Stacey Abrams nennt ihn: "Einen Superheldenfilm für die Demokratie". Das klingt nach Entertainment und Spektakel. Dazu muss man wissen: Stacey Abrams ist Politikerin bei den US-Demokraten, das Reden und die Superlative sind ihr also mitgegeben. Wie auch den Kollegen (und eher wenig Kolleginnen), über die sie vor der Kamera der neuen Amazon-Doku "All In: The Fight for Democracy" ihrem Unmut Luft macht. Denn in den USA ist die Demokratie zwar fixer Bestandteil der Verfassung, so richtig leicht mit der Umsetzung hat man sich in den letzten Jahrhunderten allerdings nicht getan.

Aber von vorne: Stacey Abrams wollte 2018 im Bundesstaat Georgia die erste afroamerikanische Gouverneurin in der Geschichte der USA werden, doch sie unterlag knapp ihrem weißen, männlichen Rivalen Brian Kemp, einem linientreuen Trump-Anhänger. 17.000 Stimmen fehlten ihr, bei vier Millionen abgegebenen Stimmen (und 10 Millionen Einwohnern). Der Grund für das denkbar knappe Ergebnis liegt laut Abrams in einer Praxis, die in den USA seit ihrer Gründung die Demokratie unterwandert: Ganz bewusst wird versucht, gewisse Bevölkerungsschichten und -klassen gar nicht erst zu einer Stimmenabgabe zuzulassen, und dabei sind die jeweils Mächtigen immer sehr kreativ gewesen. Im Fall von Abrams wurden etwa 214 Wahllokale durch Zusammenlegungen geschlossen, mancher Wähler, der früher nur ums Eck gehen musste, wurde in ein 15 Kilometer entferntes Wahllokal umgeleitet. Alten und Armen ohne Auto wäre die Stimmenabgabe somit deutlich erschwert worden (die Wahlbeteiligung ist in den USA traditionell gering, aber das behandelt der Film leider nicht).

Es gibt noch viele Ideen, wie man Wähler um ihr Stimmrecht bringen kann: Bei der allerersten Präsidentenwahl 1788/1789 waren nur sechs Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt, und das waren die weißen, Land besitzenden Männer, lehrt uns diese Doku, die Abrams und die beiden Regisseurinnen Liz Garbus und Lisa Cortés quasi als ihren Beitrag zur bevorstehenden US-Wahl verstehen.

Wahlsteuer & Wissenstest

Der Rassismus ist überall: Abrams selbst wurde als Jahresbeste ihrer Schule Anfang der 1990er Jahre nicht zum weißen Gouverneur von Georgia vorgelassen, der Wachmann am Eingang meinte, sie gehöre "mit Sicherheit" nicht hierher.

Weil ab 1870 Schwarze in den USA wählen und auch Ämter bekleiden durften, führten die weißen Machthaber Wahlsteuern ein, eine Gebühr, die für die Stimmabgabe verlangt wurde. Die schwarze, arme Bevölkerung überlegte sich zweimal, ob sie lieber aß oder wählen ging. Es gab außerdem Wissenstests für Wähler, deren Fragen absichtlich unbeantwortbar waren für die geschasste Wählergruppe. Das weiße Amerika konnte den schwarzen Aufbruch zu mehr Gleichberechtigung umkehren: Gab es 1868 in Amerikas Süden fast 60 Prozent Schwarze in politischen Ämtern, so waren es nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal drei Prozent.

Der Film beharrt darauf, dass der Wandel sich nicht aufhalten lässt (woran man nach den heurigen Unruhen in den USA zweifeln darf) - er will eben eine positive Message verkaufen: Gerald Fords "Voting Rights Act" sollte in den 1970ern sicherstellen, dass jeder amerikanische Bürger das Recht hat, seine Stimme abzugeben, doch selbst heute ist man davon meilenweit entfernt. Neue Tricks ermöglichen den gewollten Wählerschwund: In North Dakota wurde per Gesetz verlangt, dass die Adresse im Führerschein stehen muss, um wählen zu gehen. 23.000 Stimmen der Native Americans, die in ihren Reservaten leben, gingen so bei der Wahl 2016 verloren. In Ohio flogen zwei Millionen Bürger von 12 Millionen Wahlberechtigten von der Wählerliste, weil sie in den letzten sechs Jahren nicht wählen waren. Tausende Bürger konnten 2016 ihre Stimme nicht abgeben, weil ihre Namensdaten nicht exakt mit jenen im Wählerverzeichnis übereinstimmten, was aber zur Voraussetzung gemacht wurde. Trump wäre bei regulären Wahlen möglicherweise gar nicht ins Amt gekommen.

"All In: The Fight for Democracy" ist Amazons Beitrag, um den US-Wahlkampf aufzumischen, das ist vielleicht engagiert, und auch ein bisschen einseitig, weil Propaganda ja in keiner Richtung richtig ist; aber der Film zeigt schon: amerikanische Verhältnisse, die will man lieber nicht.