Helmut Newton, 1987 in Monte Carlo: Er verstand die Frauen und auch ihr Schuhwerk. - © Polyfilm/Helmut Newton Estate
Helmut Newton, 1987 in Monte Carlo: Er verstand die Frauen und auch ihr Schuhwerk. - © Polyfilm/Helmut Newton Estate

Er hat das Bild der Frau in der Werbung und in der Gesellschaft nachhaltig geprägt: Helmut Newton (1920-2004), Berliner Fotograf mit jüdischen Wurzeln, geflohen vor dem NS-Regime, Karriere gemacht in Amerika, die großen Fotoshootings für die "Vogue" produziert, einen von Leni Riefenstahl beeinflussten Foto-Stil entwickelt, der das Frauenbild über Generationen beeinflusste. Newton wirft man aber auch vor, mit seiner Darstellung von Nacktheit die Frau zum Lustobjekt degradiert zu haben. Etwas, das der Dokumentarfilm "Helmut Newton: The Bad And The Beautiful" (ab 24. Juli im Kino) von Gero von Boehm entschieden in Abrede stellt. Die Doku über Newtons Leben im Jet Set und hinter der Kamera wird hier deshalb ausschließlich von Frauen erzählt, die Topmodels, die Newton miterfand, kommen zu Wort, auch Weltstars wie Charlotte Rampling, Grace Jones oder auch "Vogue"-Chefin Anna Wintour. Sie alle streuen dem Bildermacher Rosen, und seine Frau June, die Newton so einiges verziehen haben soll, wird als sein Lebensmensch und seine Kollaborateurin gezeichnet.

"Wiener Zeitung":Herr von Boehm, wieso fanden Sie die Zeit reif für eine Kinodoku über Helmut Newton?

Gero von Boehm: Weil ich denke, dass Newtons Fotografien auf die große Leinwand gehören. Wenn Sie die Räumlichkeiten der Helmut Newton Foundation in Berlin betreten, dann blicken seine Nacktbilder überlebensgroß auf den Besucher hinunter. Dafür sind diese Bilder gemacht: für Größe. Der Anlass ist Newtons 100. Geburtstag am 31. Oktober - ich wollte Newton aber kein Denkmal setzen, sondern auch seine Ambivalenzen beleuchten.

Eine dieser Ambivalenzen ist der Umstand, dass viele seiner Nacktbilder heute als frauenverachtend beurteilt werden. Was denken Sie darüber?

Ich habe diesen Film auch wegen der #metoo-Bewegung gemacht. Wir sind gerade dabei, uns einer Zensur der Spießer zu unterwerfen, es entsteht ein Geschmacksdiktat. Aber es muss erlaubt sein, Grenzen zu sprengen, das hat mit der Freiheit der Kunst zu tun. Seit Adam und Eva gibt es Nacktheit in der Kunstgeschichte. Ich wollte zeigen, dass die Zeit, in der Newton groß wurde, eine freie Zeit war und auch eine hedonistische. Es gab die sexuelle Revolution, der nackte Körper war plötzlich kein Tabu mehr. Das führte auch zu einer Revolution in der Modefotografie, und einer der Protagonisten war Helmut Newton.

Sie befragen ausschließlich Frauen zu Newton, Männer kommen gar nicht zu Wort.

Ich wollte Männeranekdoten vermeiden, stattdessen lasse ich die Frauen sprechen, und man sieht: Sie streuen ihm Rosen, haben viel zu erzählen über Newton und seine Kunst, über Nacktheit und über #metoo.

Denken Sie, dass Newton unter den heutigen Vorzeichen noch einmal so eine Karriere machen könnte?

Mit Sicherheit nicht! Niemand würde diese Bilder drucken. Das zeigt uns, wo wir heute stehen. Ich will auch klar sagen: Mit #metoo hatte Newtons Karriere nie etwas zu tun, im Gegenteil: Seine Fotos zeigen uns immer starke Frauen, die stets "Nicht mit mir" sagen.

Gero von Boehm mit Grace Jones beim Dreh der Dokumentation. - © Polyfilm
Gero von Boehm mit Grace Jones beim Dreh der Dokumentation. - © Polyfilm

Ihr Film zeigt auch ein Treffen mit Newton aus dem Jahr 2002, in dem er eine Art Resümee über sein Leben zieht.

Dieses Material hatte ich damals schon für eine TV-Doku gedreht, vieles blieb aber unveröffentlicht. Für diesen Film waren darunter perfekte Passagen, die uns in sein Zuhause, in sein Privatleben führen. Ich war mit Helmut befreundet, er vertraute mir, und so gesellen sich zu dem Fotoprofi Newton nun auch diese intimen Einblicke in sein Leben. Vor allem seine Beziehung zu Ehefrau June wird beleuchtet: Sie hat ihn immer verstanden. Ich habe mit Helmut lange Spaziergänge durch Berlin gemacht, auch durch Los Angeles oder Monaco. Ein Spaziergang zum Bahnhof Zoo ist mir in Erinnerung geblieben, zu dem Bahnsteig, von dem er 1938 abgefahren ist, um vor den Nazis zu fliehen. Das letzte Gebäude, das er damals sah, war das Landwehrkasino. Dort ist heute die Helmut-Newton-Stifung untergebracht.

Newton und das Dritte Reich: Als Jude wurde er verfolgt, die Ästhetik von Leni Riefenstahl übernahm er später in seine Bildsprache.

Newton war 13, als Hitler an die Macht kam, und das hatte auf einen Jungen, der sich für Bilder interessierte, einen prägenden Einfluss gehabt. Die Bilderwelt der Nazis, entwickelt von Leni Riefenstahl, faszinierte ihn. Er und Riefenstahl kannten sich, sie schrieben einander Briefe. Vieles von ihrer Ästhetik, die sie in "Olympia" vorlegte, übernahm Newton später in seine Frauen-Porträts. Überhaupt prägten diese Jahre sein Werk: Von Berlin verschlug es ihn über Singapur nach Australien, er wurde ins Internierungslager gesteckt, war in der australischen Armee Lkw-Fahrer. Da kommen immer wieder Dinge aus dem Gedächtnis ins Werk, andernfalls hätte er sich viel weniger getraut.

Newton erwarb sich ein großes Selbstbewusstsein.

Er sagte: "Ich mache, was ich will, alles andere ist mir schnuppe." Wenn er einen Auftrag nicht machen wollte, dann lehnte er ab. Er war in dieser Hinsicht kompromisslos.

Was soll man aus Ihrem Dokumentarfilm lernen?

Man kann Helmut Newton dadurch neu entdecken, finde ich. Das ist notwendig, gerade, weil unsere Zeit so politisch korrekt ist.