografisch, es geht darum, zurückzugehen in ein Land, das man vor langer Zeit verlassen hat. Als Kind nimmt man die Erinnerungen mit und verschließt sie. Wenn man älter wird, erfasst man diese Vergangenheit komplexer. Ich habe die ersten sechs Jahre diese Luft in der Mongolei geatmet, es war meine erste Sprache. Das bewegt viel in einem.

Wären Sie Nomadin geworden, wenn Sie in der Mongolei geblieben wären?

Ich denke schon. Aber es kam anders: Meine Eltern zogen vor der Wende in die DDR, das war für Mongolen möglich. Meine erste Zeit war hart, als Kind, das so fremd aussah. Kurz nach der Wende standen die Neonazis vor unserer Tür, den Rassismus gab es ganz stark. Es dauerte lange, bis ich das Gefühl hatte, in Deutschland dazuzugehören.

Der Titel "Schwarze Milch" lässt sofort Assoziationen zu Paul Celans Gedicht "Todesfuge" aufkommen. Gibt es da eine Parallele?

Nein, denn ich kannte das Gedicht nicht. Der Begriff der schwarzen Milch ist nicht negativ gemeint, im Gegenteil: Schwarz ist etwas Besonderes, etwas Ursprüngliches. Weiß ist viel positiver belegt als Schwarz, das hat damit zu tun, dass wir verlernt haben, unsere Instinkte zu begreifen. Gerade die Kraft der Frau ist etwas Besonderes, gerade ihre Muttermilch. Wir Menschen haben verlernt, auf uns selbst zu hören.

Im Film ist es Wessi, die ihre innere Stimme wiederfinden muss.

Viel Geduld und Kraft sind notwendig, um nach innen zu horchen. Es hört sich simpel an, aber es ist sehr komplex, das in sich wiederzufinden. Man muss sich als Mensch selbst riechen können, seinen Schweiß, seinen Urin. Aber die Gesellschaft überdeckt vieles. Darum geht es in "Schwarze Milch".

Dass ihre Figuren Wessi und Ossi heißen, ist ein DDR-Witz, richtig?

Ja (lacht). Meine Eltern und ich waren in der Mongolei für unsere Freunde immer die Wessis, weil wir ausgewandert sind. Manche Dinge im Leben sind eben sehr platt.

Wie muss man sich ein Nomadenleben vorstellen?

Du selbst als Mensch hast keinen Wert an sich. Man schätzt das Leben, aber es kommt immer alles erst nach der Natur. Die Natur hat das Sagen. Sie kann auch gnadenlos sein. Warum ich? Diese Frage gibt es bei Nomaden nicht. Sondern nur ein Verständnis für die Natur und dafür, nach ihr zu leben. Im Westen haben wir hingegen gelernt, die Natur komplett zu ignorieren. Es geht darum, die Geduld aufzubringen, sich von niemanden hetzen lassen.

Ist das eine Lebensart, die auch auf Ihre filmische Arbeit durchschlägt?

Sicher. Ich mache zurzeit Filme, die ziemlich rebellisch sind. Und die man entdecken muss. Ich muss dabei unabhängig sein, ich stelle mir keine Regeln auf. Ich bin Regisseurin, Darstellerin, mache auch das Essen. Das Motto: Wenn du es selbst kannst, mache es selbst.