Die zutiefst glaubwürdigen Typen, die vom Leben geprägten Gesichter, die das britische Kino zu bieten hat, begeistern immer wieder. So etwa Celia Imrie, der 68-jährige Star aus "Best Exotic Marigold Hotel" und "Kalendergirls". In dem sympathischen Feelgood-Movie "Love Sarah - Liebe ist die wichtigste Zutat" von Eliza Schroeder (der Film läuft zurzeit in den heimischen Kinos), der drei Frauengenerationen in die Welt der Konfiserie begleitet, glänzt sie in der Hauptrolle. Die Tragikomödie ist nicht nur Augenschmaus: Zwischen Cremetörtchen, Himbeer-Eclairs und Schokoladenküchlein wachsen Stück für Stück Liebe und Hoffnung. Mit der "Wiener Zeitung" sprach die Tochter eines Schotten über ihre Liebe zu Nizza, Humor, Ratschläge fürs Leben und Mittel gegen schlechte Laune.

"Wiener Zeitung":Gab es einen bestimmten Moment beim Drehbuchlesen, in dem der Funke übersprang?

Celia Imrie: Was mich an meiner Rolle im Film sehr gereizt hat, war die Vergangenheit meiner Figur Mimi. Dass sie als Trapezkünstlerin in einem Zirkus auftrat. Und plötzlich ging ich zu einer Trapezklasse und hatte eine Unterrichtsstunde. Das war etwas, was ich mir nie hätte vorstellen können. Das war ein absoluter Nervenkitzel. In meinem Leben ist wirklich viel passiert, von dem ich dachte, das würde ich nie tun. Es ist etwas Wunderbares, sagen zu können, das habe ich tatsächlich gemacht. Ich habe den Cirque d’Hiver in Paris als Recherche besucht, weil mich Zirkusse schon immer fasziniert haben. Für mich ist das Theater in seiner aufregendsten Form.

Wollten Sie jemals weglaufen, um sich einem Zirkus anzuschließen?

Nicht wirklich, aber meiner Ansicht nach zeigen Zirkusartisten, was es heißt, als Künstler seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aus diesem Grund sind all die Unvorhersehbarkeit im Moment tatsächlich das, was wir als Schauspieler eigentlich gewohnt sind. Weil uns ein Arbeiten von neun Uhr bis fünf Uhr fremd ist. Wir sind ein Wagnis eingegangen und haben uns für etwas anderes entschieden. Das ist unser Leben. Und das macht es spannend.

Was haben Sie persönlich aus den Dreharbeiten mitgenommen?

Ich mag den Optimismus, den die Tragikomödie trotz allem ausstrahlt. Und ich finde es wunderbar, dass das kosmopolitische Leben von Notting Hill gezeigt wird. Das Viertel ist ja bekannt für sein einzigartiges Flair. Das ist ein herrliches Beispiel dafür, dass es möglich ist, miteinander auszukommen, ein Zusammenleben ohne Konflikte zu erleben und dabei noch eine schöne Zeit zu haben, gekrönt von einem guten Stück Kuchen. Das klingt jetzt vielleicht naiv und simpel. Aber das ist die Botschaft, die dem Charakter meiner Figur Mimi am Herzen liegt: Leute aus anderen Ländern willkommen zu heißen. Es ist interessant, wie es in bestimmten Situationen gelingt, dass verschiedene Nationalitäten miteinander gut auskommen. Es gibt tatsächlich Orte, wo das funktioniert. Ich bin zu Aufnahmen nach Amerika mit dem Schiff von Southampton nach New York gefahren, der "Queen Mary", und an Bord ist immer eine Mischung Menschen aus aller Herren Länder wie Österreicher, Deutsche, Franzosen, Japaner, Italiener.

Die kulinarischen Köstlichkeiten, die eigens vom Spitzenkoch Yotam Ottolenghi für den Film kreiert wurden, lassen jedem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wurde viel gegessen am Set?

(lacht) Ja, natürlich. Aber jemand am Set hat schon aufgepasst, dass wir uns zügelten und uns nicht gerade über die Kuchen hermachten, die noch gefilmt werden mussten. Aber ich verrate ihnen, dass vor allem das Himbeer-Eclair, das ich Bill Paterson anbot, der den netten Nachbarn und meinen Verehrer spielt, mich besonders anlachte. Da musste ich mich sehr beherrschen.

Viele begannen während des Corona-Lockdowns zu backen. Als Bestsellerautorin verführen Sie außerdem in Ihren englischen Romanen über die Bewohner von Bellevue-sur-Mer mit Rezepten für klassische französische Gerichte. Kochen oder backen Sie gerne?

Ehrlich gesagt bin ich jetzt nicht per se eine gute Köchin oder Bäckerin. Aber ich habe während des Lockdowns angefangen, Baiser zu machen. Dieses luftige, lockere Schaumgebäck aus gezuckertem Eischnee, das schon der englischen Königin damals schmeckte. Ihr Ausspruch "Oh, das ist wie ein Kuss" soll zur Bezeichnung Baiser geführt haben. Und ich muss sagen, es ist es gar kein Hexenwerk, sie selbst zuzubereiten.

Und was ist in Ihrem Küchenschrank?

Ich könnte nicht ohne meinen geliebten Brotaufstrich Marmite auskommen. Er ist gelegentlich in schicken Delikatessengeschäften oder noblen Supermärkten versteckt. Und ich gestehe, dass ich manchmal eine Flasche Champagner im Kühlschrank habe. Denn damit lässt sich einfach am schönsten feiern.

Sie sind derzeit in Südfrankreich.

Ja, ich habe damals gerade noch den letzten Eurostar erwischt, um London vor dem Lockdown Richtung Nizza zu verlassen. Ich bin am St. Patricks Day hier angekommen, kurz bevor die Grenzen dichtgemacht wurden. Von meinem Apartment schaue ich auf das Meer und weiß, wie glücklich ich mich schätzen kann. Dieser Blick baut mich auf und tröstet mich. Das Meer ist meine große Liebe. Wenn die Wellen im Sonnenlicht glitzern und nachts der Vollmond aufgeht, gibt es für mich nichts Schöneres. Nizza gleicht einer strahlenden Grande Dame am Meer. Diese Stadt an der Cote d’Azur ist meine Kraftquelle, mein Anker. Und natürlich liebe ich die Leichtigkeit und den Charme der Franzosen, ihr savoir vivre. Ich verstehe zwar Französisch, aber meine Sprachfertigkeit muss ich noch verbessern.

Gibt es einen Film, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das ist eigentlich immer der, den man gerade gedreht hat. Ich habe sehr gerne mit der jungen Regisseurin Eliza Schroeder gearbeitet. Ich wollte unbedingt ihr Debüt unterstützen. Schließlich weiß ich selbst, wie wichtig es ist eine Chance zu bekommen, um den Durchbruch zu schaffen. Grundsätzlich liebe ich alle Charaktere, die ich gespielt habe. Aber die Rolle, die mir schon auch sehr ähnlich ist, ist Madge aus dem Sequel "Best Exotic Marigold Hotel". Ihre Art von Humor liegt mir. Etwa, wenn sie im ersten Teil gefragt wird: Wie viele Ehemänner hatten Sie? Und sie antwortet: "Einschließlich meiner eigenen?"

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Eigentlich wollte ich zum Ballett. Das war damals meine große Leidenschaft. Aber ich hatte nicht die richtigen Körpermaße als Tänzerin. Und so habe ich mir etwas gesucht, was dieser Liebe am nächsten kommt, und bin beim Theater und schlussendlich beim Film gelandet. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn hätte ich die Karriere als Balletttänzerin gewählt, müsste ich jetzt schon längst aufhören damit. Die Schauspielerei dagegen kann ich noch lange machen. Ich hoffe, bis zum Rest meines Lebens. Mein Vater wollte, dass ich Sekretärin werde, war also etwas skeptisch gegenüber meinen schauspielerischen Bestrebungen. Leider starb er, bevor ich einen Auftritt in der preisgekrönten Serie "Das Haus am Eaton Place" bekam, einer Sendung, die er geliebt hatte.

Was hilft Ihnen, wenn Sie schlecht gelaunt sind?

Musik und tanzen. Ich tanze dann auch schon mal zu griechischem Sirtaki barfuß in der Küche herum. Aber eigentlich ist es egal, ob es sich um die Stones, Tschaikowsky, Rod Stewart, Queen oder die Operndiva Montserrat Caballé handelt. Es kann alles sein, von klassisch über schottisch bis hin zu irisch. Geigenmusik liebe ich besonders. Denn meine Mutter war Geigerin. Ich besuche unheimlich gerne Konzerte. Ich liebe Live-Musik. Es ist eine Sache, Leute im Radio oder auf CD zu hören, aber eine ganz andere, sie live zu erleben.

Was war der beste Ratschlag, den Sie jemals bekommen haben?

Der stammt von meiner Mutter. Sie sagte: "Warte nicht ewig, sondern tue das, was du dir wünschst, jetzt." Dieser Ansporn war für mich einzigartig. Er hat mich in fast jeder Situation motiviert, um weiter voranzugehen. Meine Mutter war für mich eine ständige Inspiration. Sie hat mir beigebracht, im Moment zu leben.