Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) war in den 1980ern der erste hochrangige Vertreter der süditalienischen Cosa Nostra, der vor Gericht über seine Clans auspackte - was seinerzeit zur Verhaftung hunderter Mafiosi führte. "Il traditore" (derzeit im Kino) erzählt diese wahre, bewegte Geschichte nun im Stile eines italienschen Mafiadramas. Marco Bellocchio, ein Altmeister des italienischen Kinos, hat dabei Regie geführt.

"Wiener Zeitung": Wie haben Sie sich diesem Tommaso Buscetta genähert? Manchen gilt er als Held, manchen als Verräter.

Marco Bellocchio: Das Interessante an Buscetta ist, dass er weder ein Opfer noch ein Held ist. Man könnte sagen, er ist einfach nur ein Überlebender. Buscetta floh nach Brasilien, um dort unterzutauchen, weil er wusste, welcher Krieg damals innerhalb der Cosa Nostra Siziliens tobte, und er wusste auch, dass er zu der Fraktion gehörte, die diesen Krieg verlieren würde. Er dachte aber niemals, dass die Gewinnerseite so weit gehen würde, seine Familie systematisch auszulöschen. Buscetta ging die Familie über alles, und deshalb entschied er sich, mit der Justiz zu kooperieren und die Mafia damit zu hintergehen. Er schlug der italienischen Justiz einen Deal vor: Er kooperierte bei der Bekämpfung der Mafia und erhielt im Gegenzug Garantien, die sein Überleben sicherten. Bald wurde er mit Richter Giovanni Falcone konfrontiert, mit ihm wurde das ganze Ausmaß der organisierten Kriminalität transparent, unzählige Morde, Schießereien, Erpressungen.

Marco Bellocchio wollte ins Herz der Mafia blicken. - © Katharina Sartena
Marco Bellocchio wollte ins Herz der Mafia blicken. - © Katharina Sartena

Als Aufdecker feiern ihn dennoch nicht viele.

Das liegt daran, dass er voller Widersprüche ist: Noch im Gefängnis lebte er seinen Lebensstil weiter, bestellte sich Prostituierte, gab von dort aus Morde in Auftrag und mischte auch im internationalen Drogengeschäft mit. Man nannte ihn den "Boss zweier Welten", weil er die Geschäfte in Italien genauso überwachte wie jene in Südamerika. Das Besondere an ihm war, dass ein Mafioso dieses Ranges vor Gericht auspackt. Aber Held ist er sicher keiner. Er wollte bloß um jeden Preis überleben.

Sie haben sich sehr genau mit der sizilianischen Cosa Nostra befasst, das geht sogar bis zur akkuraten Darstellung des sizilianischen Dialekts.

Ich habe intensiv recherchiert und herausgefunden, dass das sizilianische Lebensgefühl hauptsächlich durch die Sprache vermittelbar ist. Sizilianisch verstehe ich als Norditaliener kaum, deshalb gibt es in der italienischen Fassung des Films auch italienische Untertitel für alle auf Sizilianisch gedrehten Szenen. Ich stamme aus Piacenza, und wir hier im Norden haben ganz andere Horizonte als die Mafia. Aber für diesen Film wollte ich ins Innerste der Cosa Nostra vordringen, alles sollte absolut akkurat sein.

Ist "Il traditore" für Sie ein typischer Mafia-Film?

Ich habe versucht, die Psychologie der Mafia darin wiederzugeben, es sollte kein Actionfilm werden, sondern ein Drama, bei dem die Action aus dem Inneren der Figuren kommt. Genrefilme und Serien gibt es schon genug dieser Tage, das Fernsehen ist voll davon. "Il traditore" will keine ausgetretenen Genre-Pfade beschreiten und verweigert sich ein bisschen dem Mainstream. Ich glaube aber, dass die Figuren in dem Film dermaßen stark sind, sodass er für ein breites Publikum interessant ist.

Wo steht der italienische Mafia-Film heute? Gibt es dieses Genre überhaupt?

Ja. Allerdings ist er eine Mischung aus der italienischen Sicht und der amerikanischen. "Der Pate" von Francis Ford Coppola hat seinerzeit gewissermaßen den Standard für Mafia-Dramen gesetzt, das gilt inzwischen auch bei den italienischen Filmemachern. Ich hingegen habe meine Inspiration von rein italienischer Seite, als Vorlage dient mir hierbei Gianfranco Rosis "Wer erschoss Salvatore G." (1962). Dies war ein sehr italienischer Film, dessen Anmutung ich für "Il traditore" abwandeln wollte. Mein Ziel war es, tief ins Herz der Cosa Nostra zu schauen, und das kann man, glaube ich, am besten mit einem durch und durch italienischen Zugang.