Man hat das, so traurig es ist, alles schon einmal gesehen, in fast jeder erdenklichen Ausführung, und doch: Wichtig bleibt der mahnende Charakter solcher Geschichten, wie sie "Persischstunden" von Regisseur Vadim Perelman erzählt. Doch die Innenansicht eines KZ-Alltags birgt Risiken, mit denen sich auch dieser Film konfrontiert sieht; die vielfach diskutierte Unabbildbarkeit der Nazi-Gräuel, das Sichtbarmachen des Unbegreiflichen, das haben andere Filmemacher in den letzten Jahren schon innovativer gelöst, man denkt da zuallererst an "Son of Saul" des ungarischen Filmemachers Laszlo Nemes, der mit seiner stark fokussierten Perspektive die Gräuel nicht herzeigte, sondern sie im Kopf des Zuschauers aktivierte. So geht NS-Diskurs im 21. Jahrhundert, alles andere ist Fernsehkitsch, könnte man meinen. Dann aber müsste man auch Filme wie "Der Untergang" oder "Die Fälscher" dazu zählen. Die sind vielleicht nicht Kitsch, auf jeden Fall aber Unterhaltung.

Erfundenes Persisch

Das ist "Persischstunden" auch. Es gibt sogar ziemlich frappante Parallelen zu "Die Fälscher". Zunächst liegen beiden Filmen wahre Begebenheiten zugrunde; Karl Markovics kann die Zeit im KZ nur deshalb überleben, weil er die besondere Fähigkeit besitzt, Banknoten zu fälschen, ein Talent, für das die Nazis gute Verwendung hatten. In "Persischstunden" ist das Talent des Häftlings Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) eher nicht kriegswichtig, und doch gelingt ihm vorerst das Überleben: Als Jude wird er verhaftet und beinahe hingerichtet, nur weil er in diesem Moment vorgibt, kein Jude, sondern Perser zu sein, wird er verschont. Der Zufall will es nämlich, dass der Lagerkommandant Klaus Koch (Lars Eidinger), der im Lager wirklich der Koch ist, davon träumt, nach dem Krieg in Teheran ein Restaurant aufzumachen - und zu diesem Zweck gerne Farsi lernen möchte. Da kommt ihm Gilles, der sich nun Reza nennt, gerade recht. Dumm nur, dass Reza keine Ahnung hat, wie man Farsi spricht oder schreibt, doch seine überlebenswichtige Notlüge macht ihn erfinderisch. Er sucht sich aus Lauten und Teilen der anderen Häftlingsnamen einfach eine Fantasiesprache zusammen und bringt dem Kommandanten bei, dass "Anta" Mutter heißt, und "Radß" Brot oder "Tsvajn" Schwein. Koch misstraut Reza anfangs, aber bald schon hält er den vermeintlichen Perser für waschecht.

Natürlich gibt es unterwegs noch etliche Hindernisse, die der Film genüsslich und unterhaltsam vorträgt. Dabei hat auch die Wachmannschaft des KZ entscheidenden Anteil: Auch hier gibt es Intrigen und Missgunst. Ein Witz über den kleinen Penis eines SS-Führers befördert die Köchin, die ihn aussprach, schnurstracks vom sicheren Herd an die Ostfront. Klaus Koch wird bald schon schief angeschaut für die Zuneigung zu "seinem Perser", dabei handelt er zunächst eigennützig, weil ihm sein Fantasieren von einem Leben nach dem Krieg wichtiger ist als jedes Leid, das er anrichtet.

Schmalspur-Schindler

Natürlich wandelt sich dieser Koch mit der Zeit, er wird zu einem Schmalspur-Oskar-Schindler, der Reza unter allen Umständen das Leben retten will. Am Ende wird sich Schindlers Liste hier in eine Totenliste umkehren, denn die Liquidierung des Lagers steht irgendwann im Raum, und Beweise dürfen keine zurückbleiben.

All das hat Regisseur Vadim Perelman von Wolfgang Kohlhaases Novelle "Erfindung einer Sprache" in einen Film übersetzt, in dem das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren Reza und Koch vor allem dank der Besetzung angespannt glaubhaft ist und zuweilen die Züge eines Kammerspiels trägt. Es ist natürlich verlockend für einen Schauspieler wie Lars Eidinger, seinem SS-Schergen auch zärtliche Züge zu verleihen, viele andere würden daran wohl scheitern. Doch Eidinger gelingt das erstaunlich gut, selbst, wenn mit zunehmendem Verlauf auch der Kitsch um sich greift; dass Reza gegen Ende seinem Nazi-Beschützer ganz frech eine Moralpredigt halten kann, fällt jedenfalls in die Sparte "Unterhaltung".

So richtig umschifft dieser Film also die Fallstricke nicht, die sich im Genre des Holocaust-Films da über die Jahrzehnte auftaten. Je mehr über die NS-Zeit reflektiert wurde, desto harmloser sind auch die Taten erschienen, weil es eben zu einem Filmdrama gehört, dass es an allen Orten menschelt, auch im KZ. Das ist in Ordnung, nur die Darstellung dieses "Menschelns" als gut abgehender Rotwein nach dem Hauptgang ist eher daneben. Laszlo Nemes hat gezeigt, wie man Horror auch anders erzählen kann, aber solange es TV-Stationen gibt, die sich an Hauptabend-Konventionen gebunden fühlen, wird es auch Filme wie "Persischstunden" geben. Ist das zu verurteilen? Nein, denn man fühlt sich unterhalten, auch mitgenommen, auch nachdenklich. Nicht jeder Kinobesucher hat - zum Glück - die Perspektive eines Filmkritikers.