Das gewohnte Bild wird es heuer nicht geben: Dichtes Gedränge bei der Eröffnung der Viennale im Foyer des Gartenbaukinos und davor, Umarmungen von Filmliebhabern, für die die Zeitspanne des Festivals vor allem auch ein soziales Event ist, Ehrengäste, umringt von einer Fotografenschar, die sie bis in den Kinosaal hinein verfolgt – diese Bilder, sie sind kennzeichnend für Österreichs größte Filmschau, die jedes Jahr fast 100.000 Besucher anlockt und stets mit den Film-Perlen des laufenden Kinojahres geschmückt ist.
Solche Perlen wird es auch in diesem Jahr geben, allein: Die restliche Veranstaltung wird unter dem Eindruck der Vorgaben zur Bekämpfung des Corona-Virus stehen. Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi, die das Festival seit 2018 künstlerisch verantwortet, setzt daher auf ein verschlanktes Programmangebot bei gleichzeitiger Ausweitung der Spielstätten. Als Vorbild hat sich Sangiorgi das Filmfestival von Venedig genommen, das Mitte September zu Ende ging und seither als Musterbeispiel für andere Filmfestivals gilt, die in Corona-Zeiten stattfinden: So, wie man in Venedig der Krise begegnete, so könnte das eben auch bei den anderen Filmschauen laufen – und damit müsste die Welt nicht auf Festivals verzichten, obwohl es die Pandemie gibt.

Am Lido von Venedig galten heuer strenge Sicherheitsvorkehrungen, Maskenpflicht herrschte am Festivalgelände und auch in den Kinos während der gesamten Filmvorführung. Außerdem mussten die Tickets vorab reserviert werden, die Sitzplätze waren fix zugewiesen. Organisatorisch haben die Italiener hier Großartiges vollbracht, und die Delegationen der anderen internationalen Festivals waren hier, um sich das Konzept abzuschauen und für die eigenen Zwecke zu adaptieren.

Maximal zwei Sitze nebeneinander

"Das Klima in Venedig erlebte ich als sehr angenehm, es sind weniger Gäste hier und alles lief entspannter ab", so Sangiorgi zur "Wiener Zeitung" in Venedig. "Das liegt natürlich an den Maßnahmen, aber man bekommt ein Gefühl dafür, wie Filmfestivals früher gewesen sein müssen, als es noch weniger medialen Ansturm gab." Trotzdem: "Die Viennale ist viel stärker auf das Publikum ausgerichtet als Venedig, das heißt, wir werden das Sicherheitskonzept sicher entsprechend anpassen", so die Viennale-Direktorin. Dazu gehört, anders als in Venedig, die Möglichkeit, auch paarweise im Kino zu sitzen: Maximal zwei Sitze nebeneinander sollen bei der Viennale 2020 belegt werden können, für Paare oder Freunde. Das halbe Gartenbau wird auf diese Weise belegt, dazwischen wird es jeweils einen freien Sitz geben. Die andere Hälfte wird wie in Venedig nur aus Einzelplätzen bestehen, die schachbrettartig belegt werden. "In Venedig zeigte sich, dass der Saaleinlass mit fixen Sitzplätzen nicht zeitintensiver ist, sondern im Gegenteil: Langes Anstehen entfällt, wenn jeder seinen fixen Sitzplatz hat", so Sangiorgi. Hinzu kämen Sicherheitsabstände, mehr Saaleinlässe und mehr Vorstellungen zum gleichen Film. "Insgesamt wird es wohl weniger Filme geben, und Tickets für diese werden sowohl online mit Sitzplatzwahl angeboten werden als auch über Telefon reservierbar sein", sagt Sangiorgi.

Von 22. Oktober bis 1. November, um drei Festivaltage kürzer als gewöhnlich, will diese Viennale nun über die Bühne gehen. Auf dem Spielplan werden rund 90 neue Filme stehen, das ist etwas mehr als die Hälfte des sonstigen Angebots. Die einzelnen Filme bekommen mehrere Spieltermine, das Angebot geht deutlich über die bisherigen Viennale-Spielorte Gartenbau, Urania, Metro, Künstlerhaus und Filmmuseum (wo die Retrospektive läuft) hinaus: "Dieses Jahr werden weitere fünf Säle zu den offiziellen Festivalkinos der Viennale hinzufügt. Admiralkino, Blickle Kino, Filmcasino, Le Studio Film und Bühne c/o Studio Molière und Votiv Kino schlossen sich unserer Initiative an, die zusätzliche Wiederholungsvorstellungen ermöglichen und das Viennale-Erlebnis auf weitere Teile der Stadt ausdehnen wird", sagt Eva Sangiorgi. Man kann das auch positiv sehen: So kommt die Viennale nun in Wiener Gegenden, die bislang von ihrer Existenz kaum berührt waren.

Die Viennale will aber auch inhaltlich an die Corona-Krise anknüpfen. Ganz abgesehen davon, dass in diesem Jahr das Filmfestival von Cannes coronabedingt entfallen ist und daher viele Filme, die sonst bei der Viennale gelaufen wären, noch keine Festivalpremiere hatten, will Eva Sangiorgi bei ihrer Auswahl auch die neue Distanz in unserem Alltag widerspiegeln. "Es geht um das Thema Distanz versus Nähe", sagt sie. "Dieses Begriffspaar hat gegenwärtig eine besondere Konnotation angenommen, umfasst aber noch weitaus komplexere Bedeutung, wenn man es in Bezug setzt zu unserer Lebensweise und unseren sozialen und politischen Beziehungen. Die Nähe oder der Abstand zu Dingen, Personen, Situationen – seien sie aus Zufall entstanden oder aus Gewohnheit, im Rahmen von Ereignisse eingenommen oder zum Gedankenaustausch – beeinflussen die Art und Weise, in der wir diese wahrnehmen und verstehen." Im Programm findet sich daher etwa mit "Nomery" des lange Zeit inhaftiert gewesenen Filmemachers Oleg Sentsov eine politische Allegorie auf den Totalitarismus. Phillip Warnells "Intimate Distances" stellt die Distanzierung in Frage, die allerorts bereits etabliert ist, und "An Unusual Summer" von Kamal Aljafari richtet den Blick durch Überwachungskameras nach draußen und legt einen menschlichen und persönlichen Kommentar an.

"Nomadland"

Darüber hinaus versammelt die Viennale aber auch die Highlights jener Filmschauen, die trotz Corona stattgefunden haben, neben Venedig ist da die Berlinale eine ergiebige Filmquelle. "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" des Filmemacher-Paares Tizza Covi und Rainer Frimmel hatte etwa dort seine Weltpremiere, ebenso wie Kelly Reichardts "First Cow", Eliza Hittmans "Never Rarely, Sometimes Always" oder Heinz Emigholz’ "Die letzte Stadt". Aus Venedig will die Viennale unter anderem den Gewinnerfilm "Nomadland" mit Frances McDormand zeigen.

Auf jegliche Rahmenveranstaltungen muss man bei der diesjährigen Viennale allerdings völlig verzichten: Weder der Eröffnungsempfang im Rathaus, noch das Lusthausfest im Prater oder die täglichen Clubbings in der Viennale-Zentrale können stattfinden. Positiv gesehen: Es wird also eine Filmschau, bei der man sich zu 100 Prozent auf die Filme konzentrieren kann. So, wie das heuer auch schon in Venedig der Fall war. "Wichtig ist, dass alles in höchstmöglicher Sicherheit stattfindet", sagt Eva Sangiorgi. "Aber das Filmfestival von Venedig hat ein schönes Zeichen gesetzt, dass die Festivalwelt wieder amten kann. Auf diesen Spirit hoffen wir auch bei der Viennale."