Ein chinesischer Koch in der Einöde Finnlands, mehr braucht Mika Kaurismäki nicht, um für sein launiges Drama "Master Cheng in Pohjanjoki" (jetzt im Kino) eine emotionale und unterhaltsame, intime und feinsinnige Geschichte zu entspinnen; eine Geschichte, die von Einsamkeit erzählt, vom Fremdsein und vom Aufkeimen einer neuen Liebe. Zutaten, die das Kino derzeit gut gebrauchen kann, denn es ist ein Sehnsuchtsort, den der 64-jährige Kaurismäki bravourös bespielt. Der Chinese Cheng, hier mit seinem kleinen Sohn inmitten der finnischen Pampa gestrandet, sehnt sich danach, dazuzugehören, vor allem, seit seine Frau tot ist. Die örtliche Restauration braucht dringend einen Koch, der nicht nur Rentierwürstl mit Püree kann, und die Chefin des Restaurants ist nicht nur Chengs Kochkunst zugeneigt.

"Wiener Zeitung": Ihr Film zeigt, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Etwas, das Sie selbst auch gut kennen, oder?

Mika Kaurismäki: Ja, in der Tat. Ich kenne das Fremdsein, denn ich habe 30 Jahre in Brasilien gelebt. Die Intention für diesen Film war, dieses Gefühl des Fremdseins auf die Leinwand zu bringen und die Notwendigkeit zu erkennen, sich zu integrieren. Das ist ein sehr aktuelles Thema in Europa. Ich bin mit diesem Film quasi in meine Heimat Finnland zurückgekehrt, das war auch für mich ein Lernprozess.

Chu Pak Hong und Anna-Maija Tuokko angeln einander. - © Polyfilm
Chu Pak Hong und Anna-Maija Tuokko angeln einander. - © Polyfilm

Sie entführen den Zuschauer nach Lappland, in eine Gegend, wo man sich am Ende der Welt wähnt.

Ich bin immer schon ein großer Fan Lapplands gewesen. Das ist eine Gegend, wo im Sommer die Sonne niemals untergeht. Ich veranstalte dort mit meinem Bruder Aki schon seit Mitte der 80er Jahre das Midnight Sun Film Festival, das dadurch eine ganz besondere Atmosphäre hat. Heuer konnten wir es wegen Corona nur online ausrichten, aber normalerweise zeigt es mir auch, wie sehr die Chinesen als Touristen von dieser Landschaft angelockt werden. Weshalb es in Lappland auch tolle Chinarestaurants gibt - was mich schließlich auf die Idee zu diesem Film brachte.

Ist die finnische Küche so einfältig wie im Film beschrieben?

Am Land wird oft viel Wurst, Fleisch, Kartoffeln gereicht, alles ist sehr simpel. Unsere Küche ist nicht weltberühmt. Chinesisch ist auch einfach, aber vielfältiger. Die Funktion des Essens ist eine Brücke zwischen den Kulturen, und im chinesischen Essen spielt die traditionelle chinesische Medizin eine große Rolle. Alles, was man isst, soll auch gesund sein und sich positiv auf den Körper auswirken. Dennoch: Es ist kein Film über das Essen.

Sondern über Heimat und Fremde.

Ja. Es geht um die Berührung zweier Kulturen. Finnen und Chinesen sind sehr unterschiedlich, die Finnen reden nicht viel, sind introvertiert. Aber die Grundbedürfnisse der Menschen sind letztlich überall die gleichen. Es geht um Kinder, Familie, Freunde.

Haben die Finnen Eigenheiten?

Die Finnen starren einen erst einmal an, das ist aber nichts Böses. Auch als wir mit dem Filmteam am Drehort ankamen, waren wir fremd. Das Fremdeln und das Angsthaben steckt da drin, bei den Finnen ist es besonders stark ausgeprägt: Wir waren tausende Jahre allein am Ende der Welt, erst in den letzten 20 Jahren hat sich das geändert. Fremde hat man davor bei uns kaum gesehen. Die Abgeschiedenheit und die halbjährige Dunkelheit haben zu vielen Depressionen und Suiziden geführt.

Das Finnische, das Lakonische hat Ihren Bruder Aki Kaurismäki berühmt gemacht. Er fängt das in stilistisch zugespitzten Bildern ein.

Jeder von uns hat seinen eigenen Stil, das heißt: Er hat einen Stil entwickelt, ich habe mich dagegen immer verwehrt. Ich habe immer frei sein wollen und kein Markenzeichen. Aber ich weiß schon, es wäre gescheit, ein Markenzeichen zu haben.

Könnten Sie sich vorstellen, gemeinsam mit Ihrem Bruder einen Film zu drehen?

Kategorisch ausschließen will ich das nicht, aber ich glaube nicht. Er lebt in Portugal, ich bin nach 30 Jahren Brasilien nun wieder in Finnland. Wenn wir uns treffen, sprechen wir über alles, Familie, unsere gemeinsam betriebenen Restaurants, nur nicht übers Kino. Er hat meinen letzten Film nicht gesehen, und ich seinen auch nicht.

Woher beziehen Sie die Inspiration für Ihre Geschichten?

Ich sehe mich nicht als Regisseur, sondern als Anthropologe, der mit der Kamera die Welt bereist und beobachtet. Meine Filme sind oftmals dokumentarisch, und die Ideen dazu kommen mir immer beim Reisen.

Reisen ist in Corona-Zeiten deutlich schwieriger geworden.

Ja, ich leide darunter. Kürzlich sollte mein Film in Australien starten, ich freute mich auf die Reise, dann haben dort alle Kinos wieder zugemacht wegen Corona.

Profitiert von der Krise haben jedenfalls Streaming-Plattformen . . .

Ich mag kein Social Media, schaue wenig fern, schon gar keine Serien. Ich bin ein Verfechter des Kinos, in dem man tolle Filme gemeinsam entdecken kann. Ich hoffe, die Zeit kommt wieder.