Die Neuverfilmung von "Berlin, Alexanderplatz" (jetzt im Kino) nach der Romanvorlage von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929 sorgte bei der diesjährigen Berlinale für viel Applaus, vor allem, weil Qurbani die Geschichte ins heutige Berlin verlegt hat und sich auch nicht vor dem großen Rainer Werner Fassbinder verstecken muss, der den Stoff bereits 1980 als 14-teilige TV-Serie verfilmt hatte. In fünf Kapiteln und 183 Minuten steht das Schicksal eines illegalen afrikanischen Immigranten (Welket Bungué) im Mittelpunkt, der nach seiner Überfahrt über das Mittelmeer versucht, sich in Berlin trotz widriger Umstände als anständiger junger Mann zu integrieren.

"Wiener Zeitung": Herr Qurbani, welchen Einfluss hatte die von Fassbinder inszenierte Fassung des Stoffes auf Ihre Version?

Burhan Qurbani: Ich war furchtbar ignorant, ich habe nie am Klassiker gerührt, und es sollte auch kein Film werden, der mit Fassbinder in Konflikt hätte geraten können. So sehr ich seine Arbeit schätze, so sehr unterscheide ich mich in Arbeitsweise und Stil, denke ich. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde ich dann doch ängstlich. Ich träumte, ich wäre auf meinem Set gewesen und Fassbinder kam vorbei und fing an, Regie zu führen. Niemand hörte mehr auf mich. Im Traum habe ich ihn dann angeschrien. Aber solche Ängste gehören dazu, denn sie sind ein Zeichen für die Suche nach dieser Wahrheit, nach der man strebt.

Burhan Qurbani interpretiert einen Klassiker der Literatur für die Gegenwart. - © Katharina Sartena
Burhan Qurbani interpretiert einen Klassiker der Literatur für die Gegenwart. - © Katharina Sartena

Worin besteht diese Angst, nicht zu entsprechen?

Es fängt immer mit dem weißen Blatt Papier an. Dieses weiße Blatt bedeutet für mich: Alles ist möglich. Aber es kann auch heißen: Mir fällt nichts mehr ein. Das ist die erste Hürde. Dann beginnt das Schreiben, und man hat bald drei, vier Seiten. Dann muss man das Geschriebene erstmals präsentieren - und hier setzt die Angst ein, dass es nicht ankommt, was man geschrieben hat. Diese Angst ist allerdings keine schlechte Energiequelle. Man neigt zu falschem Perfektionismus, denn man will ja so gut wie möglich arbeiten. Aber ich bin nicht jemand, der sich selbst so gut findet, dass er davon ausgeht, dass allen Leuten gefällt, was ich schreibe.

Es gibt fünf Aufzüge, tolle Musik und Dramatik: Kann man Ihre Version von "Berlin, Alexanderplatz" also mit der Struktur einer Oper vergleichen?

Ich denke, das ist ein toller Vergleich! Ich habe das zwar nicht bewusst so angelegt, aber bei unserer letzten technischen Abnahme ist mir auch aufgefallen, dass der Film etwas Opernhaftes hat, mit klaren musikalischen Einsätzen, und auch, wie er dramatisch mit dem Kanon des Bildungsbürgertums herumspielt.

Die Kapitelform erinnert an Lars von Trier, der damit auch viele seiner Filme opernhaft aufbaut.

Ja, ich habe von diesem Mann schon gehört (lacht). Die Kapitel helfen mir, eine Ordnung in die Geschichte reinzubringen und den Zuschauer durch den Film zu führen.

Wie zeitgemäß ist Alfred Döblins Geschichte heute?

Sehr, finde ich. Aber mir schwebte niemals vor, eine 1:1-Variante von Döblins Roman zu machen. Ich wollte auch keinen zweiten Fassbinder machen. Ich hatte dieses Bild von Afrikanern im Kopf, die mitten in einem Berliner Park Drogen verkauften. Das führte zu einem ekelhaften Ist-Gleich-Zeichen: Schwarz = Drogendealer. Ich fand die Parallelen zu Franz Biberkopf, ein ausgegrenzter Tagelöhner, der versucht, seinen Weg durch Berlin zu machen und nicht integriert ist in der Gesellschaft, das sah ich auch bei diesen Jungs im Park. Insofern ist die Geschichte sehr zeitgemäß.

Das Fremdsein scheint ein gewichtiges Thema in Ihren Filmen zu sein . . .

Viele Regisseure erzählen immer wieder ein ähnliches Narrativ, über etwas, das sie grundsätzlich bewegt, und ich habe kein großes Œuvre, aber wenn ich auf meine letzten drei Filme zurückblicke, dann drängt sich bei mir der Satz "Der Fremde in der Fremde" auf. Sowohl bei meinem ersten Film "Shahada", da ging es um drei junge Muslime, die in Berlin ihren Platz suchen. In "Wir sind jung. Wir sind stark" sind es rechtsradikale Jungs aus dem Osten, die eines Tages in diesem wiedervereinten Deutschland aufwachen. Und diesmal ist es jemand, der wörtlich an eine fremde Küste angeschwemmt worden ist. Er ist zunächst völlig machtlos, impotent, in dieser neuen Umgebung.

Wie haben Sie Ihr eigenes Fremdsein erlebt?

Meine Eltern kamen in den 80er Jahren aus Afghanistan nach Deutschland, mit zwei Koffern und sonst nichts. Sie haben alles hinter sich gelassen und begannen hier vollkommen neu. Das löste in ihnen ein Grundtrauma aus, das zu mir durchgesickert ist. Stell Dir vor, du musst, ohne die Sprache zu können und ohne familiären und finanziellen Rückhalt, neu anfangen. Du siehst anders aus, wirst immer als Fremder erkannt. Meine Eltern haben das Gefühl mit einer Arbeitsmoral verarbeitet und schafften es, innerhalb einer Generation vom Dasein mit zwei Koffern in die Mittelschicht aufzusteigen, was für sie spricht, aber auch für Deutschland. Ich glaube den Menschen, die mich lieben, dass sie in mir nichts Fremdes sehen, aber ich selbst kann es nicht für mich abschütteln. Das Gefühl bleibt: Ich werde mich immer fremd fühlen. Ich unterstelle die Wahrnehmung meines eigenen Fremdseins immer jemand anderem. Ich kann damit nicht aufhören. Ich lebe dieses Gefühl dann in den Figuren meiner Filme aus.

Wann wird das Gefühl des Fremdseins zum Problem?

Das kann natürlich auch zur Neurose werden. Wichtig ist es, in der Lage zu sein, andere Blickpunkte einzunehmen und die Doppelbödigkeit von dem, was da ist, zu erkennen.