Die Stammhäuser der Viennale bekommen heuer Unterstützung: Wegen der strengen Corona-Regeln können Gartenbau, Urania, Metrokino, Kulturhaus und Stadtkino nicht in voller Kapazität besetzt werden, etwa jeder zweite Sitzplatz muss leer bleiben. Damit die Viennale dennoch ausreichend Angebote für die Kinobesucher schaffen kann, um das Programm zu sehen, wird es in fünf weiteren Kinos Wiederholungsvorstellungen geben. Das klingt ein bisschen nüchtern, ist aber eine große Chance: Die wunderbare Ausbreitung der Viennale in andere Gegenden der Stadt, die bisher von der auf die Innenstadt Wiens beschränkten Viennale nicht viel mitbekommen haben. Ein Ausstrahlen in neue Grätzel der Stadt, in den 3., 5. oder 9. Bezirk, ist in diesem Jahr eine notwendige Maßnahme, könnte aber in den Folgejahren für eine Öffnung des Filmfestivals sorgen – und es auch viel weiter hinaus in die Stadt tragen als bisher für möglich gehalten. Schlecht wäre das für die Filmkunst und Kinokultur Wiens keineswegs. Wir haben uns die neuen Spielstätten einmal genauer angesehen.

Votivkino, Währinger Straße

Michael Stejskal ist einer der umtriebigsten Kinobetreiber Wiens, vor allem, weil er mit dem "Filmladen" auch seinen eigenen Filmverleih betreibt. Dessen Programm ist dank seiner Spezialisierung auf Arthaus-Filme, Kunstkino und breitenwirksames, anspruchsvolles Kino aber nicht nur in seinen beiden Häusern Votivkino und De France zu sehen, sondern durchaus auch in anderen großen Häusern, zuweilen sogar in Multiplexkinos. Stejskal bespielt im Votivkino, gelegen im Souterrain eines Wohnhauses, drei moderne Säle, und zwar seit 1986. Mitte der 70er-Jahre gründete er den Filmladen-Verleih. "An die 1.000 Filme haben wir in den letzten 25 Jahren in Österreich ins Kino gebracht, darunter die jeweils aktuellen Filme so gut wie aller namhaften Regisseure: von A wie Almodovar bis Z wie Zhang Yimou", ist Stejskal stolz. Daneben hat sich der Filmladen auch zu einem Spezialisten für den österreichischen Film entwickelt. "Anfangs waren wir alle jung, inzwischen sind im Team alle Altersgruppen vertreten, das verbreitert auch die Perspektive", so Stejskal. "Was uns alle eint, ist unsere Leidenschaft fürs Kino und unser Anspruch, möglichst nah am Puls des Arthaus-Kinos zu sein." www.votivkino.at

Blickle Kino im Belvedere 21, Arsenalstraße

Ein Kinosaal, entworfen von Architekt Karl Schwanzer für den Weltausstellungspavillon in Brüssel 1958, eingebettet in das Belvedere 21 in der Arsenalstraße. "Unser Kino ist das einzige komplett erhaltene Kino Wiens aus den 1950er-Jahren. Die großzügige Unterstützung von Ursula Blickle ermöglichte die Renovierung dieses außergewöhnlichen Kinosaals", sagt Claudia Slanar, die für die Programmgestaltung des Kinos zuständig ist. Slanar programmiert unter dem Grundsatz, aktuelle Film- und Videoarbeiten vorzuführen, die in einen film- und kunsthistorischen Kontext eingebunden sind, das kann ergänzend zu Ausstellungen im Belvedere 21 sein oder aber auch als völlig eigenständige Schwerpunkte. Dem angereiht ist mit dem 2007 gegründeten Ursula Blickle Video Archiv eines der wichtigsten Archive zur Videokunst mit Schwerpunkt auf den 1990er- und 2000er-Jahren. Eingebunden ist das Blickle Kino in das Ensemble des "21er Haus", das ab 2011 umfassend renoviert wurde und seit 2018 "Belvedere 21" heißt. Besonders stilvoll ist der Kinosaal mit den charakteristischen Wandverkleidungen, allesamt original und mit viel Liebe restauriert. Hier hat die Viennale eine neue, prachtvolle Spielstätte gefunden. "Es ist toll, dass die Viennale sich öffnet und sich auf neue Spielorte einlässt", sagt Slanar.
www.belvedere.at/das-museum/
blickle-kino

Admiralkino, Burggasse

Das Admiralkino ist eines der ältesten noch in Betrieb befindlichen Wiener Kinos. Seit Oktober 1913 geht hier das Licht an, das Kino war schon früh legendär, verkehrten hier doch solch illustre Besucher wie etwa Arthur Schnitzler (er war 816 Mal hier, oft mit seiner Geliebten Clara Pollaczek). Den Charme von einst konnte sich das Kino trotz Modernisierungen erhalten, und dafür ist zum Gutteil Kino-Leiterin Michaela Englert (auf unserer Titelseite mit ihrem "Kinohund") verantwortlich, die das Haus vor einigen Jahren übernahm und so die drohende Schließung abwenden konnte. Heute bespielt Englert, die auch als PR-Betreuerin für Filmverleiher arbeitet, das Einsaal-Kino mit den knapp 100 Sitzplätzen überwiegend mit Arthaus-Filmen. Ihr Engagement besteht zu "100 Prozent aus Leidenschaft", wie Englert sagt. Dass man in Zeiten von Multiplex-Kinos mit einem solchen Lichtspielhaus nicht reich wird, ist augenfällig, und besonders prekär ist die Lage seit Ausbruch der Corona-Krise. Doch Englert ist zuversichtlich, dass wieder mehr Menschen auf ihr liebevoll programmiertes Kino aufmerksam werden, wenn sie bald die Viennale beherbergen wird. "Dann kommen vielleicht etliche Besucher, die unser Haus noch nicht kennen", sagt sie. Und hofft: Dass diese dann immer wieder kommen. www.admiralkino.at

Filmcasino, Margaretenstraße

1911 als "Margaretner Bürgerkino" eröffnet, durchlebte das Filmcasino turbulente Zeiten: In den 50er-Jahren wurde es in sein heutiges Erscheinungsbild umgestaltet und ist eine architektonische Perle in der Wiener Kinolandschaft, sowohl von außen mit dem markanten Schriftzug als auch im 50er-Jahre-typischen Foyer. Nach Problemen in den 70er-Jahren eröffnete das Filmcasino im Umbruchsjahr 1989 neu und wurde in der Folge berühmt für seine vielen prominenten Gäste, etwa Michel-angelo Antonioni, Nick Park oder Billy Wilder, und natürlich für sein Programm, das sich ausführlich der Filmkunst in allen Aspekten widmet – mit vielen Retrospektiven, Specials und Festivals (etwa dem Slash-Filmfestival). Ein Teil des Programms speist sich aus dem hauseigenen Verleih "Polyfilm", dessen Angebot von Programmleiter Hans König mit viel Feingefühl für Filmkunst und mit Liebe für filmische Entdeckungen zusammengestellt wird. Seit 2018 betreibt Geschäftsführerin Sabine Hofmann neben dem Filmcasino auch das Filmhaus am Spittelberg, dem damals die Schließung drohte. Als neuer Viennale-Spielort bringt das Filmcasino heuer die Filmschau erstmals in den 5. Wiener Gemeindebezirk. www.filmcasino.at

Studio Molière, Liechtensteinstraße

"Kunst ist Sinnlichkeit und Weltoffenheit" – so lautet das Motto von Lise Lendais und Pierre-Emmanuel Finzi. Das Duo leitet das jüngste aller Viennale-Kinos: Seit Herbst 2019 gibt es im "Le Studio Film und Bühne" Wien-Premieren im Bereich Theater und Performance sowie exklusive Filmvorführungen; die Bereiche greifen dabei idealerweise ineinander. Lise Lendais arbeitete davor zehn Jahre insbesondere in der freien Szene der Darstellenden Künste, Pierre-Emmanuel Finzi war Mitarbeiter im Stadtkino Wien, ehe er 2016 seinen eigenen Verleih "Filmgarten" gründete. Hinter der Vereinigung "Le Studio" steht das Lycée français de Vienne, dem auch das Gebäude gehört. Ein Gebäude mit Geschichte übrigens: Als Reitschule erbaut, diente es Theodor Friedl zwischen 1842 und 1900 als Bildhaueratelier. Ab 1905 mit großer Leinwand versehen, fungierte es unter dem Namen "Flieger Kino" über 66 Jahre als Lichtspielhaus, bevor es 1971 Teil des Lycée wurde. Als Besonderheit schreibt man sich hier heute die Filmvermittlung auf die Fahnen: So gibt es nicht nur kuratierte Programme für Kinder und Schüler, sondern auch das Relax Kino, bei dem im nicht ganz abgedunkelten Saal und bei leiserem Ton Eltern mit ihren Babys die Filmerfahrung genießen können.
www.lestudio.at