Rainer Werner Fassbinder und die Lebenslust: Für den im Alter von 37 Jahren verstorbenen Filmregisseur sollte dies eine fatale Kombination sein. Oskar Roehler zeigt in seinem Bio-Pic "Enfant Terrible" (derzeit im Kino), wie Fassbinder Kunst machte und das Leben herausforderte. In der Hauptrolle brilliert Oliver Masucci als Fassbinder, der seine Entourage regelmäßig bis an die Grenzen forderte und auch sich selbst nie einen Augenblick Frieden gönnte. Fassbinders Leben als rasende Fahrt auf der Überholspur, zwischen Drogen, Sex, Alkohol und - dem Kino als Überlebenselixier. Ein grandioser Film.

"Wiener Zeitung": Herr Roehler, Sie sind ähnlich wie Rainer Werner Fassbinder nicht selten für ihr Kino angefeindet worden, sind selbst ein "enfant terrible" des deutschen Films. Welche Parallele zwischen sich selbst und Fassbinder können Sie ziehen?

Oskar Roehler liebt Fassbinder. - © apa/dpa/Jörg Carstensen
Oskar Roehler liebt Fassbinder. - © apa/dpa/Jörg Carstensen

Oskar Roehler: Es gibt sicher einige Parallelen. Ich glaube, Fassbinder war immer dann am besten, wenn er am anarchistischsten war. Oder wenn ihn irgendetwas zutiefst getroffen hat und er dann versuchte, diese Eindrücke in Kunst umzuwandeln. Fassbinder ist immer eine Ikone und ein Held für mich gewesen. Ich bin jemand, der Gutmenschen nicht mag. Ich vermute hinter Gutmenschen immer ein übles Geheimnis. Die äußern sich ja aus ganz bestimmten Gründen politisch korrekt, und das hat mit einem subtilen Machttrieb zu tun, der etwas sehr Verlogenes hat. Ich mag lieber die Negativhelden, sowohl in der Geschichte als auch in der Kunst.

Rainer Werner Fassbinder war Lebenmann und Arbeitstier. - © APA/dpa/Frank Leonhardt
Rainer Werner Fassbinder war Lebenmann und Arbeitstier. - © APA/dpa/Frank Leonhardt

Wo kommt da Fassbinder ins Spiel?

Über Fassbinder wurde auch immer gesagt, wie scheußlich und despotisch er sein konnte. Aber ich habe mich immer an den Anekdoten delektiert, die mir zum Beispiel Udo Kier über ihn erzählt hat; ich fand diese Geschichten lustig. Es war komisch, welche Blüten das treibt, wenn es einen Sklavenaufstand gegen Fassbinder, den Herrn und Meister gab. Das war herrlich neurotisch, und das ist anders als in der Politik, denn bei Fassbinder und seiner Truppe war es ein Spiel. Fassbinder sagte Dinge wie: "Pass auf, besorg mir 20 Gramm Koks, und wenn du das nicht schaffst, dann darfst du morgen nicht spielen und musst meine Stiefel putzen." Solche Anekdoten gibt es haufenweise. Etwa jene über Irm Hermann, zu der Fassbinder vor versammelter Mannschaft sagte: "Wenn du heute Abend Fleisch isst, dann schlafe ich mit dir." Irm war da schon lange Vegetarierin. Dann gingen alle in ein bayrisches Bierlokal, wo sie eine Schweinshaxe essen musste und nach ein paar Bissen schon erbrochen hat. Dann hat Fassbinder gesagt: "Wenn du Fleisch isst, schlafe ich mit dir, nicht wenn du es auskotzt."

Diese Szene haben Sie auch in den Film integriert.

Wie soll man so ein Verhalten finden? Ich bin da ziemlich wertneutral, vielleicht fehlt es mir an Empathie oder ich bin selbst ein böser Mensch. Ich fand das immer lustig und filmenswert und habe mir dazu keine Gedanken moralischer Natur gemacht.

Ist Fassbinder also einer dieser Negativhelden, die Sie verehren?

In diesem Sinne schon. Er hat sich dazu ja selbst stilisiert, kokettierte mit seinem Look als James Cagney in "White Heat", liebte Gangsterfilme und hatte manchmal so eine machohafte John-Wayne-Anmutung, finde ich. Das Gerechte ist ja, dass die Filme die Bösen am Ende auch büßen lassen. Ich selbst fand die Bösen aber die interessanteren Charaktere. Von frühester Jugend fand ich in "Cape Fear" Robert Mitchum geil, und nicht Gregory Peck. Ich fand immer die Bösen gut und war immer traurig, wenn sie am Ende ihr Urteil gekriegt haben. Einzige Ausnahme "Zwölf Uhr mittags".

"Enfant Terrible" ist viel weniger episodenhaft, als so mancher Kritiker meinte, sondern eigentlich ziemlich stringent. Er ist durchaus auch Konzeptkino, Sie arbeiten mit Stilmitteln, die die Handlung ein Stück weit auch entrücken von der Wirklichkeit, das spiegelt sich auch im aufgemalten Dekor wider. Hat das alles damit zu tun, diesem Filmgenie Fassbinder Rechnung tragen zu wollen?

Ich wollte Fassbinder durchaus auf ein Podest heben. "Genie ist Fleiß", hat meine Oma immer gesagt, und es steckt schon viel Wahrheit in diesem Spruch. Außerdem: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne." Und dann heißt es auch noch: "Wer die Hitze nicht aushält, soll nicht in der Küche arbeiten." Sie haben völlig recht, wenn Sie sagen, dass der Film sehr stringent ist. Er hat ein klares Rückgrat, um das sich alles rankt. Das sind die drei Liebesgeschichten, die Fassbinder in seinem kurzen Leben erleben durfte, vor allem die beiden letzten. Alle meine Recherchen liefen auf die Frage hinaus, wie Fassbinder damit umging, seine beiden großen Lieben quasi irgendwann zurückzulassen, und als Resultat bringen sich beide um. Die Antwort darauf ist, und davon handelt letztlich der Film: Das Künstlerhirn, der Künstlerkopf bewältigt solche Verluste nur, weil er es schafft, die Tragik des Geschehens in Kunst umzusetzen. Ich zeige im Film ja auch, dass Fassbinder nach dem Selbstmord seines Geliebten Armin Meier diese Trauer in "Ein Jahr mit 13 Monden" verarbeitet hat. Ein Film, den kaum jemand kennt, den ich aber für ein Schlüsselwerk Fassbinders halte und der die Mechanismen zwischen Kunst und Leben sehr gut illustriert. Betrachtet man meinen Film bloß oberflächlich, wird man eine Aneinanderreihung von Anekdoten erkennen, aber das ganze Leben ist ja eine solche Aneinanderreihung. Dahinter steckt jedoch eine ganz klare Tragik, es gibt einen Ausgang, der sich immer mehr verengt, am Ende bloß ein Nadelöhr ist, an dessen anderem Ende die vage Hoffnung existiert, noch einmal so etwas wie Liebe erfahren zu können. Fassbinder hat einmal gesagt, angesprochen auf die Liebe: "Ach, die Liebe, da habe ich alles falsch gemacht." Und dann wandte er sich mit einem zynisch-resignierenden Lächeln ab. Das hat für mich so ziemlich alles über ihn erzählt, was es zu sagen gibt.

Die Liebe als Triebfeder für den rastlosen Künstler, der so viel Kunst wie möglich in sein kurzes Leben packen wollte.

Er sprach immer davon, dass alle seine Filme von der Ausbeutung von Gefühlen handeln. Egal auf welcher Ebene, ob in der Ehe der eine Partner den anderen ausbeutet, ob der Staat die Staatsgläubigkeit seiner Bürger, das ist im ganzen Werk vorhanden. Fassbinder hat als Regisseur das auch getan, er hat im besten Glauben Leute instrumentalisiert und ihnen keine Chance gelassen, nur ein Gramm ihrer Unabhängigkeit zu behalten. Das war aber nichts Bösartiges, sondern eher ein naiver Irrglaube, ein Enthusiasmus. Wenn das aber wiederholt scheitert, dann versiegt dieser Lebensstrom irgendwann, und dann treten der Alkohol und die Drogen an diese Stelle, und am Ende steht der Tod. So wollte ich das erzählen.

Was meinen Sie: Was würde Fassbinder sagen, wenn er Ihren Film sehen könnte?

Ach, er würde wahrscheinlich schmunzeln und mir auf die Schulter klopfen und sagen: "Ich weiß auch nicht, Junge, guter Film, kleines Meisterwerk." Und dann würde er sich abwenden und seinen nächsten Film machen (lacht).

"Enfant Terrible" ist nicht Ihr erster Film übers Filmemachen, ich erinnere mich an Ihren Film "Jud Süß" über die Entstehung dieses NS-Propagandafilms. Was ist das Faszinierende für Sie, über das Kino zu erzählen?

Es ist herrlich, aus dem Eingemachten zu plaudern, man kennt ja als Regisseur die Innensicht und wie ein Film entsteht, und das ist sozusagen der Reiz dabei, denn eigentlich darf man das ja gar nicht erzählen (lacht). Aber es geht mir dabei auch um die Künstler vor der Kamera: Eines meiner nächsten Projekte dreht sich um Josef Beuys. Auch ein Radikaler.

Die Unbequemen und die Radikalen porträtieren, das scheint Ihr Credo zu sein.

Auf jeden Fall, das ist eine klare Haltung gegenüber dem Filmgeschäft, und wie es heute läuft. Heute sind die meisten nur mehr angepasst, und da bin ich entschieden dagegen.