Der österreichische Film hat derzeit keinen leichten Stand, denn die publikumsträchtigen Filme leiden ebenso unter Corona und der Angst vor dem Virus wie auch die Arthaus-Produktionen. Johanna Moders zweiter Spielfilm "Waren einmal Revoluzzer" hatte einen guten Anlauf genommen, um in Österreich ein Kinoerfolg zu werden, ehe der Lockdown den ursprünglichen Kinostart im März verhinderte. Jetzt gibt es einen zweiten Anlauf, nach der Weltpremiere im vergangenen Herbst beim Filmfestival in Zürich, und dem Regiepreis im Jänner 2020 beim Filmfestival in Saarbrücken. Faktoren, die in der Heimat zumeist ein reges Publikumsinteresse wecken, zumal hier auch bekannte Gesichter zu sehen sind: Manuel Rubey und Julia Jentsch spielen ein Ehepaar in seinen 40ern, das ein Mittelklasse-Dasein führt, das aus ihrer Perspektive aber noch ein paar mehr Ereignisse vertrüge. Helene (Jentsch) ist Richterin und hat zwei Kinder, wohnt im Altbau in Wien, ihr Mann Jakob (Rubey) ist Musiker, der letzte Hit ist aber schon länger her. Zusammen sind sie ehrlich und aufrichtig, wollen das Richtige tun, und als ihr Freund Volker (Marcel Mohab) verkündet, nach Moskau zu fahren, will ihn Helene davon überzeugen, einem alten Freund, der dort in Schwierigkeiten steckt, ein Kuvert mit Geld in die Hand zu drücken. Man will eben helfen, ein bisschen was vom Wohlstand abgeben.

Dass dieser russische Freund, Pavel (Tambet Tuisk), Helenes Ex aus ihrer wilden Zeit, dann plötzlich mit Frau und Kind in Wien vor der Tür der gütigen Spenderin steht, hatte keiner der Protagonisten auf dem Plan. Und bald stellt sich die Frage: Warum ist es so leicht, in der Theorie Gutes zu tun, im echten Leben ist es dann aber doch oft eine Nummer zu groß für einen selbst?

Johanna Moder seziert Wiener Befindlichkeiten. - © Lukas Moder
Johanna Moder seziert Wiener Befindlichkeiten. - © Lukas Moder

"Die Figuren sind Teil einer intellektuellen Mittelschicht und leben in dem Glauben, für ihre Ideale einzustehen. Als es aber dann tatsächlich darauf ankommt, etwas zu tun, das ihre komfortable Lebenssituation gefährden und damit ihren Wohlstand oder ihre Sicherheit bedrohen könnte, zeigt sich, ob ihre Ideale diesem Druck auch standhalten", sagt Regisseurin Johanna Moder über ihre Tragikomödie. Alles hier seziert diese Gesellschaftsschicht und ist zum Teil erschreckend entlarvend. Zwar hat man ähnliche Milieuschilderungen schon häufiger im heimischen Kino gesehen, doch Moder gelingt ein durchwegs überzeugender Film, tadellos gespielt, unterhaltsam und auch mit Tiefgang. Denn viele der Fragen, die Moder ihren Protagonisten stellt, sind uns nur zu gut bekannt.

Dabei ist vor allem die konkrete Hilfssituation im Film der Anstoß für das Drehbuch gewesen, an dessen Entstehung auch Moders Schauspieler Mohab und Rubey mitwirkten. "Die Idee zum Drehbuch entstand vor einigen Jahren, als sich in meinem Bekanntenkreis ein ähnlicher Fall ereignete", sagt Johanna Moder. "Ich habe gelernt, dass oftmals in Österreich und in Europa Helfende eine paternalistische Position gegenüber den Menschen, die sich auf Flucht befinden, einnehmen. Im Film stehen Pavel und seine Frau letztlich nicht für Flüchtende, sondern verkörpern eine Haltung. Entscheidend ist, dass sie gegen Autoritäten auftreten, sich nicht unterwerfen, sondern Stellung beziehen und diese verteidigen wollen, selbst wenn sie dafür ihr Leben gefährden. Darin unterscheiden sie sich von den Österreichern und führen diesen ihr nicht gelebtes Selbst vor Augen".

Ein Mangel an Substanz

Moder bringt damit auch ein großes Dilemma dieser Mittelschicht zum Ausdruck, denn diese konsumorientierte Gesellschaft lässt es an vielen Ecken und Enden an Substanz mangeln. Oder, wie es die 41-jährige Grazer Regisseurin ausdrückt: "Ich finde, wir leben in der Zeit des ‚romantischen Konsumismus‘, was ich für einen sehr treffenden Gedanken halte. Im alten Ägypten galt das Grab in der Pyramide als höchstes zu erreichendes Glück, auf das man hingearbeitet hat. Heute stehen dafür die schöne Eigentumswohnung, der geräumige SUV oder die romantische Liebe, denen wir hinterherlaufen", sagt Moder. "Gleichzeitig wissen wir, dass die Erfüllung nie die erhoffte Zufriedenheit bringt, daher sind wir in einem Zustand der Getriebenheit und ersehnen etwas, das uns nicht glücklich macht, sind die ganze Zeit unglücklich und kommen aus diesem Hamsterrad nicht heraus. Das Bemühen, durch Konsumartikel Seelenheil zu finden, widerspricht ja dem Kapitalismus. Würde man das ersehnte Glück finden, hätte der Kapitalismus ausgedient".

Kluge Gedanken zu einem wichtigen Thema, das die Coronazeit allerdings ein wenig zugedeckt hat.