Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben es sich zum Prinzip gemacht, ihre Geschichten mit der größtmöglichen Einfachheit zu erzählen. Konzentriert kleben sie an den Charakteren, die sie in minimalistischen Geschichten platzieren, dass man beim Lesen des Drehbuchs glauben muss: Reicht das eigentlich schon für einen Langfilm?

Ja, es reicht, denn die Dardennes haben vielleicht eine erzählerische Ökonomie, aber unterwegs bis zum fertigen Film laden sie diese einfachen Geschichten mit viel reichem Innenleben an, das man sich als Zuschauer allerdings erarbeiten muss: Nichts ist hier Fassade, alles kann, ja muss interpretiert werden, denn die scheinbare Einfachheit steckt voller Möglichkeiten, sie als Zuschauer auszustaffieren; ein Kopfkino einerseits, weil man darüber nach- und mit ihm mitdenken muss; ein emotionales Kino andererseits, weil die Dardenne-Brüder dann immer auch einige Wendungen vorsehen, die ihre meist sozialkritischen Filme in ungeahnte Richtungen laufen lassen.

Den Zuschauer fordern

Das ist auch in ihrem aktuellen Film so, für den die Brüder, die als Stammgäste in Cannes bereits zwei Goldene Palmen verliehen bekommen haben, 2019 den Regiepreis des Festivals erhielten, vielleicht auch wegen der Auslassungen, die den Zuschauer fordern sollen und die die beiden Brüder so geschickt über ihren Minimalismus verteilen.

Es ist ein Film über ein Thema, das eines der präsentesten war in der Vor-Corona-Welt: Ein 13-jähriger Schüler namens Ahmed, gläubiger Moslem und belgischer Staatsbürger, radikalisiert sich vor den Augen der Gesellschaft, der eigenen Familie, der Schule, der Freunde, und zieht in einen seltsamen heiligen Krieg. Dieser "Jeune Ahmed" ("Der junge Ahmed") hantiert mit dem brisanten Thema des religiösen Fanatismus, will eine Innensicht geben darüber, wie sich ein Bub durch einen Imam zu einem fehlgeleiteten Hassenden entwickelt, der eine Lehrerin aus seinem Umfeld ermorden will, weil sie Arabisch als Alltagssprache unterrichtet und für sie nicht der Koran das Maß aller Dinge beim Erlernen dieser Sprache ist.

Ahmed (Idir Ben Addi) wird mehrere Mordversuche planen, sogar aus einer Jugendsicherheitsverwahrung heraus; nicht alle kann er in die Tat umsetzen, weil die Umstände gegen ihn sprechen. Aber durch den Wissensvorsprung, den die Dardennes dem Publikum geben, indem sie Ahmeds Vorbereitungen minutiös mitverfolgen können, gerät "Jeune Ahmed" trotz seiner einfachen dramaturgischen Mittel zu einem spannenden und wendungsreichen Drama.

Jedoch: Die vermeintliche Innensicht aus dem Radikalisierenden heraus, sie ist den Dardennes gar nicht geglückt, denn am Ende sind sie ziemlich ratlos, wieso das alles passiert. Niemand in Ahmeds Umfeld, weder seine Lehrer, noch seine Mutter, seine Schwestern, die Jugendarbeiter, die Psychologen, die ihn betreuen, auch nicht die Richter oder auch die junge Bauerntochter, auf deren Hof er zum Arbeiten geschickt wird - niemand kann sich einen Reim darauf machen, warum sich dieser Bub derart radikalisiert.

Entglittene Hauptfigur

Und auch die Regisseure selbst gaben in einem Interview zu, dass ihnen die Figur des Schülers "maßlos entglitten" ist. "Nicht einmal der Imam der fundamentalistischen Moschee, diese magnetische Figur für Ahmed, versteht die Dynamik seiner Entschlossenheit, zu töten", sagt Jean-Pierre Dardenne.

Mit "Jeune Ahmed" geben die Dardennes wieder ihrer Suche nach Wahrhaftigkeit nach. Mit ihrer Handkamera folgen sie dem nicht unsympathischen Ahmed durch seinen Leidensweg in der Jugendhaft und schildern auch seine Uneinsichtigkeit, was den Glauben angeht. Zu Töten im Namen des Koran? Das ist eindeutig darin festgeschrieben, findet Ahmed. Davon lässt er sich zunächst auch nicht abbringen. Nicht einmal von einem Kuss der gleichaltrigen, pubertierenden Louise, die er auf dem Bauernhof kennenlernt. Hernach empfindet er sich, der gerade erstmals in seinem Leben die Liebe gespürt hat, als unreinen Moslem.

Es sind Szenen wie diese, mit denen die Dardennes Ahmeds Radikalität besonders anschaulich abbilden. Zugleich arbeiten sie auch daran, dass man dieser Radikalität nicht mit naivem Optimismus begegnen kann, wie das vielerorts geschehen ist.

Aber "Jeune Ahmed" verharrt letztlich trotz seiner dichten Dramaturgie und seiner Möglichkeit für Interpretationsspielraum doch sehr in der westlichen Sicht auf den gefürchteten religiösen Fanatismus. Es gibt leider keinerlei Einblick in die Denke des jungen Fanatikers, mehr in seine Gefühlswelt. Die Zuspitzung dieses Fanatismus, so scheinen die Dardennes überzeugt, ist etwas, das zu Lesen wir erst erlernen müssen.