"Wo beginnt denn hier die Ausstellung?", wird das Personal von Touristen immer wieder am Eingang zum Österreichischen Filmmuseum gefragt. Die Antwort ist ebenso simpel wie einleuchtend: "Die Ausstellung findet auf der Leinwand statt."

Memorabilia und alte Kostüme, Kameras und Studioscheinwerfer in einem begehbaren Parcours sucht man im Filmmuseum also vergebens, denn: Es versteht sich seit seiner Gründung durch Peter Konlechner und Peter Kubelka im Jahr 1964 als Kinemathek, also als Raum für Entdeckungen, die kollektiv auf der Leinwand gemacht werden können. Man beschwört auch die höchstmögliche Treue den Kunstwerken gegenüber, die man vorführt: Filme kommen hier ausschließlich so auf die Leinwand, wie sie vom Künstler gedacht waren, also projiziert von 35mm-Kopien, wenn es seinerzeit ebenfalls so erfolgt ist.

Michael Loebenstein, Jahrgang 1974, leitet das Haus seit 2017, nachdem er zuvor das National Film and Sound Archive in Australien geführt hatte. "Mich hat immer die Kontinuität dieses Hauses gereizt", sagt Loebenstein. "Das Filmmuseum steht für eine ganz bestimmte Position, nämlich, dass es eine Sammlungsinstitution ist, deren Sammlungen den Zweck haben, präsentiert, beforscht und diskutiert zu werden. Ich kann hier meine zwei Leidenschaften, nämlich den Archäologen, den Kulturwissenschafter, und andererseits den Vermittler und Kurator zusammenbringen. Was bleibt, ist diese Idee von dem Museum, das kein Refugium für Modernisierungsverweigerer und Nostalgiker ist, auch kein defensiver Ort, keine letzte Bastion." Stattdessen will Loebenstein Emotionen wecken: "Ich möchte, dass Menschen ins Filmmuseum mit dem gleichen Herzklopfen und der gleichen Freude hineinkommen können, wie ich als Kind schon in Museen gegangen bin."

Ein Museum, angetrieben aus Leidenschaft, mit handverlesenen Programmen und einem Ruf, der weit über die Grenzen des Landes schallt: "Das österreichische Filmmuseum ist weltberühmt und gilt als ein Leuchtturm in Sachen Programmpolitik und Vermittlung", ist Loebenstein stolz. Dass Regie-Legende Martin Scorsese seit 2005 der Ehrenpräsident des Hauses ist, unterstreicht die Internationalität dieser Institution. Zugleich will Loebenstein aber sicherstellen, "dass die Kulturnation Öster-reich den Film nicht vergisst. Das einzumahnen, hat schon mein Vorgänger Alexander Horwath mit großer Energie betrieben, und es ist eine unserer zentralen Aufgaben."

Die Zusammenarbeit mit der Viennale ist ein weiteres wichtiges und lange gewachsenes Ziel des Filmmuseums. Jedes Jahr richtet das Filmmuseum die Viennale-Retrospektive aus, in diesem Jahr blickt man unter dem Titel "Recycled Cinema" auf ein Kompendium zum sogenannten "Found Footage"-Kino, das im Wesentlichen Filme hervorbringt, die aus gefundenem Archivmaterial zu einem Kunstwerk montiert wurden und dabei eine Entrückung und Neuinterpretation von Bildern ermöglicht. "Found-Footage-Künstler hauchen einem bereits existierenden Fundus an Bildmaterial neues Leben ein und bringen so kommerzielle Produkte und Undergroundkino, Populäres und Obskures, Industrie und Kunst, Fiktion und Dokument zusammen. Die Found-Footage-Praxis transformiert ein industrielles Medium in ein Universum ästhetischer Möglichkeiten – aus Abfall wird Kunst", erläutert das Filmmuseum die Gangart der Retrospektive, die von Brigitta Burger-Utzer, Michael Loebenstein und Jurij Meden kuratiert wurde. Burger-Utzer leitet ihres Zeichens den experimentierfreudigen heimischen Filmverleih "sixpackfilm", der seit 30 Jahren auch entlegene Kunst sichtbar werden lässt. Viele der in diesem Jahr gezeigten Werke finden sich im Verleihprogramm von "sixpackfilm" wieder. "Die Found-Footage-Vorgangsweise attackiert und zerlegt gewohnte Zusammenhänge und Plausibilitäten im Namen der künstlerischen Aneignung", so Loebenstein. "Zudem enthält Found-Footage-Filmemachen das Versprechen einer allgemein zugänglichen und demokratischen Kunstform, die unabhängiges Arbeiten auch mit wenigen Mitteln ermöglicht."

Dass diese Found-Footage-Arbeiten fernab massentauglichen Kinovergnügens sind, ist vielleicht wahr, was aber auch stimmt, ist die Aufgabe, die man einer Festival-Retrospektive zuschreibt: Das Kino als Ort des Diskurses zu erleben. "Wir machen Vermittlungsarbeit, das ist Langzeitarbeit", sagt Loebenstein. "Wenn alle davon sprechen, dass das Kino längst tot ist, machen wir stolz die Tür auf und sagen eben genau das: Unsere Ausstellungen finden auf der Leinwand statt."

www.filmmuseum.at