Ein bisschen hat sich dieser Film eigentlich schon überlebt, und dann auch wieder nicht, denn Untersuchungen zur österreichischen Befindlichkeit sind immer eine Bereicherung für die Bewusstseinsmachung von Zusammenhängen, gerade in Krisenzeiten. Nur, dass Elke Groen in ihrer filmischen Untersuchungsanordnung im Mikrokosmos von Pinkafeld im Burgenland den Schwerpunkt auf eine ganz andere Krise als die gegenwärtige setzte. Ihre filmischen Beobachtungen in diesem fast 6000 Einwohner zählenden Städtchen mit dem schönen Blumenschmuck gilt nämlich dem berühmtesten aller Pinkafelder, dem gegenwärtigen FPÖ-Parteichef Norbert Hofer. Den hat sie im Präsidentschaftswahlkampf 2016 begleitet, in seine Heimatgemeinde, in der dann plötzlich auch internationale Reporter auf ihn warteten, weil es bis über die Grenzen schallte, dass "die Rechten" sich jetzt mit guten Chancen anschickten, den österreichischen Bundespräsidenten zu stellen.

Es kam anders, das ist bekannt, und auch auf Bundesebene ist das türkis-blaue Kabinett gescheitert, es müht sich dort jetzt das türkis-grüne. Jedoch: Dem Film "Der schönste Platz auf Erden", und damit ist Pinkafeld gemeint, dem hat diese Totalumkehr in der heimischen Innenpolitik nicht geschadet, nur weil die darin erzählten Polit-Verhältnisse auf einmal nicht mehr so sind.

Mal "in", mal "out"

Elke Groen forscht hier an einem langfristigen Porträt der Heimat, das in Teilen erklären kann, wieso es Zeiten gab, in denen Hofer und Co. sehr erfolgreich waren, und wieso es auch Zeiten gibt, in der man sie ablehnt. Der Grundtenor über die Probleme des Landes, der Wirtshaustisch und die lokale Verortung des Heimatbegriffs, all das bleibt ziemlich kontinuierlich, ganz gleich, wer ganz oben steht und von dort hinabregiert. Daher hat sich "Der schönste Platz auf Erden" mitnichten überlebt, er bildet sogar eine gute Basis, um auf das heutige Österreich zu schauen, wie es umgeht mit der Pandemie, dem Ibiza-Video, den Polit-Polemiken, dem Aufeinanderprallen von Anschauungen.

"Der schönste Platz auf Erden" hätte die diesjährige Diagonale eröffnen sollen, doch dieses Glück hatte der Film nicht mehr, denn die Diagonale wurde wegen des Coronavirus ersatzlos gestrichen. Also muss die Studie über das dörfliche Leben mit Marschmusik und Maibaumaufstellen, mit Kuh-Wettbewerben und dem Stammtisch-Geschwafel von der FPÖ-Dominanz im Ort (Hofer erhielt dort mehr als 70 Prozent der Stimmen) nun seine Kinobesucher von einem erschwerten Standpunkt aus erreichen, ohne vorab die große Bühne eines Filmfestivals gehabt zu haben. Das viele Lokalkolorit des Films sollte dabei helfen: "Der schönste Platz auf Erden, das ist das Heimatland", wird hier gesungen, und das Burgenland dient gleichermaßen als Kulisse für Heimatfanatiker und Flüchtlinge, die sich hier zu integrieren versuchen.

Die Probleme des Landes

Wie allerorts prallen auch hier die Lebensentwürfe aufeinander, und die Regisseurin versucht sich darin, diese auszubalancieren, um ein breites Spektrum von Identität und Identitäten abzubilden, um dem offensichtlichen Anspruch gerecht zu werden, eine Art Landvermessung herzustellen, die möglichst aktuell auf die Probleme im Land reflektiert.

Die sozialdemokratische Gemeinde Pinkafeld, die sich so entschieden hinter den Rechtspopulisten Hofer gestellt hat, weil er eben "einer der ihren" ist, wurde vermehrt als "Nazidorf" hingestellt, vor allem in internationalen Medien. Dagegen verwehrt man sich hier großteils, denn "es ist doch egal, welcher Partei der Hofer angehört. Er ist einer von uns und den muss man unterstützen", heißt es da einmal. Im Mikrokosmos dieser Stadt gibt es viele Meinungen, die allerdings so unterschiedlich nicht sind: Egal ob Discobetreiber aus dem Lager der Roma, ob Asylwerber, ob Bauer und Landwirt, ob Lokalpolitiker oder Pensionistin - sie alle tun ihre Meinung kund und tragen dazu bei, dass Groen "die andere Seite" einfangen konnte, die jenseits der medialen Trommelei auch vor Augen führt, dass die Österreicher und solche, die es werden wollen, gar nicht so unterschiedlich sind in ihren Träumen und in ihren Wünschen. Das mag nur so mancher Wahlkampf suggerieren, wenn er Keile in die Gesellschaft treibt, um diese zu spalten. Das ist vielleicht nicht immer der Weg der Wahl.