Filme über Demenz gibt es viele, und es werden immer mehr, je schneller sich dieses Leiden zu einer Art Volkskrankheit ausweitet. Manche dieser Filme tragen ihre Geschichten mit viel Emotion vor, verfallen dann leicht ins Kitschige, Til Schweigers "Honig im Kopf" ist so ein Beispiel. Manche sind klassische Oscar-Filme, wie "Still Alice", für den Julianne Moore als Frau mit schwindendem Gedächtnis die begehrte Statuette erhielt. Aber es gibt auch Filme, die wollen mehr in die Innensicht eindringen; sie wollen zeigen, wie man sich als Demenzkranker fühlt, wollen das mit einer durchwegs fragmentarischen Erzählstruktur vorführen, wollen dem Zuschauer suggerieren, das Bruchstückhafte der Erkrankung in verschiedenen Erinnerungsfetzen und konfusen Zeitsprüngen im Gehirn zu zeigen.

Sally Potters "The Roads Not Taken" ist so ein Film. Er erzählt von dem Schriftsteller Leo (Javier Bardem), der früher ganz galant den Wortakrobatiker geben konnte, das war seine Domäne. Mit zunehmendem Fortschreiten seiner Demenzerkrankung wird ihm all das aber verunmöglicht. Mehr noch: Die Krankheit schränkt ihn bald so stark ein, dass er seinen Alltag ohne seine Tochter Molly (Elle Fanning) gar nicht mehr bewältigen kann.

Unverständliches Gemurmel

Hinzu kommen diese stetig konturierter werdenden Erinnerungen an seine Jugendliebe Dolores (Salma Hayek), und dieses Gemisch an Erinnerungsfetzen und tagtäglicher Mühsal, zwischen Bangen und Hoffen und dem Versuch, etwas Sinnvolles zu sagen, obwohl doch nur unverständliches Gemurmel herauskommt, dieses Gemisch also verdichtet Sally Potter in ihrem nur knapp 85 Minuten langen Drama zu einer sehr persönlichen, fragmentarischen Auseinandersetzung mit der Krankheit, der 2012 auch ihr Bruder Nic anheimfiel. Ihm widmet sie "The Roads Not Taken", und der Filmtitel bezieht sich dabei auf die Gelegenheiten im Leben, die man wissentlich und willentlich ausgelassen hat, was man zuweilen auch bereuen mag - so schwingt da in Javier Bardems Spiel auch viel Wehmut über Vergangenes und Vergängliches mit, weil seine Erinnerungsstücke im Kopf immer wieder auch Rückblenden auf das Früher aufflackern lassen. Bardem ist dabei zu jeder Lebensphase der Gleiche und wird nicht von einem Jüngeren gespielt - ein dramaturgischer Trick, weil diese Szenen seine heutige Draufsicht auf sein Leben darstellen. Soweit hat Sally Potter stringent und dem Thema adäquat ein Hinschauen auf Leos Leben umgesetzt, aber sie tut es oft auch überengagiert, gerade weil ihr das Thema persönlich so nahe geht und sie ihren Bruder über weite Strecken selbst gepflegt hat. Viele Ideen zu Szenen im Film stammen aus Potters eigenem Erfahrungsschatz. Es ist ein hartes Stück Kino, und Potter involvierte sich mit ganzer Kraft - von ihr stammt nicht nur die Regie, sondern auch das Drehbuch und die Filmmusik.

Von der eigenen Wahrnehmung

Dramaturgisch unterbricht Potter die aktuellen Tagesereignisse von Leo mit Szenen, die lediglich in seiner Wahrnehmung stattfinden. Auch das soll einen authentischen Blick auf die Leidensphasen der Krankheit ermöglichen. Hier geht es Potter weniger um eine schlüssige Erzählung als vielmehr um das Unterstreichen des Lückenhaften, dem Demenz-Patienten im Verlauf immer stärker ausgesetzt sind.

Dieses Herumspringen im Gehirn des Protagonisten ist von der Intention her raffiniert, in der Umsetzung allerdings hapert es dann doch: Mit zuwenig Konsequenz und Vehemenz schreitet die Erzählung voran, es tun sich Längen auf, manchmal wirken die Bilder beliebig, ausgefranst. Der Film kommt niemals wirklich auf den Punkt. Dafür dürfen Javier Bardem und Elle Fanning zeigen, welche großartigen Schauspieler in ihnen stecken. Beide konnten von Potter lernen, die als Angehörige in der ersten Reihe zusehen musste, wie sie ihren Bruder an die Vergesslichkeit verlor.