Es ist nicht einfach, diese ersten 30 Filmminuten zu überstehen; einer jungen Frau (Vanessa Kirby) dabei zuzusehen, wie sie sich, hochschwanger, daheim auf die Hausgeburt vorbereitet. Ihr Mann (Shia LaBeouf) ist da, um ihr zwischen den Wehen gut zuzureden, und auch die Hebamme trifft bald ein. Zurückgeworfen auf die Kraft der Natur, muss sich die Frau dem Geburtsschmerz fügen, doch dann tauchen unerwartete Probleme auf. Das Kind, das sich im Mutterleib gerade noch via Ultraschall mit einem schnellen, festen Herzschlag gemeldet hatte, ist nach der schweißtreibenden Geburt nur kurz bei Bewusstsein. Die Hebamme sieht schnell, dass da etwas nicht stimmt, das Neugeborene läuft blau an. Der Notarzt kommt zu spät.

An dieser Stelle, nach 30 Filmminuten ohne Schnitt und atemloser Anteilnahme an diesem Schicksal, blendet der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó seinen Filmtitel ein: "Pieces of a Woman", sein englischsprachiges Filmdebüt, ist eine emotional überaus fordernde Auseinandersetzung mit Trauer und Verlust. Nach dieser vielleicht herausragendsten Geburtsszene der Filmgeschichte beginnt für die Protagonisten die quälende Frage nach dem Warum. Wer hat Schuld an dieser Totgeburt? Soll der Leichnam des Babys bestattet werden, wie es die Großmutter fordert? Oder soll der Körper der Wissenschaft überlassen werden, wie es die Mutter will? Wer hat wem noch etwas zu sagen? Wird es für die trauernde Mutter je wieder möglich sein, Sex zu haben mit ihrem Mann, in dem Haus, ja, in dem Bett, in dem das gemeinsame Kind verstarb? "Pieces of a Woman" zeigt sehr anschaulich, wie schnell man auch auf ganz alltägliche und existenzielle Fragen zurückgeworfen wird.

Vanessa Kirby und Shia LaBeouf spielen werdende Eltern in "Pieces of a Woman". - © La Biennale di Venezia
Vanessa Kirby und Shia LaBeouf spielen werdende Eltern in "Pieces of a Woman". - © La Biennale di Venezia

"Ich habe mich entschieden, die Eröffnungsszene so detailliert und lebensnah wie möglich zu drehen", sagt Kornél Mundruczó. "Deshalb gibt es hier nicht einmal einen einzigen Schnitt, denn ich wollte den Zuschauern Realität vermitteln und ihnen zeigen, wie sich eine solche Geburt anfühlen kann", so der Regisseur. "Die Kamera sollte dabei wie eine eigene Figur des Films sein, wie der Geist des verstorbenen Kindes".

Einen Rohschnitt des Films hatte Mundruczó niemand geringerem als Martin Scorsese vorgeführt, der darauf hin so begeistert war, dass er als Executive Producer einstieg, um den Film zu unterstützen. "Er hat mich ermutigt, meiner Vision zu folgen"; erzählt Mundruczó, der seine Darstellerin Vanessa Kirby (bekannt als Prinzessin Margaret aus der Serie "The Crown") ebenfalls überzeugen konnte. "Innerhalb von 24 Stunden, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, war sie in Budapest, um alles zu besprechen". Als ihren Mann wollte Mundruczó ein Schauspieler-Schwergewicht. Shia LaBeouf soll ebenfalls sofort zugesagt haben.

"Pieces of a Woman" ist nicht der erste Höhepunkt dieser Filmfestspiele, aber ein großer; feinsinnig austariertes, emotionales Kino, das zwischen den Zeilen liest, auf großartige Schauspieler vertraut und seiner minimalistischen Geschichte maximale, konzentrierte Aufmerksamkeit schenkt.