Der jugendliche Schalk sitzt ihm im Blick. Und das, obwohl Hollywood-Star Willem Dafoe immerhin schon 64 Jahre alt ist. Seine Jugendlichkeit hat er sich auf eine seltsam beständige Weise behalten. Das liegt vermutlich an seinem breiten Lächeln und seiner offenen Art. Für manche Kinobesucher war Dafoe immer auch ein bisschen zum Fürchten, denn besonders diabolische Bösewichter hat er immer wieder gespielt (etwa in "Spiderman" oder "Speed 2"). Dabei ist Dafoe eigentlich überwiegend im Kunst- und Arthaus-Kino daheim, wie ein Blick in seine umfangreiche Filmografie verrät: Von Schnabels "Basquiat" über Cronenbergs "eXistenz" bis hin zu Lars von Triers "Antichrist" und "Nymphomaniac" reichen seine Rollen. Und auch mit Kultfilmer Abel Ferrara hat er schon einige Filme gemacht, zuletzt "Tommaso", 2014 "Pasolini" und nun "Siberia". Darin spielt er einen Mann namens Clint, der mit dem Hundeschlitten in die Schneewüste aufbricht, um dort sich selbst zu finden. Das Ganze ist radikal und roh, sprunghaft und manisch inszeniert, und spiegelt wohl das eine oder andere Seelen(un)heil von Autor und Regisseur Ferrara wider. Die Viennale zeigt nun diesen außergewöhnlichen Film, und die "Wiener Zeitung" traf Dafoe in Berlin zum Gespräch.

"Wiener Zeitung": Mr. Dafoe, Abel Ferrara ist weithin bekannt für seine unkonventionelle Art, Filme zu drehen. Wie passen Sie beide zusammen?

Willem Dafoe: Ich liebe es, mit Abel zu arbeiten, weil er ein Regisseur ist, der mich fordert. Meistens sage ich bei Abels Projekten sofort zu, ganz egal, worum es darin geht. Wir sind beide starke Persönlichkeiten und wissen, was wir wollen. Abel ist ein Magier des Kinos, er versteht das Prinzip und wandelt es immer wieder so ab, dass etwas Neues entsteht. Ich mag, wie er mich in die Arbeit einbindet. Wir drehen sehr rasch und zügig. Das ganze Filmteam ist wirklich wie eine Familie. Jeder hat seinen Aufgabenbereich. Und eines ist sicher: Bei Abel am Set gibt es immer guten Espresso. Je besser der Espresso ist, desto besser wird am Ende der Film (lacht).

Trinken in ihrem Wohnort Rom am liebsten zusammen Espresso: Abel Ferrara (l.) und Willem Dafoe. - © Katharina Sartena
Trinken in ihrem Wohnort Rom am liebsten zusammen Espresso: Abel Ferrara (l.) und Willem Dafoe. - © Katharina Sartena

Der Espresso ist wohl auch einer der Gründe, weshalb Sie beide ihren Lebensmittelpunkt nach Rom verlegt haben, oder?

Ohne Zweifel! Nur die Italiener können den Espresso so machen, wie er eben gehört.

Gibt es eigentlich jemals Streit vor der Kulisse von "Bella Italia"?

Was denken Sie denn? Jeden Tag gibt es Streit! Und wie! Aber meistens geht es dabei um Kleinigkeiten. Denn bei den großen Fragen sind wir uns eigentlich restlos einig.

Nehmen wir einmal Ihre Figur in "Siberia" her, Ihrem neuen gemeinsamen Film. Das ist auch schwere körperliche Arbeit. Sie gehen da richtig rein in die Materie.

Das stimmt. Ich mag die Körperlichkeit dieser Figur sehr. Generell mag ich, wenn Figuren etwas tun, sich physisch einbringen in einen Film. Es wäre nichts schlimmer für mich, als in einer Szene am Küchentisch zu sitzen und nur zu reden. Das Schauspielerfach dreht sich um die Aktionen der Figuren, und ich finde es immer wieder einen grandiosen Prozess, wie ich von einer theoretischen Ebene in diese physischen Aktionen hineinschmelzen kann. Gerade solche unkonventionellen Drehbücher wie jenes zu "Siberia" erregen meine Aufmerksamkeit. Je konventioneller ein Drehbuch, desto unwahrscheinlicher ist meine Mitwirkung. Ich will bei all meinen Filmen ein inneres Feuer spüren, ich will mich in den Figuren verlieren und am Ende etwas dabei über mich und die Welt gelernt haben. Es klingt vielleicht nach einem Klischee, aber es stimmt: Ich will von meiner Filmarbeit aus der Bahn geworfen werden.

Wieso?

Weil mich dieser Beruf sonst vermutlich langweilen würde. Und Langeweile, das bedeutet für jeden Schauspieler den Tod.

Sie wurden durch Ihre Rolle in "Platoon" bekannt, als Jesus von Nazareth gingen Sie durch "Die letzte Versuchung Christi", als Bösewicht traten Sie gegen "Spiderman" an und in künstlerische Gefilde brachte Sie etwa Lars von Trier, aber auch Julian Schnabel, der Sie als Vincent van Gogh besetzte. Eine Vielseitigkeit kann man Ihnen nicht absprechen. Wer lenkt Sie?

Ich bin mein eigener Herr, das ist wirklich wichtig für mich. Ich habe mit so vielen verschiedenen Leuten gearbeitet, darunter gab es auch ein paar Verrückte, klar. Aber ich mag es nicht, wenn man mir die Kontrolle entzieht, mit solchen Leuten arbeite ich nicht. Lars von Trier war übrigens ganz fantastisch. Wir haben uns ausgesprochen gut verstanden.

Wie lange bleiben die Figuren, die Sie spielen, eigentlich Ihre Begleiter?

Das hängt davon ab. Wenn ich Vincent van Gogh spiele, in Südfrankreich, und wir drehen dort für mehrere Wochen in eher abgeschiedenen Regionen, dann bleibt das stark an mir haften. Wenn ich allerdings nach New York zurückkehre, wo auch mein alltägliches Leben stattfindet, dann tue ich mir schwerer, eine Rolle nahe an mich ranzulassen.

Was muss darüber hinaus passieren, damit Sie eine Rolle oder eine Figur näher an sich heranlassen würden?

Ich lese das Drehbuch und denke: Will ich diese Dinge machen, vor einer Kamera? Und darauf läuft es hinaus: Wenn mir ein Buch zu konventionell ist, sage ich wahrscheinlich nicht zu. Denn dann habe ich gespürt, dass sich in mir nicht genug Hitze entwickelt, um dafür zu brennen. Ich gestalte meinen Beruf nicht mit Höflichkeiten, ich mache keine Filme, die ich eigentlich nicht machen will. Ich war an so vielen Sets, wo alle sehr höflich und zuvorkommend waren und wo man gespürt hat, dass man freundschaftlich miteinander sein will, aber ich bin eher der Meinung, man braucht Dreharbeiten, die einen herausfordern. Das hat mit der Qualität der Aufopferungsbereitschaft zu tun, die die Leute am Set haben. Es muss möglich sein, sich in diesem Filmprojekt zu verlieren. Wo man sich aufgibt, wo man sich groß fühlt, wo man offen ist für alles. Was ich nicht mag, sind Filme, bei denen sie dich besetzen, weil sie etwas ganz Spezifisches von dir wollen. Das interessiert mich nicht mehr. Es mag sich nach einem Klischee anhören, aber mir geht es vor allem darum, bei jedem Film etwas Neues zu entdecken oder zu lernen. Und dafür bin ich bereit, meine Balance im Leben zu verlassen, um diese Grenzen auszuloten. Ich bin bereit, dafür sehr weit zu gehen.

Das moderne Leben spielt sich - auch pandemiebedingt - vermehrt online ab, und das verändert auch die Rezeption von Filmen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ich glaube, die Verlagerung der Realität in den virtuellen Raum ist die große Herausforderung unserer Gegenwart. Dass viele Menschen heute ihre "Erfahrungen" nicht mehr in der Realität, sondern nur virtuell machen, egal, ob es dabei um Jobs, Sex, Freundschaft oder was auch immer geht, ist ein Nachteil, den diese Menschen noch nicht als solchen erkennen. Ich bin skeptisch, was die Fähigkeiten des Internets in Hinblick auf soziale Kontakte angeht, trotz des Social-Media-Booms. Viele Leute verlieren den Anschluss an die Realität, weil sie ihre Realität im Netz wähnen. Doch das ist ein Fehler, denn dort gibt es andere Interessen, die dich in deiner Blase halten. Es kann dazu führen, dass wir glauben, alles zu wissen, aber in Wahrheit wissen wir nichts.