Manchmal sind die ältesten Tricks einfach die besten. Das kann durchaus behaupten, wer Christopher Nolans neuen Sci-Fi-Thriller-Fantasy-Action-Blockbuster-Film "Tenet" gesehen hat. Denn darin bemüht der für seine oftmals verkopften Spektakelfilme bekannte britische Regisseur einen der ersten und damit ältesten Tricks der Filmgeschichte: Er lässt sein Material rückwärts laufen, die Menschen gehen rückwärts und sprechen rückwärts und - wäre dies eine Komödie - sie würden sogar rückwärts lachen.

Der simple Trick ist freilich so simpel nicht: Denn Nolan gemäß gibt es in ein und derselben Einstellung auch Dinge, die sich vorwärts bewegen, und das Fantasiewort "Tenet", das hier als Spionage-Codewort benutzt wird, verleiht dem Film nicht umsonst einen Titel, der als Palindrom von vorne und hinten gleich gelesen wird.

Christopher Nolan (r.) mit Washington am Set. - © Warner Bros.
Christopher Nolan (r.) mit Washington am Set. - © Warner Bros.

Nolan hat mit "Tenet" ein Verwirrspiel vor, das auf einem mindestens ebenso simplen Ausgangspunkt beruht wie die Idee vom Rückwärtslaufen: Es muss ein Dritter Weltkrieg verhindert werden, und genau damit sind John David Washington und Robert Pattinson in ihren Rollen als Agenten betraut. Dass Nolan den Film mit einer Eröffnungssequenz voll rasanter Action in der Kiewer Oper beginnt, wo Terroristen eine Vorstellung stürmen, zeigt, was möglich wäre, ließe man diesen Regisseur einmal Hand an die James-Bond-Reihe legen. Und dieser John David Washington, der Sohn von Denzel Washington, gäbe dabei einen ganz famosen 007 ab, noch dazu in schwarz.

"Tenet" trotzt Corona

Dass "Tenet" jetzt doch noch den Weg ins Kino gefunden hat, ist nicht selbstverständlich. Der Film hätte das große Frühjahrs-Highlight von Warner Brothers werden sollen, doch die Corona-Pandemie machte dem weltweiten Kinostart immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Eine Terminverschiebung jagte die nächste, bis man sich schließlich zur Änderung der Strategie entschloss: Filme in der Größenordnung von "Tenet" starten die US-Studios gewöhnlich gleichzeitig in allen Kinomärkten der Welt, weil man nur so verhindern kann, dass sich Raubkopien im Netz wie ein Lauffeuer verbreiten und die Besucherzahlen dadurch hinter den Erwartungen zurückbleiben. Im Fall von "Tenet" ging man nun einen Mittelweg: Der Film startet in allen halbwegs sicheren Märkten, darunter in Deutschland und Österreich, am 26. August. In den USA, wo die Pandemie ungleich stärker wütet als in Europa, sind die meisten Kinos noch geschlossen, und "Tenet" wird dort erst in den nächsten Wochen nachgereicht. Ein Tabubruch zwar, aber einer, der anscheinend auf Druck der Kinobranche weltweit auch bei Warner zu einem Umdenken geführt hat: Lieber ein paar wichtige Schlüsselmärkte wie Deutschland oder Italien bedienen, als den Film ewig weiter zu verschieben. Konkurrent Disney ist noch nicht so weit: Dort wanderten die meisten vielversprechenden Filme derweil auf "Ohne Termin".

Für Christopher Nolan, der Ende Juli seinen 50. Geburtstag feierte, bedeutete die Verschiebung eine Vollbremsung in seiner inzwischen umfangreichen Karriere: Diese brachte Titel wie "Memento", die "Batman"-Trilogie, "Inception", "Interstellar" oder zuletzt "Dunkirk" hervor. Fünf Oscar-Nominierungen gehen bislang auf sein Konto. Nolans Filme sind meist geprägt von einer nicht unbedingt linearen Erzählweise, die Geschichten sind fantastisch, außergewöhnlich, wie ein realisierter Bubentraum. Kein Wunder eigentlich, hatte Nolan doch schon im zarten Alter von sieben Jahren erste Kurzfilme mit alten Super8-Kameras gedreht.

Sehr oft sind es schier unglaubliche Welten, in die Nolan sein Publikum entführt, aber die Fantasy steht dabei eigentlich im Hintergrund: Nolan will uns nämlich glauben machen, dass das alles gar keine Fantasy ist, was er uns erzählt. Er wagt ein experimentierfreudiges Gedankenkino, in das viele bahnbrechende Ideen einfließen, über die sich sonst bloß Wissenschaftler den Kopf zerbrechen.

Noch lange nachdenken

Kein Wunder, dass Nolan über seine Arbeit sagt: "Ich mache das nicht für Geld oder Ruhm, sondern einzig und allein fürs Geschichtenerzählen. Die Story muss mich faszinieren, und ich bin ein Verfechter der Tatsache, dass Filme keine linearen Erfahrungen sind, sondern komplexe Erzählungen, über die man auch im Nachhinein noch lange nachdenken kann".

Nachdenken, das kann man bei "Tenet" allemal, denn der Film ist mit seinen epischen 150 Minuten vollgestopft mit Action, die aber niemals nur einem Unterhaltungsaspekt dient, sondern die Nolan immer auch mit Sinn anzufüllen versucht. Zugleich ist die visuelle Ebene seiner Filme stets darauf ausgerichtet, sprichwörtlich "großes Kino" zu zeigen, da haben Flatscreens, und seien sie auch noch so riesig, keine Chance. Nolan ist gleich Kino. Er dreht unentwegt und unbeirrt auf 65mm-Film, und so ist auch "Tenet" in ausgewählten Kinos als schillernde 70mm-Kopie zu sehen. Das gab es schon bei einigen seiner früheren Filme, unter anderem bei der "Batman"-Trilogie.

Was ist also nun das Rätsel, dass er seinen Zuschauern diesmal mit auf den Weg gibt, wie dereinst die Vielschichtigkeiten in Filmen wie "Inception" oder "Interstellar"? "Tenet" arbeitet sich erneut am Thema Zeit ab; eine Ebene, die in Nolans Welt genauso beschritten wie die räumliche Distanz zurückgelegt werden kann. Ein ausuferndes Gedankenexperiment, von dem man - des Spoilerns wegen - lieber noch nicht zu viel verrät.

Gesagt werden darf jedoch, dass "Tenet" kein Zeitreise-Schwank ist wie dereinst die (überaus klug konstruierte) "Zurück in die Zukunft"-Trilogie. Zeitreisen finden hier nicht statt, vielmehr geht es um den Begriff "Inversion", also Umkehr. "Ich wollte das Interagieren mit Zeit kombinieren mit den klassischen Konventionen des Spionage-Films", sagt Nolan. "Es geht um Zeit, und wie wir sie erleben. Ich liebte schon als Kind Spionagefilme und wollte immer einen machen. Aber nicht, ohne dem Genre etwas Neues mitzugeben. Am einfachsten erklärt ist es so: Was ‚Inception‘ dem Heist-Movie mitgab, das soll ‚Tenet‘ dem Spionagefilm bringen".

Der "Protagonist", so bezeichnet sich die namenlose Figur von John David Washington gern, soll in "Tenet" einen stinkreichen Verbrecher namens Sator (Kenneth Branagh) zur Strecke bringen, der ein seltsames Gerät besitzt, das offenbar die Zeit beeinflusst. Radioaktivität ist aber auch im Spiel, und Kat (Elizabeth Debicki), die Frau des Schurken, leidet unter seinen Besitzansprüchen ebenso wie unter der Trennung von ihrem kleinen Sohn, die Sator befiehlt.

Genug Gründe also, um den Bösewicht zu jagen. Und zwar mithilfe der Inversion, denn: "Man hat eine Zukunft in der Vergangenheit", und so eine Aussage lässt sich dann auch optisch hervorragend mit einer Verfolgungsjagd mit Trucks und Limousinen auf einer Autobahn illustrieren, in der vorwärts und rückwärts gefahren wird (und es heftig kracht), aber auch in einer Flughafen-Sequenz, bei der eine Cargo-Maschine voller Goldbarren mit Speed in den Hangar kracht.

Das Hirn fordern

Der Rest ist Verknüpfungsarbeit für das gut geölte Zuschauerhirn, das sich vom "Protagonisten" John David Washington in all seiner Körperlichkeit durch ein Spektakel geleiten lässt, das mancher auch als blöd und hanebüchen empfinden kann. Aber Nolans Hirn will uns fordern, das ist wichtiger als jeder Stunt, jeder Effekt. Und das ist ja bekanntlich selten geworden im US-Mainstream.

Die Chuzpe ist nun, dass es genügt, wenn Nolan die Bilder immer wieder mal rückwärts laufen lässt. "Seht her", suggeriert dieser Regisseur seinem Publikum, "die effektivste Art der Illusion muss gar nicht kompliziert sein. Sie entstammt eurem Kopf". Treten Sie näher, das Kino ist bei Nolan auch wieder zu jener Jahrmarktattraktion geworden, als die es einst begann. Die simplen Tricks waren schon damals die effektivsten.