In der Unterhaltungsbranche ist derzeit ein Dominoeffekt im Gange, der die Szene nachhaltig verändern könnte: Weil in den USA zu wenige Kinos geöffnet haben, die noch dazu wegen der Corona-Maßnahmen nur unzureichend Sitzplätze belegen dürfen, verschieben die Filmstudios vieler ihrer prestigeträchtigen, potenziellen Kassenschlager nach hinten, teilweise sogar um ein ganzes Jahr. Jüngstes Beispiel: Der neue "Bond"-Film "No Time to Die", zuerst von April auf November verschoben, wurde vom Studio Universal nun auf Ende März 2021 verschoben. Auch die Knaller "Dune", "Wonder Woman 1984" oder die Fortsetzung von "Top Gun" mit Tom Cruise wanderten ins Frühjahr. Ebenso "West Side Story" von Steven Spielberg oder die Comic-Verfilmung "Black Widow" mit Scarlett Johansson, sie sollen erst im Verlauf des Jahres 2021 in die Kinos kommen. Einige Filme wurden dafür erst gar nicht in den Kinos gezeigt, sondern starteten direkt über Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime im heimischen Wohnzimmer. Zuletzt hatte Disney seinen Blockbuster "Mulan" im hauseigenen Dienst Disney+ gestartet, gegen 30 Dollar Mehrpreis.

Fehlen die attraktiven Filme, fehlen auch die Zuschauer

Die Dominosteine, die hier fallen, sind die Kinos selbst. Sie haben etwa in Österreich bereits seit dem Sommer wieder in größerem Umfang geöffnet, was nach dem totalen Lockdown zumindest ein wenig Umsatz bringt. Jedoch: Fehlen die spannenden Filme, bleiben auch die Besucher aus. Ein Teufelskreis.

"Wir brauchen die großen Filme natürlich", ist Christian Dörfler, Obmann des heimischen Kinobetreiberverbandes in der Wirtschaftskammer, überzeugt. "Es schmerzt sehr, wenn diese Filme ausbleiben, denn sie sind das Rückgrat für die Branche".

Auch Christian Langhammer, Chef der größten heimischen Kinokette Cineplexx, die auch in Nachbarländern wie Slowenien, Kroatien, Serbien und Italien aktiv ist, bereitet die Lage Kopfzerbrechen. Als Marktführer muss er große Häuser mit mehreren Sälen an manchen Wochentagen sogar komplett schließen, um die Verluste zu minimieren. "Es ist kein Geheimnis, dass sich die aktuelle Situation in einer geringeren Kinoauslastung widerspiegelt", so Langhammer zur "Wiener Zeitung". "Wir merken zwar, dass die Menschen wieder ins Kino wollen und sich über unser Comeback freuen - für langfristig volle Kinosäle braucht es allerdings auch Blockbuster-Content. Daher haben wir unser Filmprogramm vorläufig angepasst - so ergeben sich je nach Standort spielfreie Tage". Bis zu drei solcher spielfreier Tage pro Woche sind in manchen Häusern der Cineplexx-Gruppe derzeit bereits die Realität.

45.000 Cineworld-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

In Großbritannien und in den USA gehen manche Betreiber noch radikalere Wege: Die Cineworld-Kinogruppe, hinter AMC die zweitgrößte Kette der Welt, schließt alle Kinos, 45.000 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. In den USA geht in 536 Häusern, in Großbritannien in 127 das Licht aus. Ob für immer, wird sich zeigen. Cineworld spricht von einer "vorübergehenden Schließung", aber: "Ist ein Kino einmal zu, wird es nur selten wieder aufgesperrt", sagt Christian Dörfler. Die Erfahrung zeigt: Der Mann hat recht, zumal das Kino in seiner Existenz schon vor Corona durch die Omnipräsenz der Streaming-Dienste, sagen wir einmal, gefordert war. "Die Nachrichten von Cineworld haben wir natürlich verfolgt", sagt Christian Langhammer. Er will seine Cineplexx-Kino allerdings nicht gänzlich schließen: "Als größter Kinobetreiber Österreichs können wir sagen, dass wir unbedingt auch weiterhin unsere Standorte offenhalten wollen und alles daran setzen, unsere Besucher mit dem verfügbaren Filmcontent gut zu unterhalten".

Langhammers Team muss erfinderisch sein: So werden etliche für 2021 geplante Filme in diesen Herbst vorgezogen, etwa deutsche Komödien wie "Kaiserschmarrndrama" von Ed Herzog oder der neue Bully-Herbig-Film "Der Boandlkramer und die ewige Liebe".

Dabei sah Anfang des Sommers alles recht rosig aus: "Wir sind nach der monatelangen Schließung mit ausverkauften Kinovorstellungen im August zurückgekommen. Das war ein riesiger Erfolg für unser ganzes Team", so Langhammer. Doch die Filmstartverschiebungen setzen dem Kinobetrieb zusehends zu. "Bis dato konnten wir alle Mitarbeiter an Bord behalten, das freut uns sehr. Damit uns das aber auch weiterhin gelingt, braucht es ganz klar rasche Wirtschaftshilfen für die Kinobranche", fordert Langhammer. Die mehrmonatige Schließung sei nicht aufholbar, das bestätigt auch Dörfler. Man will daher finanzielle Unterstützung von der Regierung einfordern, um die schwer angeschlagene Branche zu retten. "Wenn wir unsere Mitarbeiter an Bord behalten wollen, geht das nur, wenn die Regierung passende Rahmenbedingungen dafür schafft und uns in dieser Situation unter die Arme greift", so Langhammer.

Krise zwingt zur Erfindung neuer Geschäftsfelder

Untätig bei der Zuspitzung der Krise zusehen, das wollen die heimischen Kinobetreiber allerdings nicht. Und so tun sich am Rande der Krise plötzlich auch zaghaft neue Geschäftsfelder auf: "Aktuell stellen wir fest, dass uns täglich zahlreiche Anfragen zu Geburtstags- oder Weihnachtsfeiern in unseren Kinos erreichen", sagt Langhammer. Durch die großen Säle wären Abstandsregelungen problemlos umsetzbar. Nur: So richtig kommunikativ wird eine Weihnachtsfeier nicht, bei der alle sitzend in die gleiche Richtung schauen. Immerhin hätte der Chef bei seiner Ansprache dann die größtmögliche Aufmerksamkeit. Eine Zukunft für das Kino ist das aber nicht.