Es ist ein Wagnis, während der Corona-Pandemie ein Filmfestival zu veranstalten, das hat das vergangene Festival von Venedig gezeigt, das wird ab 22. Oktober die Viennale zeigen und das zeigt derzeit und noch bis 21. Oktober das Jüdische Filmfestival Wien (www.jfw.at), das seit 1991 stattfindet und für die Wiener Kulturszene inzwischen unverzichtbar geworden ist.

Gründer und Festivaldirektor Frédéric-Gérard Kaczek, der inzwischen 28 Festivalausgaben geleitet hat, ist ob der Pandemie angespannt: "Ich muss die Leute fragen, ob sie im gleichen Haushalt leben, wenn sie zwei Karten nebeneinander haben wollen", berichtet Kaczek aus dem neuen Festivalalltag. "Wir wollen das sehr genau handhaben, denn als Veranstalter sind wir für die Sicherheit verantwortlich".

Festival-Direktor Kaczek und "rechte Hand" Jelinek. - © jfw
Festival-Direktor Kaczek und "rechte Hand" Jelinek. - © jfw

Rita Jelinek, Kaczeks "rechte Hand" beim Festival, die in der Organisation des Events arbeitet, ist besonders gefordert - und weiß auch um die Probleme: "Wir dürfen die Kinos zu maximal zwei Drittel füllen, meistens aber sind sie nur zu 50 Prozent voll. Die Leute sind vorsichtiger geworden", sagt Jelinek.

Mauern einreißen

Dass das Motto des diesjährigen Festivals "Tear Down the Walls!" (Reißt die Mauern nieder!) lautet, sei "als Plädoyer für eine von geistigen Mauern befreite, humanistische Gesellschaft sowie als Mahnung gegen Ausgrenzung und menschenverachtende Diskriminierung" gedacht, "nicht als Aufforderung, die Masken abzunehmen", lacht Kaczek. "Wir wollten bewusst aufzeigen, wo es Mauern gibt in unserer Gesellschaft."

Dennoch lässt sich die Präsenz der Pandemie nicht aus dem Festivalalltag wegleugnen. "Corona ist unser ständiger Begleiter, und was sich besonders auswirkt, ist, dass wir heuer kaum Filmgäste begrüßen oder Publikumsgespräche nicht wie gewohnt führen können", sagt Jelinek. "Es ist nicht dieselbe Atmosphäre, wenn Interviews und Ansprachen über die Videoleinwand eingespielt werden."

Ins rein Digitale wollte das Jüdische Filmfestival jedoch nicht abwandern, denn: "Ich bin ein überzeugter Mann des Kinos", sagt Kaczek, von Beruf eigentlich Kameramann und als solcher ein Verfechter der großen Leinwand. "Deshalb wollte ich das Festival physisch durchführen und nicht virtuell. Die Filme, die wir zeigen, erhalten oft keinen regulären Kinostart. Sie sind also auch ein soziales Ereignis, das man hochhalten muss." Corona vereitelt dies jedoch zum Gutteil. "Durch die Pandemie geht das Soziale am Kino verloren, man steht halt nicht mehr rum und plaudert."

Filmische Erinnerungen

Dafür ist es inhaltlich dick da: Im Fokus der Schau steht das Jubiläum 75 Jahre Kriegsende ebenso wie die Erinnerung an wichtige Protagonisten eines Kinos, das jüdische Lebenswelten thematisiert. Dazu gehören Filme wie "Determined: The Story of Holocaust Survivor Avraham Perlmutter", die eine aufregende Lebensgeschichte, ausgehend von Wien und mit einem Ende beim Technik-Oscar in den USA erzählt. "Liebe war es nie" analysiert eine fragwürdige "Liebe" im KZ. "Made in Auschwitz: The Untold Story of Block 10" beschreibt brutale, menschenverachtende Medizinversuche an Frauen, deren Durchführer noch heute als Forscher Anerkennung findet. Filmische Erinnerungen gibt es unter anderem an Hannelore Elsner, Kirk Douglas, Ennio Morricone oder Arthur Brauner.

"Unser Festival ist wichtig, weil es identitätsstiftend und stärkend wirkt, aber es wächst auch der Antisemitismus in der Gesellschaft und in den Medien", sagt Kaczek. "Und deshalb reagieren wir auch in unserem Programm auf die Zunahme von Ausgrenzung und Hassbotschaften, das ist durchaus politisch motiviert", ergänzt Jelinek.

Dieser Hass finde heute vorwiegend im Internet statt, die sozialen Medien seien voll davon. "Ich bin kein Freund sozialer Medien", sagt Kaczek, "vor allem, weil die Leute zusehends in ihren eigenen Blasen leben." Das radikalisiere besonders. "Wir wollen die Leute hingegen zum Gespräch bewegen, zum Miteinander." Man könnte das angesichts der Beliebtheit von Facebook und Co. auch als altmodisch bezeichnen, es ist aber vor allem eines: Ein Festival, dass der Kraft der Bilder vertraut und dem einenden Aspekt des Kinos. Nach Corona wird das wieder deutlicher zu sehen sein.