Alberto Barbera kann dieser Tage besonders viele gedrückte Daumen brauchen. Der Direktor der Filmfestspiele von Venedig, deren 77. Ausgabe heute, Mittwoch, beginnen soll, hat sich allen Unkenrufen zum Trotz bis zuletzt dafür eingesetzt, dass das Festival physisch stattfinden kann. Das war keineswegs sicher, denn nach Ausbruch der Corona-Pandemie und den horrenden Erfahrungen, die Italien damit gemacht hat, hätte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müssen, eine Filmschau dieser Größenordnung abzusagen. Doch Barbera blieb stur: Selbst als das Festival von Cannes im Mai ersatzlos gestrichen wurde und auch die Filmschau im schweizerischen Locarno, die Anfang August hätte stattfinden sollen, nahm Barbera mit seinem Team unbeirrt Kurs auf sein Festival, das nun wie geplant von 2. bis 12. September stattfinden wird. Allein: Auch ihm war bewusst, dass dies keine ganz gewöhnliche Festivalausgabe werden würde, sondern eine, bei der nichts so sein könnte wie üblich.

Maskenpflicht im Kino

So wie im Vorjahr wird es beim Filmfestival von Venedig heuer nicht zugehen: Das Publikum am roten Teppich bleibt ausgesperrt, die Fotografen müssen Abstand halten und Maske tragen. - © Katharina Sartena
So wie im Vorjahr wird es beim Filmfestival von Venedig heuer nicht zugehen: Das Publikum am roten Teppich bleibt ausgesperrt, die Fotografen müssen Abstand halten und Maske tragen. - © Katharina Sartena

Das beginnt schon beim Organisatorischen: Barberas Ankündigung, dass das Festival stattfinden würde, brachte viele Spekulationen mit sich, wie man eine Veranstaltung dieser Größenordnung, mit mehr als 4000 akkreditierten Journalisten und Branchenmitgliedern, mit hunderttausenden Schaulustigen und mit unzähligen Top-Stars aus aller Welt umsetzen könnte. Eine Facebook-Gruppe von internationalen Filmjournalisten spekuliert seit Monaten darüber, wie Barbera das alles stemmen will, und tatsächlich gaben sich die Organisatoren bis zum Beginn dieser Woche recht verschlossen. Doch inzwischen ist klar, wie in Venedig das älteste Filmfestival der Welt über die Bühne gehen soll - als erstes Mega-Kulturevent seit Beginn der Corona-Krise.

Festival-Chef Alberto Barbera wagt einen Neustart. - © K. Sartena
Festival-Chef Alberto Barbera wagt einen Neustart. - © K. Sartena

Oberstes Gebot: die Vermeidung von Menschenansammlungen. Zu Hunderten für 30 Minuten und mehr vor den Kinosälen anzustehen, das darf dieses Jahr nicht sein. Jeder Journalist muss sich für die Presse-Vorstellungen online auf einer Plattform ein Ticket reservieren, bekommt dann einen spezifischen Sitzplatz und hat wegen der geringeren Belegung der Kinosäle nun nicht mehr die Wahl zwischen zwei Vorstellungen zu einem Film, sondern mindestens zwischen vier, die zeitlich nahe beieinander liegen und von denen einige sogar unter freiem Himmel stattfinden können, wofür extra zwei Open-Air-Kinos geschaffen wurden. Mit ausgedrucktem Ticket oder am Handy sollen Wartezeiten beim Einlass vermieden werden, aber erst die Praxis wird zeigen, wie das funktionieren soll. Denn: Die Online-Buchungsplattform war gleich am ersten Tag, an dem man sie aktiv schaltete, nach kurzem nicht mehr erreichbar, der Bildschirm zeigte nur "Error" an. Es kann niemandem vorgeworfen werden, wenn er da an alte Klischees betreffend der Technikfertigkeit der Italiener denkt.

Aber der geordnete Einlass aufs Festivalgelände und in die Kinos ist eben oberste Priorität. Schon an den neun Zutrittspunkten zum Gelände auf dem Lido von Venedig müssen sich die akkreditierten Teilnehmer die Körpertemperatur messen lassen, und jenen, die 37,5 Grad oder mehr aufweisen, wird der Einlass verwehrt. Durch die Registrierung via Akkreditierungsausweis, der bei jedem Eintritt gescannt wird, kann auch das Contact Tracing im Falle einer Infektion auf Knopfdruck erfolgen, zumindest in der Theorie. Wie hernach eine Massenquarantäne in den überteuerten Hotels am Lido aussehen würde, darüber möchte man aber lieber nicht nachdenken.

Fotografen mit Abstand

Die Fotografen dürfen ihre Termine nur in kleinen Gruppen mit viel Abstand abhalten, die Fotos von überfüllten roten Teppichen wie in den Vorjahren gehören damit der Vergangenheit an. Am Abend vor dem Palazzo del Cinema, wenn die Filmemacher und Schauspieler über den Teppich gehen, ist das sonst gern kreischende Publikum ausgeschlossen - die gesamte Länge des roten Teppichs ist für die Fotografen reserviert, die sich aber nicht zusammenrotten dürfen, sondern auf ihren weit auseinanderliegenden Plätzen stehen müssen. Ein bisschen wird das aussehen wie eine militärische Garde, ganz ohne Gekreische und ohne lautes Rufen. Natürlich dürfen auf den Gesichtern aller Menschen auf dem Festivalgelände die obligatorischen Masken nicht fehlen. Bei den Fotografen müssen sie schwarz sein, damit die Fotos nachher einheitlich sind und nicht zu bunt, bei den Kinobesuchern ist die Farbe egal, dafür muss der Mund-Nase-Schutz auch während der Filmvorführungen permanent getragen werden.

Zum Jubeln gibt es dieses Jahr nicht nur wegen der ausgesperrten Schaulustigen nur wenig: Denn die großen Stars werden der Lagunenstadt ohnehin fernbleiben, aus den USA darf gar niemand anreisen, und die wenigen europäischen Stars lassen sich an einer Hand abzählen. Mit Cate Blanchett, die der Jury vorsteht (in der mit Veronika Franz auch eine österreichische Regisseurin vertreten ist), hat man den attraktivsten Star des Festivals in der Stadt, und der geht immerhin jeden Abend über den Teppich. Gleich zu Beginn ehrt man Tilda Swinton für ihr Lebenswerk, auch das ist ein Star, den man kennt. Aber sonst gehört diese Mostra del cinema eher dem Kunstkino.

Alberto Barbera bezeichnete das diesjährige Festival im Vorfeld als "Experiment", als eine Filmschau, die versucht, "der Filmindustrie viel Solidarität und ein kräftiges Lebenszeichen zu schenken". "Bis Mitte Mai wussten wir gar nicht, ob wir stattfinden können. Schließlich haben wir 63 Filme in die Hauptsektionen eingeladen, das sind viel weniger als sonst, denn auch hier mussten wir reduzieren", sagte Barbera.

Dass Venedig viele Titel des entfallenen Cannes-Filmfestivals erben würde, hat Cannes schon allein damit unterbunden, indem es den ausgewählten Filmen zugestand, für ihre Bewerbung das Cannes-Logo verwenden zu dürfen; ab diesem Zeitpunkt waren diese Filme für Venedig uninteressant, das wie Cannes auf exklusive Weltpremieren setzt. Und so konnte man nicht einmal für die Eröffnung einen wie üblich stark besetzten, internationalen, potenziellen Oscar-Kandidaten bekommen, sondern zeigt erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder eine italienische Produktion zum Auftakt, und zwar das Familiendrama "Lacci" mit Alba Rohrwacher. Dabei hatte sich Venedig gerade in den Vorjahren als Startrampe von künftigen Oscar-Filmen wie "La La Land" oder "Joker" einen Namen gemacht, die allesamt hier ihre Weltpremieren feierten.

Im Wettbewerb treten heuer viele Produktionen an, die es in einem normalen Jahr vielleicht bloß in die Nebenreihen geschafft hätten. Zu den prominentesten Filmen im Rennen um den Goldenen Löwen zählen unter anderem "Nomadland" mit Frances McDormand, "The World to Come" mit Casey Affleck sowie "Pieces of a Woman" mit Shia LaBeouf. Keiner der Stars hat sein Kommen angekündigt. Auch Österreich ist in diesem Reigen mit der Koproduktion "Quo Vadis, Aida?" der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic und der Schauspielerin Edita Malovcic präsent.

Viele Frauen im Wettbewerb

Außer Konkurrenz ist "The Duke" von "Notting Hill"-Regisseur Roger Michell und mit Jim Broadbent und Helen Mirren in den Hauptrollen zu sehen, Oscar-Preisträgerin Regina King ("If
Beale Street Could Talk") zeigt ihr Regiedebüt "One Night in Miami" über den Sieg von Boxer Cassius Clay im Jahr 1964. Es gibt vermehrt Filme von Frauen im Programm, allein im Wettbewerb sind es fast die Hälfte der 18 Beiträge. Eine Dokumentation stellt die Klimaaktivistin Greta Thunberg in den Mittelpunkt, und der Italiener Luca Guadagnino beobachtet im Kurzfilm "Fiori, Fiori, Fiori!", wie seine Freunde in Sizilien mit der Pandemie umgingen. Auch der spanische Altmeister Pedro Almodovar zeigt dieses Jahr einen Kurzfilm: "The Human Voice" mit Tilda Swinton.

Angesichts dieses eher eingeschränkten Programms wird auch die Anzahl der Akkreditierten geringer sein, das Festival nennt keine konkreten Zahlen, aber Barbera rechnet mit einem Rückgang von 50 Prozent. "Doch dieser Umstand macht das Festival auch sicherer, weil überschaubarer." Nach einem richtigen Neustart des Gemeinschaftserlebnisses Kino klingt das noch nicht, aber vielleicht ist es ein erster Anfang.