Zuerst hoffte man auf den 15. Juli, dann auf den 30. Inzwischen ist man zu vagen Angaben von Mitte, Ende August zurückgekehrt. Bei AMC Theaters, der weltgrößten Kinokette, sind die Leinwände nach wie vor finster. Und das dürfte auch noch eine Zeit lang so bleiben. In den USA ist die Corona-Pandemie nämlich alles andere als unter Kontrolle, weshalb die Lichtspielhäuser zu einem großen Teil geschlossen bleiben - von New York bis Los Angeles, von Albuquerque bis Missouri: Eine Recherche bringt immer das gleiche Ergebnis: "We are temporarily closed".

Schon im Juni hatte die in finanziellen Schwierigkeiten steckende Kinokette davor gewarnt, die Covid-Krise "möglicherweise nicht zu überleben". Doch vorerst kehrte Entspannung ein: Man konnte die Investoren zu einem Schuldenschnitt um 460 Millionen Dollar auf nunmehr 630 Millionen überreden - und lieh sich frisches Geld in Höhe von 300 Millionen.

Finanzielles Fiasko

Was das alles mit dem heimischen Kinomarkt zu tun hat? Sehr viel: Denn wenn die US-Kinoketten geschlossen bleiben, werden auch die heiß ersehnten Blockbuster darin nicht gespielt. Und die Filmstudios, die ihre erfolgversprechendsten Titel weltweit zeitgleich starten (unter anderem aus Angst vor Piraterie), nehmen sie von der Startliste, einen nach dem anderen. Es wäre ein finanzielles Fiasko, wenn "Tenet", der neue Film von Christopher Nolan, nur auf ein paar hundert Leinwänden zu sehen sein würde anstatt auf den üblichen 4500, die man in normalen Zeiten bei einem Film solcher Größe bespielt. Also hat Warner Brothers "Tenet" vergangene Woche nach mehrfacher Verschiebung vorerst weltweit auf "Ohne Termin" gesetzt, nur um am Dienstag wieder zurückzurudern. Zumindest in 70 Ländern, darunter in Österreich, soll der Film nun ab 27. August zu sehen sein. Glauben wird man das allerdings erst, wenn er wirklich startet.

Disney, selbst durch die Krise schwer beschädigt, weil die Themenparks monatelang geschlossen hielten, folgte Warner jedenfalls auf dem Fuß: Wozu "Mulan" herausbringen, die Realverfilmung des Zeichentrickklassikers, die vor allem für den chinesischen Markt gedacht gewesen ist? Dort sperren die Kinos wegen der Angst vor der zweiten Welle gerade wieder massenhaft zu.

Und in Österreich? Da sind die meisten kleineren Kinos und Arthaus-Cinemas, aber auch ländliche Multiplexe wie etwa die Diesel-Kinos schon seit Mitte Juni wieder offen - aber der Erfolg ist bescheiden, wie ein Rundruf ergab: Schließlich fehlt auch hier die Filmware aus Hollywood, gespielt werden Klassiker und ein, zwei Dutzend Filme, die sich seit dem Corona-Lockdown aufgestaut hatten. Darunter aber keine "Bringer", die die Kinos jedoch zum Überleben brauchen.

"Viel schlimmer geht’s nicht", fasst Christian Dörfler, Betreiber des Wiener Haydnkinos und bei der Wirtschaftskammer auch Vertreter im Fachverband der Kinobetriebe, die Lage zusammen. "Wir haben sehr früh wieder aufgesperrt, aber nachdem viele Filmstarts verschoben wurden, entschlossen wir uns, den Betrieb wieder einzustellen", sagt Dörfler. Speziell das Haydnkino mit seiner Ausrichtung auf englischsprachige Originalversionen sei auf Filme aus den USA angewiesen. "Die Lage ist wirklich schwierig."

Jetzt will Dörfler mit 5. August den Vorhang wieder heben, dann nämlich, wenn Österreichs größte Kinokette, die Cineplexx-Gruppe, ihre 27 Standorte neu startet. Betreiber Christian Langhammer hält trotz der Verschiebungen der auch für ihn wichtigen Blockbuster an einer Wiedereröffnung fest, teilt die Agentur der Gruppe auf Anfrage mit. Welches Programm Cineplexx spielen will, ist auch klar: Zumeist Titel aus dem eigenen Verleih, der Constantinfilm, reihen sich da dicht an dicht auf der Kinostartliste. Ob diese Titel aber für großen Besucherandrang sorgen werden, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Ohne die Blockbuster wird es langfristig nicht gehen, dann droht auch (und gerade) großen Ketten mit vielen Mitarbeitern und hohen Fixkosten ein Fiasko. "Es entsteht die skurrile Situation, dass die kleinen Kinos in der Krise bessere Chancen haben, weil die Kosten nicht so hoch sind", sagt Dörfler. Dennoch: Gerade die Kleinen hätten in den letzten Jahren massiv zu kämpfen gehabt.

30 Prozent der Einnahmen

Einer dieser "Kleinen" ist das Filmcasino in Wien, mit dem angeschlossenen Polyfilm-Verleih. Leiter Hans König hat seit der Neueröffnung doch einiges an Besucherinteresse verzeichnen können. "Unser Film ‚Undine‘ hat bisher 5000 Besucher gemacht, das ist für die Krise nicht schlecht", so König. Jedoch: "Unter normalen Umständen lägen wir damit inzwischen bei 12.000 Zuschauern. Unsere Filme machen nur 30 bis 40 Prozent der prognostizierten Einnahmen. Das schadet unserem Verleih, denn wir haben diese Filme vor der Krise mit hohen Mindestgarantien gekauft, und schreiben jetzt herbe Verluste." Dass kleine Kinos in der Krise Vorteile wegen ihrer überschaubaren Struktur hätten, findet König nicht: "Die Leute haben noch viel zu viel Angst vor dem Virus und kehren nur zaghaft ins Kino zurück."

Sinnvollerweise böte sich ein Mittelweg an, meint Dörfler: "Wenn Warner Bros. mit Filmen wie ‚Tenet‘ tatsächlich regional startet anstatt weltweit, dann würde das den Druck in machen Regionen nehmen." Wenn die Studios aber auf dem bisherigen Modus beharren, wird es eng: Dann gehen hierzulande massenhaft Kinos zugrunde, weil man in Florence, Alabama, oder Milwaukee, Wisconsin, nicht aufsperren kann. Auch das ist: Globalisierung.