Aida (Jasna Duricic) hat einen gefährlichen Beruf: Weil sie mehrere Sprachen spricht, ist sie als Dolmetscherin gerade in Krisen- und Kriegszeiten gefragt, aber auch gefährdet. Menschen, die zwei Sprachen sprechen, sind schnell auch verdächtig - vor allem, weil sie steuern können, wie sie übersetzen und was gegebenenfalls nicht. "Quo Vadis, Aida?" der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic (Goldener Bär für "Grbavica", 2006) bildet den Auftakt zum Wettbewerb der 77. Filmfestspiele von Venedig, es ist eine österreichische Koproduktion, aber auch eine, bei der halb Europa mitgezahlt hat. Das Thema: Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 mehr als 8000 Bosnier ermordet wurden.

Chaostage

Zbanic zeichnet diese Ereignisse von ihrem Anbeginn bis zu den drastischsten Momenten nach und lässt ihre Hauptfigur Aida inmitten des Chaos jener Tage zusammen mit ihrer Familie Schutz bei den niederländischen UN-Truppen suchen, zusammen mit Hunderten anderen. Doch die Holländer sind mit der Situation heillos überfordert, sie entgleitet ihnen zusehends. Zbanics Drama ist hautnah am Geschehen, es fängt das Leid und die Tortur dieser Menschen ein und kommt einer überaus akkuraten Aufarbeitung der größten Kriegstragödie dieses Landes gleich. Eine tonnenschwere Last, die Zbanic kompakt und zugleich in vielen Details schildert, ein famoser Auftakt für diesen Wettbewerb, der unter so ganz anderen Vorzeichen stattfindet als sonst, mit Maskenpflicht im Kino, die einem manchmal nicht nur wegen der Spannung in den Filmen den Atem raubt.

Jasmila Zbanic. - © K. Sartena
Jasmila Zbanic. - © K. Sartena

Im spannenden Beziehungsdrama "Amants" der Französin Nicole Garcia ist man hautnah dabei, wenn Simon (Pierre Niney) und Lisa (Stacey Martin) einander leidenschaftlich lieben, doch die Liebe hat ein Ablaufdatum. Ein Kunde, der bei Simon Drogen kauft, stirbt an einer Überdosis, und Simon nimmt Reißaus ans Ende der Welt, um den Folgen zu entgehen. Seine grundsätzlich zur Komplizenschaft bereite Freundin lässt er jedoch zurück. Erst drei Jahre später - Lisa ist bereits mit dem reichen Geschäftsmann Léo (Benoît Magimel) verheiratet - treffen die beiden wieder aufeinander, mit ungeahnten Konsequenzen (die im Film natürlich ziemlich vorhersehbar sind). Das Ensemble darf zur Hochform auflaufen, wenngleich die Geschichte durch viele Zufälle hin- und hergewendet wird, die gerade noch plausibel erscheinen. Aber es ist diese Wendigkeit, die dem Wettbewerbsbeitrag trotz aller Vorhersehbarkeit auch Spannung verleiht.

Ebenfalls im Wettbewerb war der indische Beitrag "The Disciple" zu sehen. Der junge Sharad (Aditya Modak) will sich als Darbieter klassischer indischer Musik versuchen und nimmt an einem Wettbewerb teil, bei dem seine gesanglichen Talente auf dem Prüfstand stehen. Ein Film voller musikalischer Höhepunkte, der sich dem Laien vermutlich nur schwer erschließt, im richtigen Kontext aber seine Qualitäten hat.

Film über Greta Thunberg

Auch abseits des Wettbewerbs gab es schon einiges zu sehen: So gefiel mit "Lacci" der italienische Eröffnungsfilm des Festivals, ein stimmig inszeniertes Familiendrama, dem das Hysterische des italienschen Kinos angenehm abgeht. Durchaus dramatisch ist aber die Handlung: Ein Familienvater gesteht seiner Ehefrau (Alba Rohrwacher) eine Affäre, sie wirft ihn hinaus, will dann aber doch versuchen, die Wogen zu glätten, auch, weil da zwei kleine Kinder sind, die das alles mitansehen müssen. Der intensive Film von Daniele Luchetti, hier außer Konkurrenz zu sehen, springt in Rückblenden in die 80er Jahre, wo die Trennung stattfand, und lotet in der Gegenwart die Langzeitfolgen einer solchen Trennung aus.

Die Doku "Greta" über die Klimaaktivistin Greta Thunberg zeigt hingegen, wie gescriptet und vorgeplant die "Karriere" dieses Mädchens offenbar ist: Schon als sie 2018 noch allein vor dem Parlament der schwedischen Regierung saß, um ihren Schulstreik gegen den Klimawandel zu beginnen, und noch keinerlei Anhänger hatte, war das Profi-Kamerateam von Nathan Grossman dabei, was Gretas Wirken wie eine am Reißbrett geplante Aktion erscheinen lässt; der Verdacht tut sich auf, dass da ein unschuldiges Mädchen auch als Mittel zum Zweck benutzt wurde.