Es ist gerade in Vorwahlzeiten wie diesen ein heißes Eisen, das Thema Abtreibung. An ihm scheiden sich die Ideologien, die Gesinnungen, die Glaubensformen, vor allem in den USA. Dort hat Donald Trump wenige Tage vor der Wahl die von ihm bestellte, konservative Höchstrichterin Amy Coney Barrett installiert, das Mehrheitsverhältnis im Höchstgericht ist somit auf Jahre, vielleicht auf Jahrzehnte fest in der Hand der Konservativen. Das Supreme Court ist die letzte Instanz in strittigen Fällen, wenn es etwa um die Gesundheitsversorgung geht, um die Einwanderungspolitik oder eben um das Recht auf Abtreibung.

Es wird das Leben vieler Menschen beeinflussen, und auch die Heldin des Films "Niemals selten manchmal immer", die 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan), wäre wohl davon betroffen. Sie lebt eigentlich ein ziemlich normales, unspektakuläres Leben auf dem Land in Pennsylvania, wo sie in einem Supermarkt jobbt. Doch das ändert sich plötzlich, als Autumn bemerkt, dass sie ungewollt schwanger ist. Das ist gerade in diesem Bundesstaat, der Minderjährigen das Recht auf Abtreibung verwehrt, wenn die Eltern nicht zustimmen, fatal. Denn Autumn braucht sich gar nicht erst überlegen, ihre Eltern mit dem Thema zu konfrontieren, denn die wären krasse Gegner der Abtreibung. Die bunten Broschüren im Gesundheitszentrum helfen ihr auch nicht weiter, und so sinniert die Teenagerin bald über die althergebrachten Engelmacherinnen-Methoden, die die Menschen seit Jahrhunderten im Falle ungewollter Schwangerschaft unter großen Risiken anwenden.

Doch dann hat Autumn eine Idee: Ihre Cousine Skylar (Talia Ryder), die mit ihr im Supermarkt arbeitet und gemeinsam die Schulbank drückt, soll ihr aus der Misere helfen. Gemeinsam machen sich die beiden Mädchen auf den Weg nach New York, wo die Abtreibung legal wäre - und wo die Mädchen eine Klinik suchen, die sie bei Autumn durchführen kann.

Zum Verzweifeln: Schwanger sein in der US-Provinz

"Niemals selten manchmal immer" von Regisseurin Eliza Hittman gibt sich dramaturgisch ebenso nüchtern, unmittelbar und naturalistisch wie seine Hauptfigur, deren innerliche Verzweiflung nur in intimen Momenten sichtbar werden darf, um nicht den Verdacht der Eltern oder Bekannten zu erwecken. Dann schlägt sich dieses Mädchen auch mal mit der Faust in den Bauch, bis dieser von blauen Flecken übersät ist, um das ungewollte Kind loszuwerden. Allein: Das ist nicht von Erfolg gekrönt.

Hittmans Filmtitel bezieht sich auf einen Fragebogen, den Autumn bei der Abtreibungsvorbereitung ausfüllen muss und in dem die Antworten Niemals, Selten, Manchmal und Immer angekreuzt werden können. Eine ausufernde Szene beobachtet Autumn dabei und zeigt, wie sie bei den Fragen zu Sexual- und Missbrauchserfahrungen mit ihren Emotionen ringt. Es ist der intensive Höhepunkt dieses Films.

Freilich gerät Autumn, das naive Mädchen vom Land, auch an Abtreibungsgegner, die ihr bewusst Steine in den Weg legen, um ihre Entscheidung zu beeinflussen, etwa, wenn man ihr den Herzschlag des Babys beim Ultraschall vorführt, oder die Schwangerschaftswochen verfälscht, um sie über den gesetzlich erlaubten Abtreibungstermin zuwarten zu lassen. All das fängt Eliza Hittman in einer nüchternen, auch undramatisierten Weise ein; als Regisseurin verzichtet sie hier auf Zuspitzungen und auf außergewöhnliche Drehbuchtricks, denn die Geschichte von Autumn ist dramatisch genug. Das allein reicht für einen ungemein kraftvollen Film.