Mit Sicherheitsabstand und Masken wurden am Mittwoch Abend in Venedig die 77. Filmfestspiele auf dem Lido eröffnet. Die Filmschau, die das erste große Kulturevent seit dem Ausbruch der Pandemie ist, das physisch stattfindet, hat viele Sicherheitsmaßnahmen getroffen, um trotz Corona-Gefahr das Comeback des Kinos zu feiern. Der Eröffnungsabend fand daher ohne Schaulustige statt, denn der Blick auf den Roten Teppich ist dieses Jahr bewusst verstellt. Die Fotografen blitzten die geladenen Gäste auf dem Weg in den Palazzo del cinema mit großem Sicherheitsabstand zu diesen und zu ihren Kollegen. Das Fehlen des kreischenden Publikums erinnert in diesem Zusammenhang an die Fußballspiele vor leeren Stadien.

Die Jury des Festivals, angeführt von Cate Blanchett und mit Matt Dillon und der Österreicherin Veronika Franz besetzt, schritt zum Eröffnungsfilm "Lacci" von Daniele Luchetti ebenso über den Teppich wie Tilda Swinton, der man bei dieser Gelegenheit einen Goldenen Löwen für das Lebenswerk überreichte. 

"Es ist ein Privileg und eine Ehre, hier zu sein", sagte Blanchett in Venedig. "Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Es ist eine wichtiges Zeichen, nach sechs Monaten, in denen die Filmindustrie in ihrer schwersten Krise steckte, wieder aufzutauchen und Präsenz zu zeigen". 

An einem Strang ziehen

Die Wiedereröffnung der Kinos sei eine große Herausforderung, aber auch eine kollektive Aufgabe, sie betreffe nicht einzelne nationale Kinos, sondern erfordere gemeinsame Anstrengungen, so Blanchett, die aber auch Kritik parat hatte für den Umgang mit der Krise: "Die Wirtschaft ist ein wichtiges Familienmitglied, aber ich finde es bizarr, dass die WHO diesen Notfall nicht global bewältigen konnte. Ich verstehe nicht, warum wir nicht an einem Strang ziehen, gemeinsam agieren und von anderen lernen". 

Auch bei der Eröffnungsgala zog man an einem Strang: Die sieben Direktoren der hochkarätigsten Filmfestivals der Welt, darunter Cannes, Berlin und Locarno, verlasen auf der Bühne eine Erklärung, in der sie sich für die Zukunft des Kinos und gegen die Allmacht der Streamingdienste aussprachen. "Niemand kann ohne Kino existieren", gab man sich kämpferisch. "Wir alle lieben das Erlebnis, einer Filmvorführung mit Publikum beizuwohnen. Wir müssen uns um unsere Lichtspielhäuser kümmern".

Beziehungsdrama zum Auftakt

Der Eröffnungsfilm "Lacci", der hier außer Konkurrenz gezeigt wurde, ist der erste italienische Film seit Jahren, der diesen besonderen Festival-Programmplatz erhält. In den letzten Jahren wählte Venedigs Festivalchef Alberto Barbera lieber prestigeträchtige, potenzielle Oscar-Kandidaten für das Opening aus, darunter etwa "La La Land" oder "First Man". 

"Lacci" hingegen ist ein durchaus stimmig inszeniertes Familiendrama, dem das Hysterische des italienschen Kinos angenehm abgeht. Durchaus dramatisch ist aber die Handlung: Ein Familienvater gesteht seiner Ehefrau (Alba Rohrwacher) eine Affäre, sie wirft ihn hinaus, will dann aber doch versuchen, die Wogen zu glätten, auch, weil da zwei kleine Kinder sind, die das alles mitansehen müssen. Der Film springt in Rückblenden in die 80er Jahre, wo die Trennung stattfand, und lotet in der Gegenwart die Langzeitfolgen einer solchen Trennung aus, was durchaus zu einem dramaturgischen Balanceakt wird. Doch Regisseur Luchetti hat seine Geschichte gut im Griff, die Akteure finden ausgezeichnet ins Spiel, und insgesamt war für das 77. Filmfestival der Auftakt damit gerettet. Es muss nicht immer Hollywood-Ware sein, die hier im Lichte der Eröffnung glänzt.