In einer Zeit, in der Donald Trump mit seiner Law-and-Order-Politik vor allem gegen die schwarze Bevölkerung pöbelt, kommt ein Film wie "Der Fall Richard Jewell" wie gerufen. Clint Eastwood, inzwischen 90 Jahre alt, hat ihn im Vorjahr gedreht, noch vor den Ausschreitungen. Man kann ihn als Weckruf lesen, weil er sich mit dem zeitgenössischen Amerika befasst und aufzeigt, wo es im System der US-Nation krankt, wenn es um das Selbstverständnis und das Heldentum geht, auf dem der ganze amerikanische Traum fußt. Man kann ihn aber auch als Kundschafter einer Entwicklung sehen, die die USA mindestens genauso prägt: Eine mediale Hatz, die aus Helden Täter machen kann, im Handumdrehen.

"Der Fall Richard Jewell" dreht sich um diesen einstigen Helden Richard Jewell (Paul Walter Hauser), jenen Security-Mitarbeiter, der 1996 während der Olympischen Spiele in Atlanta einen verdächtigen Rucksack findet. Schnell stellt sich heraus, dass darin eine Nagelbombe platziert ist, die meisten Menschen konnten noch evakuiert werden, bevor sie explodierte. Doch trotzdem werden Hunderte verletzt, zwei Menschen sterben. Jewell wird sofort als übergroßer Held gefeiert, weil er das Schlimmste verhindert hatte.

Sicherheitsfirma statt Polizei

Doch der Wind dreht sich schnell, denn die Medien stellen Fragen zu diesem übergewichtigen, weißen Mann, der zeitlebens davon geträumt hat, Polizist zu werden. Es hat aber nur zum Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma gereicht, denn Jewell hat seine Ansicht von "Law & Order" immer allzu penibel ausgelegt. Eine Genauigkeit, die ihm nun auf den Kopf fällt, weil die Medien schnell im Psychologisieren sind: Ein frustrierter, weißer junger Mann, der allerorts ob seiner Fettleibigkeit verspottet wird, mit über 30 noch immer bei der Mama (Kathy Bates, oscarnominiert) wohnt, daheim ein großes Waffenarsenal hortet und mit seinem Wissen übers Bombenbasteln nicht hinterm Berg hält, der ist perfekt geeignet, als "falscher Held" enttarnt zu werden. Das FBI ermittelt, denn Jewell besitzt das ideale Täterprofil: die Bombe als Mittel zur eigenen Befreiung aus der Nichtexistenz, um aufzusteigen in den Rang eines Gefeierten, eines Helden.

Die Rolle der Medien ist dabei höchst fragwürdig: Eastwood spitzt sie in der Figur der übereifrigen Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde) zu, die für Ermittlungsinformationen mit Sex bezahlt haben soll. Ist die Story erst einmal im Blatt, bricht der Feuersturm über Jewells Leben herein: Sein Dasein wird auf den Kopf gestellt, das FBI durchsucht das Haus, nimmt die komplette Tupperware-Sammlung von der Mama mit (weil darin Bombenbastler gewöhnlich ihre Sprengstoffe anrühren) und vor der Tür lauern plötzlich hunderte Reporter und Kamerateams. Für Jewell bleibt als letzter Funken Hoffnung nur mehr sein engagierter Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell), der versucht, seine Unschuld zu beweisen - wobei ihm sein Klient allerdings nur bedingt behilflich ist: Der will nämlich freimütig mit dem FBI kooperieren und erzählt den Agenten mehr, als diese eigentlich wissen müssten. In der Hoffnung, endlich auch als einer der ihren wahrgenommen zu werden: Als jemand, der in einem chaotischen Amerika für Recht und Ordnung sorgt.

Brüchiger Mythos

Die letzten Filme von Clint Eastwood, sie strebten allesamt danach, den brüchigen amerikanischen Mythos vom Heldentum abzubilden, und zuweilen sind es auch fehlerfreie Helden, die hier reüssieren: Etwa der Pilot Chesney "Sully" Sullenberger in "Sully" (2016), der im Hudson eine Passagiermaschine notgewassert hat. Oder die tapferen Burschen in "The 15:17 to Paris" (2018), die im Zug einen Attentäter überwältigten. Oder der "American Sniper" (2014) über einen Scharfschützen, den der Krieg nicht loslässt, weil er dort zum Helden geworden ist.

Unaufgeregt spannend

All das sind wahre Geschichten, die Eastwood in seiner unaufgeregten Art und stets voller Spannung vorträgt. Sie funktionieren als unterhaltsame Filme ebenso wie als Wink, dass die Realität die besten Geschichten schreibt, zugleich aber sind sie auch Abbild einer Gesinnung: Eastwood hat nie einen Hehl daraus gemacht, Republikaner zu sein (nur gegenüber Trump ist er skeptisch geblieben). Damit vertritt er Werte, die gerade in der jetzigen, aufgeladenen Situation scharf diskutiert werden; und auch, wenn "Der Fall Richard Jewell" im Grunde von diesen Werten geleitet ist, macht Eastwood dennoch keine Propaganda, sondern differenziert zwischen den Zeilen. Nichts ist eben nur schwarz oder weiß, sein Jewell hat die Idee vom Ordnungsstaat verinnerlicht, aber zeigt auch liebevolle Seiten. Zugleich ist er in seiner naiven Einfalt auch ein Porträt des jungen, weißen Amerika von Trump.

Aufrecht und ehrlich ist er aber auch, und rührt mit seiner Geschichte später sogar die karrieregeile Journalistin zu Tränen. Diese Ambivalenz macht aus "Der Fall Richard Jewell" kein propagandistisches Lehrstück, sondern einen richtig guten Film. Einen Film, der aus dem problematischen Amerika von heute erzählt.