Ich habe etwas entdeckt", sagt die 15-jährige Tutar (Maria Bakalova) aus Kasachstan, als sie ans Rednerpult bei einer Versammlung streng konservativer, republikanischer US-Hausfrauen tritt. "Man nimmt Zeige- und Mittelfinger und berührt damit seine Vagina, und dann kreist man die Finger und es gibt Explosion!" Die Hausfrauen finden das gar nicht witzig. Aber Tutar: "Man hat mich immer angelogen: Meine Vagina isst mich doch nicht auf, wenn ich sie berühre!"

Angelogen hat Tutar das Handbuch für Töchter, das vom kasachischen Ministerium für Wildtiere herausgegeben wurde. Tutars Vater, niemand Geringerer als der kasachische Chaos-TV-Reporter Borat (Sacha Baron Cohen), hat seine Tochter bislang in einem Käfig gehalten, das macht man so in seiner Heimat. Als sie ihrem Vater einmal in ein Geschäft folgt, sagt sie: "Papa, wieso ist der Himmel hier so niedrig?" "Keine Sorge, das ist ein Raum", antwortet Borat.

Geschenk für Pussy Grabber

Plötzlich bekommt der bereits 2006 im ersten "Borat"-Film durch die USA gereiste Fake-Reporter erneut einen Auftrag von seinem kasachischen "Führer": Er soll wieder in die USA reisen, um dem größten Weiberheld Amerikas, dem "Vice Pussy Grabber" Mike Pence, ein Geschenk zu machen, und zwar in Form seiner pubertierenden Tochter, auf dass Kasachstan endlich in die Riege der vom US-Präsidenten geschätzten Nationen aufgenommen wird.

Die Kunstfigur Borat hinterfragt nichts und niemanden, sie palavert offen über ihre rassistische, antisemitische Geisteshaltung und feiert bei jeder Gelegenheit den Holocaust. Erstaunlich, wie oft dieses Verhalten von den mit der Kamera aufgenommenen Amerikanern wenig bis gar nicht kritisiert wird. Aber eigentlich: So erstaunlich ist das im Trump-Amerika nicht.

Es geht also in die USA, dort haben alle Menschen Taschenrechner, wie Borat die Smartphones nennt. Weil Töchterchen Tutar davon träumt, endlich in einem größeren Käfig leben zu dürfen, so wie ihre kasachische Zeichentrickheldin Melania, wird erst mal ein solcher Käfig besorgt - Papa Borat lässt sich da nicht lumpen.

Auch mit der Zurschaustellung kasachischer Lebensart sind Borat und seine Tochter nicht zimperlich. Klar, dass Frauen am Steuer eines Fahrzeugs nichts verloren haben, so steht es in der Fibel vom Ministerium. Dafür kann Tutar Dinge, die man im Westen eher selten sieht: Zum Beispiel ihre Regelblutung in einem Fruchtbarkeitstanz zur Schau zu stellen, inmitten eines Ballsaals voller Debütantinnen. Oder: "Ich kann mit meinem Po-Loch eine Bierflasche öffnen". Was sie dann auch zeigt.

Eine Vorzeigetochter eben, die unbedingt an den Pence gebracht werden soll. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht, denn Borat kommt bei der Veranstaltung zwar bis in den Saal, wo Pence spricht, aber die Sicherheitskräfte sind schneller.

Cohens Geheimdreh

Das Anarchische ist der Kunstfigur Borat geblieben, und es passt heute noch viel besser zur US-Gesellschaftskultur als noch 2006; zwar war damals mit George W. Bush ein ebenfalls heftig kritisierter Präsident im Amt, doch die Angriffsflächen von Kritikern auf das Trump-Amerika sind natürlich ungleich größer. Es ist kein Zufall, dass Cohen sein von ihm selbst produziertes Sequel, das er vor und während des Lockdowns mit kleiner Crew nahezu im Geheimen drehte, just kurz vor dem Wahltag veröffentlicht hat, und zwar zu sehen weltweit und gratis für Mitglieder beim Amazon-Streaming-Dienst Prime Video. Cohen reflektiert in seiner durchaus manchmal allzu albernen Nummernrevue die Befindlichkeit des Trump-Amerika und führt ihm die eigene Absurdität beispielhaft vor Augen; allein: Das sehen die meisten der porträtierten Amerikaner gar nicht. Sie scheinen lernunfähig geworden zu sein, weil man sie aus ihrer Trump-Blase gar nicht mehr herauszulösen vermag.

Dafür reagieren sie immerhin auf weibliche Reize: Borats Tochter Tutar muss man den Bauerntrampel erst austreiben, dazu gibt es ein Umstyling zur platinblonden Amerikanerin, und zwei Silikonbrüste sollen auch noch eingebaut werden. Aber Tutar wird sich bald von Papa Borat emanzipieren, weil sein Lügengerüst nämlich immer poröser wird. In den USA, so findet Tutar bald heraus, müssen Frauen nicht bloß in Käfigen leben, und Auto fahren dürfen sie auch!

Weil das mit Mike Pence nicht so funktioniert hat, wie man sich das vorgestellt hatte, will Tutar sich nun Trumps Intimus Rudy Giuliani andienen. Eine Szene, die derzeit die Wogen in den USA hochgehen lässt: Der frühere Bürgermeister von New York, der davon ausgeht, von einer 15-jährigen Nachwuchsjournalistin interviewt zu werden, lässt sich von dieser mehrmals bewundernd anfassen und nimmt mit ihr hinterher auf ihre Einladung einen Drink im Hotelzimmer. Als sie ihm das Ansteckmikro entfernt, muss Giuliani dafür die Hose öffnen. Man sieht, wie er sich kurz in die Hose fasst, ehe Borat hereinstürmt und die Situation auflöst. Jedoch: Zu sehr großer Aufregung taugt das Material wohl eher nicht. Giuliani hat sich hier ganz offensichtlich das Hemd wieder in die Hose gesteckt, das wegen des darunter laufenden Mikrokabels herausgezogen war.

Die Hand in der Hose

Wie auch immer dieser gerade medial aufgebauschte Aufreger ausgeht, eventuell sogar vor Gericht, er zeigt, wie elektrisiert die US-Gesellschaft ist, wie reizbar und fragil. Wie dünn das Eis ist, auf dem Trump seine Herrschaft aufgebaut hat, und wie kurz davor er aber steht, diese Gesinnung in die Gesellschaft zu zementieren. Wenn Trump-Anhänger bei einer von Borat aufgemischten Kundgebung laut mit ihm mitskandieren: "Journalisten zerhacken, wie es die Saudis machen", oder: "Wissenschafter vergasen, wie es damals die Deutschen taten", wenn diese Gesinnung sich also verfestigt, dann muss man auch sagen: Die USA sind dem Borat-Kasachstan wahrscheinlich bereits ähnlicher, als man denkt.