Was dem Osten der Westen, ist dem Western der Eastern, ein klassisches Gegenstück. Beides Himmelsrichtungen, die einander allerdings gegenüber liegen, beides Filmgenres, die ganz ähnlich operieren, aber doch grundverschieden sind. Im Gegensatz zu den Himmelsrichtungen ist bei Western und Eastern allerdings klar, wer vorher da war: Der Western als das uramerikanischste aller Filmgenres ist zugleich auch eines der ältesten. Der Eastern hingegen basiert auf dem Western und seinen Stilformen und hat sich als kommerzielles Unterhaltungskino die wesentlichen Elemente des Western einverleibt: Hier treten asiatische Geschichten in Form klassischer Westerndramaturgien auf; wobei: Es gibt auch die Umkehr, denn Sergio Leones Spaghetti-Western "Für eine Handvoll Dollar" (1964), ein Italo-Western (also eigentlich kein klassischer US-Western mehr), ließ sich bekanntlich von Akira Kurosawas "Yojimbo" (1960) inspirieren. Die Genres haben sich also auch wechselweise befruchtet.

Sammelbegriff

Den Begriff Eastern verwendet man hierzulande gern als Sammelbegriff für allerlei asiatische Filme, die Stilrichtungen aus dem US-Kino übernahmen; seit den 1960er Jahren zählen dazu Action- oder Martial-Arts-Filme aus China und Hongkong, in denen es um ähnliche Motive wie beim Western geht, also um Raub, Mord, Rache oder Ehre. Dass die Amerikaner gleich den Colt gezogen haben, wenn ihnen jemand nicht in den Kram gepasst hat, ist zwar ein Klischee, das sich hartnäckig hält, aber das sich quer durch die Western-Filme des letzten Jahrhunderts zieht. Das Schießen, also das Töten mit einer pfeilschnellen Kugel, brachte den Weißen bei der Eroberung des amerikanischen Westens die entscheidende Überlegenheit im Kampf gegen die Indianer, und ist deshalb auch das zentrale Element eines Western. Hier unterscheidet sich das Genre doch kräftig von den Eastern, die allesamt eine ganz anders kultivierte Kampfkunst in den Mittelpunkt rücken. In Asien zelebriert man den Einsatz von verschiedenen Kampfsportarten auf ganz besondere Weise, man könnte auch sagen: Die noblere Art, einander ins Jenseits zu befördern, ist der Nahkampf mit vollem Körpereinsatz und ausgefeilter Technik. Es sieht wesentlich eleganter aus, während die Gringos und Cowboys mit ihren Revolvern am Ende doch primitive Schlächter sind, die das Töten einer Maschine überlassen und auch niemals zögern, sie einzusetzen. Das Spirituelle am Kampfsport geht den ballernden Wildwest-Proleten vollends ab.

Gegenseitige Befruchtung

Aber im Eastern, da steckt auch eine ganze Menge Exotik, das zeigten die Filme der Eastern-Zampanos Sammo Hung, Wong Jing, Chang Cheh oder John Woo, deren Filme zu den Aushängeschildern des Genres zählen. Viele Elemente dieser Filmemacher sind früher oder später auch im US-Kino gelandet, denn neben der "Dollar"-Trilogie gibt es weitere Beispiele für eine gegenseitige Befruchtung: "Die glorreichen Sieben" (John Sturges, 1960) beruhen etwa auf Kurosawas "Die sieben Samurai" (1954). In neueren Filmen färbt der Eastern deutlich ab: Etwa in Quentin Tarantinos "Kill Bill" (2003); dieser Regisseur ist bekannt dafür, sich gerne quer durch die Filmgeschichte zu klauen für seine eigenen Projekte. Er hat Erfolg damit, weil er die Essenzen aus den Einflüssen bravourös herausdestillieren kann. Und auch, dass einige der Asien-Großmeister vermehrt im Westen gearbeitet haben, brachte den Eastern näher an den Western. John Woo drehte in den USA zum Beispiel Blockbuster wie "Face/Off" (1997) oder "Mission: Impossible II" (2000).
Der springende Punkt da wie dort ist übrigens, dass sowohl Western als auch Eastern gerade in ihren Spätphasen auch Abgesänge auf das jeweilige Genre waren; voll mit Zynismus, Gewalt und Satire. "Spiel mir das Lied vom Tod" ist so ein Höhepunkt des zugespitzten, komplett opernhaft durchinszenierten Westerns, der in seiner Theatralik unerreicht scheint. Kurosawa wiederum hatte mit "Yojimbo" auch einen Abgesang vor, nämlich auf das Ende des traditionellen Japan, das sich vom Kimono löste und gen Westen stierte. Samurai und Cowboys, sie waren damals Auslaufmodelle.

Der Japaner Akira Kurosawa kann durchaus zufrieden sein mit seinen Vorlagen für Sergio Leone. Anstatt ein Plagiat vor Gericht einzuklagen, einigte er sich mit Leone außergerichtlich, durfte die "Dollar"-Trilogie exklusiv in Teilen Asiens vermarkten und bekam einen 15-prozentigen Anteil des Gewinns. Er soll, so sagen zumindest Filmwissenschafter, damit mehr verdient haben als mit jedem seiner eigenen Filme.