Ein Mädchen, dass große Kräfte beherrscht, diese aber unterdrücken muss. Sie kann unmögliche Dinge tun: Mit einer unglaublichen Eleganz die Kunstfertigkeit des Kampfes beherrschen und andererseits, scheinbar die Schwerkraft überwindend, die Wände rauf und runter laufen und andere "Kunststücke" vollbringen - Mulan ist die Tochter eines gefeierten Kriegers, aber sie ist eben - eine Tochter und kein Sohn. Also soll sie ihre Kräfte lieber für sich behalten, denn Frauen und Schwerter schließen einander (nicht nur) in China aus.

Zusatzkosten bei Disney+

Mit der Realverfilmung von Disneys Trickfilm "Mulan" aus dem Jahr 1998 wollte das Studio 2020 einen der potenziellen Blockbuster des Jahres liefern, allein: Die Corona-Pandemie machte den Kinostart mehrfach unmöglich. Anders als das Studio Warner Bros., das seinen Filmhit "Tenet" schließlich doch noch in die Kinos brachte, zumindest in Teilen der Welt, hatte sich Disney im Sommer von einem weltweiten Start in den Lichtspielhäusern verabschiedet und allein auf die Auswertung des Films auf der hauseigenen Streamingplattform Disney+ gesetzt. Zu einem saftigen Aufpreis zum normalen Abo zwar, aber immerhin. Wer "Mulan" ab heute, Freitag, streamen will, der muss für 21,99 Euro einen VIP-Zugang anlegen. Wer drei Monate warten kann, bekommt "Mulan" knapp vor Weihnachten dann auch zum regulären Abo gratis dazu, hat Disney angekündigt.

Ein Modell, das vor allem den Kinobetreibern den Angstschweiß auf die Stirn treiben könnte, denn die klassische Verwertungskette über das Kino als Premierenort wird damit umgangen. Disney gelobt aber, dass es sich um eine Ausnahme handelt; sobald die Pandemie vorbei ist, würde man wieder zurückkehren zu den alten Gewohnheiten, versichert das Studio.

Aber lohnt sich das Investment in Disneys neuen Blockbuster für das Heimkino? Die "Wiener Zeitung" hatte die Möglichkeit, den Film vorab zu sichten, und der erste Eindruck fällt zwiegespalten aus: Die ausladenden Landschaften, die großen Kampfszenen und die spektakulären Stunts sind auf einem Flachbildschirm, und sei er noch so groß, niemals vergleichbar mit dem überlebensgroßen Eindruck, den dieser Film wohl auf der Kinoleinwand hinterlassen würde. "Mulan", eindeutig fürs Kino gemacht, muss es jetzt eben eine Nummer kleiner geben, aber selbst da ist es ein Epos mit Größe.

Die Hauptfigur Mulan, gut besetzt mit der Chinesin Liu Yifei, wirbelt durch diesen Film, ist zugleich aber auch eine sehr besonnene, nachdenkliche Figur, die Entscheidendes zu verbergen hat: Zuerst darf sie ihre Fähigkeiten nicht ausleben, doch dann fallen die Hunnen in China ein und der Kaiser befiehlt, dass aus jeder Familie ein Mann gegen die Feinde in den Krieg ziehen muss; Mulans Vater ist erkrankt, und so wird Mulan kurzerhand als Mann getarnt und in die Armee eingeschleust. Doch das Geheimnis ihrer Weiblichkeit lässt sich nicht so ohne Weiteres verbergen.

Die Regie dieses Verwirrspiels hat man klugerweise einer Frau anvertraut: Die neuseeländische Filmemacherin Niki Caro spielt ein bisschen mit den Geschlechterrollen, traut sich aber keine Genre-Grenzen zu sprengen - ganz jugendkonform. Alles bleibt hier familientauglich, ganz dem Disney-Prinzip geschuldet. Optisch ist der Film mit großer Liebe zum Detail und viel Opulenz umgesetzt worden und folgt nicht in allen Details dem Zeichentrick-Original, auch und vor allem, weil hier nicht gesungen wird.

Wichtiger Filmmarkt

"Mulan" ist auch deshalb verfilmt worden, weil Disney damit vor allem den chinesischen Markt ins Visier genommen hat, der inzwischen der wichtigste Filmmarkt außerhalb der USA ist. Ob man dort die doch recht amerikanisch inszenierte Geschichte mag, bleibt abzuwarten. Zwar giert das chinesische Publikum stets nach neuen Blockbustern aus den USA, fraglich ist aber, wie es sich verhält, wenn es Amerikaner sind, die sich an dem chinesischen Volksgedicht, auf dem "Mulan" beruht, versuchen. Das darin im Mittelpunkt stehende Mädchen Mulan soll im fünften Jahrhundert gelebt haben, die Disney-Versionen sind allesamt viel später angesiedelt und schon allein deshalb weit entfernt vom Original.

Wesentlich näher an der Vorlage war da die chinesische Realverfilmung "Mulan - Legende einer Kriegerin" von 2009. Damals spielte Wei Zhao die Titelheldin, aber auch Liu Yifei war bereits im Casting bis in die finale Runde gekommen. Jetzt ist ihre Zeit gekommen: Sie könnte für Disney den Weg zu einem chinesischen Filmhit Made in USA ebnen.

Weitere Links
https://youtu.be/SyFDxB_N4Vs