Es gibt Filme, die erzählen ganz kleine Geschichten, fast beiläufig, sind noch dazu unverschämt witzig und frech, in ihrem Innersten allerdings reich und tiefgründig; "The King of Staten Island" ist so ein Film, nicht nur, weil sein Regisseur Judd Apatow heißt, dessen zahlreiche Komödien (etwa "Beim ersten Mal" oder "Immer Ärger mit 40") immer schon nicht nur lustig gewesen sind, sondern auch Traurigkeit und Emotion in sich trugen. Daher schien Apatow offenbar der Richtige zu sein, für die zugrunde liegende Geschichte dieser Komödie, die er gemeinsam mit Pete Davidson geschrieben hat. Davidson spielt zugleich die Hauptrolle, vor allem, weil hier seine ganz eigene Familiengeschichte erzählt wird.

Komödie mit todtraurigem Hintergrund

Als regelmäßiger Mitwirkender bei "Saturday Night Live" ist Pete Davidson in den USA jedem bekannt, und auch als Ex-Freund von Popstar Ariana Grande. Doch Davidsons Geschichte hat todtraurige Wurzeln: Sein Vater, der Feuerwehrmann Scott Davidson, starb in den Trümmern des World Trade Centers, als dieses infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in sich zusammenstürzte. Pete war damals gerade sieben Jahre alt und entwickelte sich zu einem jungen Mann, der zahlreiche komplexe psychische Störungen und Auffälligkeiten zeigte. Das sieht man auch im Film: Während die anderen sich ernsthaft aufs Leben vorzubereiten scheinen (seine Schwester verlässt die Familie gerade aufs College), lebt er in den Tag hinein und verbringt die Freizeit am liebsten mit Kiffen und seinen Freunden.

Pete nennt sich im Film Scott, wie sein Vater, ein Rollentausch, der auch dramaturgisch begründet ist, denn letztlich wird ihn die Feuerwehr mit Sinn erfüllen, die Fußstapfen des Vaters sind natürlich irgendwann auch verlockend. Man kann schließlich nicht ewig herumlungern, vor allem dann nicht mehr, wenn ein versuchter Überfall auf einen Laden gehörig danebengeht. Zugleich durchzieht das problembehaftete Leben des jungen Scott auch der Aspekt, dass er noch immer bei seiner Mutter wohnt. Diese, gespielt von Marisa Tomei, hat spätestens dann genug davon, als sie 17 Jahre nach dem Tod ihres Mannes eine neue Beziehung beginnt - ausgerechnet schon wieder mit einem Feuerwehrmann. Es gibt in diesem Film etliche Figuren, deren innere Feuer gelöscht werden wollen.

Scott ist wie ein großes Kind, ein zurückgebliebener Mama-Sohn im Kaff Staten Island, dem am wenigsten glamourösen Stadtteil von New York. Er ist durch und durch liebenswert, aber auch abscheulich fahrig und ruppig; er träumt von einem Restaurant mit Tattoo-Studio ("Das gab es noch nie!"), aber sein Talent als Tattoo-Stecher ist endenwollend. Mit Ray (Bill Burr), dem neuen Freund seiner Mutter, gerät er schnell aneinander, es sprechen auch die Fäuste. Als Zuschauer steckt man da schon meterdick drin im emotionalsten Lacherfolg des Kinojahres, der seinen Figuren immer ganz nah sein will. Ein tätowierter Katzen-Po, ein an die Wand gezeichnetes "butthole", das illustriert, welche Kehrseite Scott seinen Mitmenschen zeigen will, wenn sie ihn heruntermachen, und das passiert ständig. Er fühlt sich selbst als Verlierer, als Millennial, der keine Zukunft hat. "Was passierte mit dem amerikanischen Traum?", fragt er einmal. "Er ist jetzt ein amerikanischer Albtraum." Apatow und Davidson schreiben das in ihrem Script auch dem Amerika des Donald Trump in die Schuhe, und so wird aus der ganz kleinen Geschichte des Scott Davidson eine große, universelle Abrechnung mit dem amerikanischen Alltag, gezeichnet auch als eine um Richtung ringende Nation, die noch nie so ratlos war wie jetzt.

Das Apatow-Universum:
von Ernst und Leichtigkeit

Natürlich ist das Interpretation, und man muss "The King of Staten Island" auch gar keine Tiefsinnigkeit oder gar Politik unterstellen, dafür ist er einfach zu komisch. Apatows Figuren haben Anleihen bei den besten Filmen von Woody Allen genommen, der Ernst wird durch eine gewisse Leichtigkeit gebrochen. Ray, den neuen Lover von Mum, bezeichnet Scott einmal als Baby-Hitler, "und wenn man den damals gekannt hätte, hätte man ihn auch erwürgt, bis ihm die Augen rausgefallen wären", sagt Scott. Das ist, wie sich der junge Tollpatsch die Welt vorstellt: naiv, einfältig, linear. Müßig zu erwähnen, dass es diese Welt nicht gibt.

Aber, es muss auch ein bisschen patriotisch zugehen, in einer US-Komödie, die eine wahre Geschichte erzählt: Und so darf Feuerwehrmann Steve Buscemi (in einer kleinen Nebenrolle) auch sagen: "Helden sind notwendig". Dann tanzen und singen die Feuerwehrleute aus Staten Island zu "One Headlight" von den Wallflowers. Und in dem Moment gibt es sie schon, diese einfache Welt.