Im Jahr 1966, da war die Nouvelle Vague schon fast wieder vorbei, als der 29-jährige Claude Lelouch mit "Ein Mann und eine Frau" berühmt wurde, einem späten Schlüsselwerk dieser Epoche, zu der er selbst nie wirklich zählte und in der man frei und wild, ungestüm und gegen jede Regel sein musste, um dazuzugehören. Lelouch hatte von einer leidenschaftlichen Liebe erzählt, wie es nur die Franzosen können. Der Liebe zwischen Anne Gauthier (Anouk Aimée) und Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant), alle Szenen innen sind in Schwarzweiß gedreht (wegen der Kunst und wegen des Budgets), alle draußen in Farbe (wegen der Wahrung einer Chance auf Veröffentlichung in den USA); Duroc, ein risikobereiter Rennfahrer, und Gauthier, eine Frau, die sich auf diesen Draufgänger am Ende dann doch nicht einlassen wollte und fortging - es ist ein beinahe schon urfranzösisches Filmwerk, entstanden in einer visuell und erzählerisch umstürzlerischen Zeit, aber im Kern doch: mit viel Dialog und viel Gefühl. Es gab eine Goldene Palme und zwei Oscars dafür.

Trügerische Gedankenspiele

Die Chuzpe, die sich Lelouch, inzwischen 82 Jahre alt, erlaubt hat, ist: die Geschichte von damals im Heute fortzusetzen. Es gehört Mut dazu, denn Lelouch könnte die eigene, immerhin 48 Regiearbeiten umfassende Filmografie nachhaltig beschädigen, wenn sein "Sequel" auch nur in die Nähe eines peinlichen Alterswerks geriete, das am Ende auch die Nouvelle Vague verklärt hätte und den eigenen Beitrag dazu. Aber "Die schönsten Jahre eines Lebens" ist das nicht: Ein greiser Jean-Louis Trintignant (89) und eine rüstige, strahlende Anouk Aimée (88) begegnen einander wieder, ihre Affäre ist inzwischen mehr als 50 Jahre her, aber: Sie ist nicht verjährt, sie ist nicht vergänglich, sie blieb als Sehnsuchtshauch in einem erfüllten Leben. Man kennt das: Verpasste Chancen sind zum Nachtrauern da, das ist auch eine Methode, die Seele zu reinigen, und doch: Es schmerzt, wenn sich die Liebe und die Leidenschaft längst vergangener Tage wieder in einem selbst melden, oft verpackt als trügerische Gedankenspiele um niemals umgesetzte Fantasien.

Allein eine der ersten Einstellungen, ein Blick in das Gesicht von Trintignant, vor sich hin sinnierend über das Heute und das Gestern, lohnt den Kinobesuch dieses Films; wie sich in seinem Gesicht die oftmals schmerzliche Lebensgeschichte dieser Figur spiegelt, ist phänomenal.

Als einstiger Frauenheld hat Jean-Louis heute nicht mehr viele Erinnerungen parat, außer jene an seine große, letztlich unerfüllte Liebe Anne. Ihrer eingedenk, dämmert er in einem Altersheim vor sich hin, sein Sohn Antoine (Antoine Sire) ist darob einigermaßen bestürzt und treibt die gealterte Dame in der Normandie auf. Sie möge Jean-Louis eine letzte Aufwartung machen, ihn besuchen, mit ihm in alten Zeiten schwelgen, in diesen schönsten Jahren eines Lebens. Anne sieht das skeptisch, aber sie besucht Jean-Louis, und der traut seinen Augen und seinem Gedächtnis nicht mehr: Ist die Dame tatsächlich die einst heiß geliebte? Und wird sie zurückkehren, um ihn aus dem Altersheim zu entführen, hinaus in die unbeschwerte Freiheit einer lange verblichenen Jugend? Liebevoll widmet sich Lelouch hier den letzten Lebenssorgen, die so beängstigend sein können, als gehe es um Leben und Tod. Meist geht es ja auch genau darum.

Eine Brücke ins Gestern

Zugleich ist "Die schönsten Jahre eines Lebens" auch eine Brücke ins Gestern: Lelouch zitiert etwa Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe" (1948), eine Ur-Referenz für viele Filme der Nouvelle Vague. In Rückblenden benutzt er Szenen aus "Ein Mann und eine Frau", und zwar nicht nur die ikonografischen, sondern auch solche, an die man sich weniger erinnert; auch auf der Tonspur nährt sich der neue Film dem alten. Später kommt eine neunminütige, frühmorgendliche Raserei durch das menschenleere Paris dazu, denn zur großen Liebe braucht es auch große Geschwindigkeit. Das könnte das Credo von Jean-Louis gewesen sein, als er noch Rennen fuhr. Das Material dazu hatte Lelouch bereits 1976 gedreht, er fuhr mit 200 km/h durch Paris, um die letzten Filmrollen, die bei seinem damaligen Filmdreh übrig blieben, zu dem Kurzfilm "C’était un rendez-vous" zu machen. Den Führerschein war er seinerzeit sofort los, allerdings nur für fünf Minuten, weil die Tochter des Polizeipräfekten ein großer Lelouch-Fan gewesen sein soll. Solche Legenden und Geschichten unterfüttern den gesamten Film, es ist ein einziger Sammelband der Selbstreferenzen und Filmzitate, den Lelouch hier mit hoher Sensibilität fertigt, launige Seitenhiebe auf den Kunstfilmbetrieb inklusive.

Die Essenz des Lebens

Seine sonnenlichtdurchfluteten Dialoge im Altersheim, in dem sich Jean-Louis und Anne einander langsam annähern, bilden den illustrativen Rahmen für eine Tour d’horizon durch eine Filmgeschichte und eine Lebensgeschichte, und beides scheint untrennbar miteinander verbunden. Ja, es ist vielleicht sogar: Claude Lelouchs wunderschöner Gruß vom Heute an das Damals. Wenn Jean-Louis, der gebrechliche Frauenheld, wieder einmal ins Schwärmen gerät in der Seniorenresidenz, ist viel gesagt über das Menschsein und über die Resümees, die man am Ende ziehen kann. "Es ist leichter", sagt er, "1000 Frauen zu verführen, als eine Frau 1000 Mal." Und das ist sie, die Essenz von Jean-Louis’ Leben. Wie oft hätte er sich Letzteres gewünscht, man erspäht es in seinem gerührten, beinahe unbewegten Blick. Das kann nur das Kino.