Eigentlich verdanken wir den Mythos vom Wilden Westen, von den rauchenden Colts, den schmierigen Saloons, den Schießereien und den Indianer-Schlachten oder den Banküberfällen zu Pferd einem Bisonjäger, der aus all dem die größte Show seines Lebens gemacht hat. Buffalo Bill, bürgerlich William Frederick Cody (1846-1917), folgte schon als junger Mann dem Goldrausch nach Colorado, war später aber so etwas wie der Begründer des modernen Showbusiness. Buffalo Bill war zu seinen Lebzeiten eine regelrechte Berühmtheit. Nicht nur, weil er im US-Bürgerkrieg mit der Medal of Honor, dem höchsten Tapferkeitsorden der USA, ausgezeichnet wurde, sondern vor allem, weil die damaligen Zeitungen ihn zu einem Superstar schrieben. Bald gab es Groschenhefte über Buffalo Bill, Theaterstücke und eine eigene Show, mit der er auf Tour ging: Die "Buffalo Bill’s Wild West Show" vermanschte die Klischees des Wilden Westens zu einem bunten Potpourri, und bis heute zehrt der Mythos von dieser Zeit. Wie ein Zirkus versammelte die Show unzählige Menschen und Tiere, ja sogar Indianerhäuptlinge konnten zur Mitwirkung animiert werden. Die Show führte Cody auch nach Europa, es gab sogar Auftritte in Deutschland, wo zehntausende Zuschauer verzeichnet wurden. Basiert hat all das auf der Fantasie des New Yorker Journalisten Ned Buntline, der nach der Begegnung mit Cody begann, eben jene Groschenhefte zu schreiben, die das Bild vom Wilden Westen bis heute prägen.

Buffalo Bill machte aus dem Wilden Westen eine Unterhaltungsshow und legte die Grundlagen zu den Klischees, die man bis heute kennt.

- © Corbis / Getty
Buffalo Bill machte aus dem Wilden Westen eine Unterhaltungsshow und legte die Grundlagen zu den Klischees, die man bis heute kennt.
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Der Wilde Westen ist längst in die Alltagskultur eingetreten, das zeigen die kindlichen Spiele vom Cowboy und Indianer, die es bei jedem Kostümfest gibt. Der Reiz des Unbekannten, der amerikanische Traum von den Goldnuggets, die man sich aus dem Yukon fischen konnte, all das wirkte wie ein Magnet auf viele Auswanderer, die in Amerika das große Glück erhofften. Vieles aus dieser Zeit sind Hirngespinste, keine realen Erlebnisse, aber diese Fantasien beflügelten die Menschen. Um die gleiche Zeit wie Buffalo Bill erkannte auch der Deutsche Karl May das Potenzial vom Westernhelden und begann, seine Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand zu verfassen, obwohl er erst spät in seinem Leben amerikanischen Boden betrat und viele seiner Geschichten im ostdeutschen Radebeul niederschrieb. Auch May war durch seine Geschichten zu Ruhm gekommen, denn die Gier nach Abenteuern aus Amerika war schier unendlich.

Realität versus Mythos

Aber wie gestaltete sich die Wirklichkeit im Wilden Westen? Waren die Cowboys wirklich diese lässigen Typen, Zigarre im Mundwinkel, immer auf dem Rücken eines Pferdes, den ganzen Tag romantisch durch die Prärie reitend, in jeder Bar einen Whiskey tankend, abends am Lagerfeuer sitzend? Mitnichten. Cowboys waren die Männer fürs Grobe, es gab kaum Straßen, sie ritten querfeldein, mussten durch Schlamm und Morast ebenso wie durch elendslange trockene Landstriche reiten. Sie schliefen in Massenunterkünften oder im Stall bei den Pferden und schossen auch nicht gut und gerne – im Gegenteil: Schüsse hätten nur die Rinder verschreckt, und als klassische Viehtreiber war das eher nicht ihre Absicht. Es war das Kino, das die Cowboys zum Mythos machte, weil es ihnen nicht nur Freiheit und Abenteuerlust unterstellte, sondern sie auch zu Ordnungshütern oder – im Gegenteil – zu Gesetzlosen machte. Und daraus entstand schließlich die Mär vom kraftstrotzenden Symbol für ein Selbstverständnis der Amerikaner, das bis heute bemüht wird: Nicht umsonst bedienen sich viele Politiker des Cowboymythos und sprechen dabei von einem einfachen, ehrlichen, aufrechten Mann, der die Gesetze wahrt und die Freiheit liebt.

Only the bad die young?

Aber ein Mythos entsteht nicht allein durch rechtschaffene Landwirtschaftsarbeiter. Und so gab es zahllose Figuren, die selbst zur Legende geworden sind. Zum Beispiel der Revolverheld Billy the Kid, von dem man nicht sicher belegen kann, wie er tatsächlich hieß oder wann er geboren wurde, aber es muss um 1860 gewesen sein. Er soll seinen ersten Mord bereits im Alter von 12 Jahren begangen haben, an einem Mann, der seine Mutter beleidigte. Insgesamt 21 Morde werden Billy the Kid zur Last gelegt, doch die meisten davon dürften nicht auf seine Kappe gehen. Belegt ist hingegen, dass er um 1878 in Lincoln County, New Mexico, bei einem großen Weidekrieg mitmischte und dort den damaligen Sheriff in Notwehr erschoss. Billy the Kid galt spätestens dann als Mörder und wurde steckbrieflich gesucht. Der neue Sheriff Pat Garrett machte es sich zum Ziel, Billy the Kid zu fassen, und streckte ihn schließlich am 14. Juli 1881 mit zwei Schüssen nieder. Da soll der junge Mann lediglich ein Messer bei sich getragen haben und keinen Revolver. Doch Garrett schmückte seine vermeintliche Heldentat mächtig aus, verklärte die Tat und gab an, dass Billy the Kid bewaffnet gewesen war. Sonst hätte er sich selbst wegen Mordes verantworten müssen, an einem jungen Mann, der vielleicht zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht einmal volljährig, also 21 gewesen ist. Gerade weil Garrett so viele Mühen unternahm, seine Tat zu verschleiern, indem er den Getöteten dämonisierte, entstanden die Mythen und Legenden um Billy the Kid und machten ihn auch für die Literatur und den Film zu einer zentralen Figur des Wilden Westens. Sam Peckinpah setzte ihm 1973 mit seinem Film "Pat Garrett jagt Billy the Kid" ein Denkmal.

Billy the Kid war nicht der einzige Gesetzlose, der berühmt wurde. Butch Cassidy und Harry Alonzo Longabaugh, genannt The Sundance Kid, führten ab 1896 eine Bande an, die sich "The Wild Bunch" nannte, der wilde Haufen. Bei deren verbrecherischen Unternehmungen war Pferdediebstahl noch das geringste Vergehen. Über ein Dutzend Raubüberfälle, unter anderem auf Banken, gehen auf das Konto der Bande, wobei man Butch Cassidy anfangs als einen von Gerechtigkeit getriebenen Mann sah, der versuchte, große Farmen zu bestehlen, die kleinere verdrängen wollten. Eine Art "Robin Hood" des Wilden Westens also. In George Roy Hills "Zwei Banditen" (1969) spielten Robert Redford und Paul Newman das Verbrecherduo, und Redford benannte 1981 sein Sundance Film Festival nach seiner Rolle in dem Film.

Ebenso legendär waren die vier Dalton-Brüder, die eigentlich zehn waren, aber eben nur vier von ihnen wurden kriminell und raubten Banken und Eisenbahnen aus. Beim Versuch, 1892 gleich zwei Banken auf einmal auszurauben, wurden sie gestellt, und einer der vier, Emmett, machte danach Karriere beim Film als historischer Berater. Sein Buch "When the Daltons Rode", das 1931 erschien, wurde 1940 von George Marshall verfilmt. Ein Beleg dafür, wie sehr die Geschichten aus dem Wilden Westen schon immer auch Hollywood fasziniert haben – so sehr, dass man sich die realen Protagonisten holte, um authentisch zu sein. In der Comicwelt sind die Daltons zudem in zahlreichen Abenteuern von Lucky Luke verewigt.

Von gut zu böse

Vom Gesetzeshüter zum Revolverhelden wurde dereinst Wyatt Earp, den man schon in seiner Zeit als Marshall der Veruntreuung von Geldern und des Pferdediebstahls beschuldigte. Earp wurde vor allem deshalb bekannt, weil seine Taten in unzähligen Filmen und der 227 Episoden umfassenden Serie "Wyatt Earp greift ein" (1955 bis 1961) erzählt wurden. Zu den bekanntesten Spielfilmen zählen "Wichita" (1955, Jacques Tourneur), "Cheyenne" (1964, John Ford) und "Wyatt Earp" (1994, Lawrence Kasdan, mit Kevin Costner).

Von Bank- und Zugüberfällen lebte auch der legendäre Jesse James, der mit seiner Bande zu landesweiter Berühmtheit gelangte, als er 1873 den Rock-Island-Zug zum Entgleisen brachte. Jesse James wollte damals nur an den Safe im Gepäckwagen, die Passagiere ließ er zufrieden – was ihm postwendend ebenfalls ein Robin-Hood-Image einbrachte. Tyrone Power verkörperte ihn in "Jesse James, Mann ohne Gesetz" (1939), aber er wurde auch von Robert Wagner, Robert Duvall, Johnny Cash oder Brad Pitt gespielt. In den USA hat Jesse James den größten Mythenstatus überhaupt – unzählige kleinere und größere Museen widmen sich ihm und seinen Taten.

Es ist kein Zufall, dass das Kino als Unterhaltungsmedium schon ganz früh den Western als Genre gebar; die verbrecherischen Taten der Western-Helden faszinierten das Publikum von Anbeginn. So gilt Edwin S. Porters "Der große Eisenbahnraub" (1903) als der erste Western der Filmgeschichte, in dem in 12 Minuten und 14 Szenen vom Überfall auf einen Zug und der anschließenden Verfolgung der Räuber durch den Sheriff erzählt wird. Es ist eine Pionierarbeit des Kinos, vor allem in Hinblick auf den Filmschnitt, der hier mit Parallelmontagen und Jump Cuts arbeitete. Das Spannungskino war geboren. "Der große Eisenbahnraub" ist bis heute die Blaupause für jeden weiteren Western und auch Actionfilm geblieben: Auf einen Überfall folgt eine Hetzjagd, am Ende gibt es einen Showdown und auf dem Weg dorthin jede Menge Action und Tempo. Dem Film zugrunde lag ein ebenfalls realer Vorfall aus dem Jahr 1900, als Butch Cassidy einen ganz ähnlichen Eisenbahnraub vollführte. Das Kino hat sich eben – anders als die blumig verklärte Western-Welt des Buffalo Bill – schon immer lieber bei den ganz üblen Burschen bedient.