Sidney Lumets Gerichtskammerspiel "Die 12 Geschworenen" von 1957 gehört zu den Sternstunden des amerikanischen Kinos, bei dem ein Geschworener (Henry Fonda) alle übrigen umstimmt, in einem Mordfall für "Nicht schuldig" zu votieren. Dieses dramaturgische Meisterstück wird in der neuen belgischen Netflix-Serie gleichen Titels nun variiert und vor allem: ausgebreitet. Nicht die Beratungen nach Verhandlungsende in einem abgeschlossenen Raum stehen hier im Mittelpunkt (woraus sich bei Lumet jedoch die gesamte Spannung speiste), sondern der ganze Prozess und - vor allem - die privaten Befindlichkeiten der Geschworenen.

Angeklagt ist hier Frie Palmers (Maaike Cafmeyer), der man zweifachen Mord vorwirft: Vor 18 Jahren soll sie ihre beste Freundin ermordet, erst kürzlich ihre zweijährige Tochter zu Tode gebracht haben. Doch was ist wahr? Im Prozess fallen auch Schlaglichter auf ihren Ex-Mann Stefaan (Johan Heldenbergh) und dessen neue Freundin Margot (Greet Verstraete).

Abseits des Prozesses folgt die Serie den Geschworenen ins Wohnzimmer. Eine junge Mutter mit drei Kindern leidet unter der rasenden Eifersucht ihres Mannes, ein Bauunternehmer beschäftigt illegale Arbeiter, von denen einer zu Tode kommt, ein vereinsamter älterer Mann erlebt Enttäuschungen, eine junge Frau überdeckt mit sexuellen Abenteuern ihren größten Verlust: Ein Kaleidoskop menschlicher Abgründe, nicht nur vor dem Richter, sondern auch in den eigenen vier Wänden. Spannend, und am Ende bleibt die Frage: Wird es eine zweite Staffel geben?