Es ist nicht der Bart allein. Aber auch. Das Gesicht scheint den Schwung der Nase zu spiegeln, die Augen blicken schlau, gütig, wissend - ja: bösartig können sie auch funkeln. Mario Adorf, ist eines der markantesten Gesichter des deutschsprachigen Films. Heute vor 90 Jahren wurde der deutsche Schauspieler in Zürich geboren.

Die Karriere - charakteristisch für die Zeit, charakteristisch für einen geborenen Schauspieler: Lieber Statist und Regieassistent als das ohnedies bald abgebrochene Studium, Schauspielausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München, die erst 1946 gegründet wurde und sich einem modernen Darstellungsstil verschrieben hat.

Überall präsent: Mario Adorf in Going bei Kitzbühel auf der Weißwurstparty im Stanglwirt. - © APAweb / APA/dpa/Felix Hörhager
Überall präsent: Mario Adorf in Going bei Kitzbühel auf der Weißwurstparty im Stanglwirt. - © APAweb / APA/dpa/Felix Hörhager

1954 tritt Adorf an den Münchner Kammerspielen auf. Erste kleine Filmrollen bekommt er auch. Dann spielt Adorf in Robert Siodmaks kühnem Serienkiller-Thriller "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) den psychpathischen Frauenmörder Bruno Lüdke. Der Durchbruch ist allerdings teuer bezahlt: Adorf ist über Jahre hinaus auf Schurkenrollen festgelegt. Als er Winnetous Schwester Nscho-tschi erschießt, verschwimmt für viele Zuschauer Film und Realität: Sogar Hassbriefe bekommt Adorf.

Mario Adorf als Hagen von Tronje in der Dieter Wedel-Inszenierung von "Die Nibelungen" bei den Nibelungen-Festspielen in Worms im Jahr 2002. - © APAweb / APA/dpa/dpaweb/dpa/Boris Roessler
Mario Adorf als Hagen von Tronje in der Dieter Wedel-Inszenierung von "Die Nibelungen" bei den Nibelungen-Festspielen in Worms im Jahr 2002. - © APAweb / APA/dpa/dpaweb/dpa/Boris Roessler

Die Komödie als Ausweg? - Die Kriminalkomödie "Die Herren mit der weißen Weste" sind ein riesiger Erfolg. Aber Adorf spielt wieder den Ganoven.

Italienische Filme

Mehr Glück mit einem vielfältigen Rollenbild hat der ohnedies italophile Schauspieler in italienischen Filmen. Nimmt er zu viele Rollen an? - Vielleicht. Abenteuerfilme, Mafiafilme, Kriminalfilme, Horrorfilme, Western. Hier der Schurke, dort das gutmütige Raubein, da ein edler Ganove, dort ein verbrecherischer Ehrenmann und einmal sogar, in "Die Ermordung Matteottis", Benito Mussolini: Adorf ist wahrlich nicht wählerisch bei der Auswahl seiner Drehbücher.

Aber er ist auch das Gesicht des neuen deutschen Films: In Volker Schlöndorffs Heinrich-Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) verkörpert Adorf den zwielichtigen Kommissar Beizmenne, in der Günter-Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" (1979) desselben Regisseurs den Vater Mazerath. Der Regisseur Dieter Wedel besetzt Adorf in etlichen Fernsehfilmen, aus denen "Der große Bellheim" (1992), "Der Schattenmann" (1996) und "Die Affäre Semmeling" (2002) hervorstechen.

Gegner des Kapitalismus

In Andy Bauschs Fernsehfilm "Ex und hopp - ein böses Spiel um Geld und Bier" (1991) verkörpert Adorf den Brauereimanager Heinrich Hartholz und in Rainer Erlers "Die Kaltenbach-Papiere" den Waffenhändler István Kaltenbach: Adorf ist da nicht mehr der Schurke seiner frühen Filme. Er spielt jetzt solche  Rollen als Spiegelbilder skrupelloser Kapitalisten.

Das geht Hand in Hand mit der politischen Überzeugung Adorfs: Er plädiert offen für eine liberale Einwanderungspolitik, glaubt an ein Ende des Kapitalismus und nannte Karl Marx als seinen größten Rollen-Wunsch. Der wurde ihm 2018 im ZDF-Dokudrama "Karl Marx - der deutsche Prophet" erfüllt.

Überall Adorf

Mehr als 120 Filme hat Adorf gedreht, er hat wiederholt Bühnenrollen übernommen und sich als Peachum in der "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill auch ins Musiktheater gewagt, und er hat als Synchronsprecher seine markante Stimme mehrfach verliehen, etwa an den Drachen Draco in "Dragonheart", und er hat auch mit Selbstironie einen Werbespot für die AachenMünchener Versicherung gedreht. Bleibt da überhaupt noch Zeit? - Adorf findet sie, um sich außerdem noch für die Entstigmatisierung Hörgeschädigter zu engagieren.

Seit 2018 verleihen die Stadt Worms und die Nibelungenfestspiele Worms den Mario-Adorf-Preis an Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure oder andere Mitglieder der Nibelungenfestspiele. Adorf hat die Festspiele 2002 maßgeblich mitinitiiert und gehört selbst zu deren Kuratorium.

Mario Adorf - die Verkörperung von Film und Theater, ein grandioser Schauspieler, der die Verwandlung als Lebensaufgabe begriffen hat - und das Kunststück schafft, dennoch er selbst zu bleiben.