Künstlerseelen sind zart besaitet, das ist bekannt. Bei vielen führt das Nicht-verstanden-Werden zu Frust, zu psychischen Störungen, zu Einsamkeit oder zu Drogensucht. Alkoholismus gehört da auch dazu, und der italienische Popstar Tiziano Ferro, der gut ein, zwei Dutzend Hits auf sich vereinen kann, von denen ihn einige auch international zum Star machten, gehört auch zu diesen sensiblen Künstlerseelen. Gleich zu Beginn der Doku "Ferro" von Beppe Tufarulo, die neu auf Amazon Prime Video zu sehen ist, sieht man ihn Platz nehmen in einem Rondeau, bestehend aus Mitgliedern einer Gruppe von Anonymen Alkoholikern.

Italo-Popstar Tiziano Ferro und sein Seelenheil. - © Amazon Prime
Italo-Popstar Tiziano Ferro und sein Seelenheil. - © Amazon Prime

Ferro stürmte mit "Perdono" im Jahr 2001 die italienischen und internationalen Charts, er hat seither Hit um Hit veröffentlicht, darunter Titel wie "Rosso relativo" oder "Stop! Dimentica!" (2006, damals auch Nummer 1 in den österreichischen Charts). Doch in dem jungen Mann aus Latina, der zweitgrößten Stadt nach Rom in der italienischen Provinz Latium, steckte viel Düsternis. 1980 geboren, sah er sich als Schüler konfrontiert mit Mobbing und Verspottungen. Ferro war übergewichtig und für die Mitschülerinnen eher Vertrauensperson als attraktiver Bub.

Aus dem Fenster schreien

"Ich war fett, permanent frustriert und habe meinen Eltern kein Wort davon gesagt", so Ferro in der Doku, die stellenweise wie eine Therapiesitzung mit dem Sänger anmutet. "Musik war das Einzige für mich, in einer Welt, in die ich nicht passte. Als ich anfing zu singen, da änderte sich alles. Musik gab mir immer ein Fenster, durch das ich schreien konnte, sie hat mir das Leben gerettet", so Ferro, der in schlimmen Phasen häufig an Selbstmord dachte.

Die Plattenfirma, deren Interesse er dank seiner markanten, einzigartigen Stimme erregt, nimmt ihn unter Vertrag, aber das Unausgesprochene verhindert den Durchbruch: Mit 120 Kilo war dieser junge Mann nicht "massentauglich". Die Härte der Popwelt, sie strahlt besonders gut durch in dieser kurzweiligen Doku. "Ich hörte auf zu essen, mein Gewicht schrumpfte auf 70 Kilo, und sofort landete ich den ersten Hit", so Ferro. Er trägt dies voller Skepsis vor, bleibt stets seiner eigenen Depression eingedenk.

Der Erfolg war bahnbrechend: Weltweit wurde Tiziano Ferro plötzlich gefeiert, vorbei die Zeit, dass der dicke Schulbub gehänselt wurde. Doch in ihm drin sah es anders aus. Denn inzwischen wusste jeder in seinem Umfeld von seiner Homosexualität. "Für die Plattenfirma war das ein großes Problem", so Ferro, den man auf inszenierte "Dates" mit Frauen schickte, auf dass die Paparazzi ihn abschossen.

Es ist eine schonungslose Lebensbeichte, die "Ferro" vorbringt, und sie erzählt auch von seinem Coming-out 2010, von seiner Sinnsuche im Alkohol und seiner späten Sinnfindung in der Liebe zu seinem Ehemann Victor Allen, dem er 2019 an seinem neuen Wohnort Los Angeles das Ja-Wort gab. Ganz ohne Häme und Hänseleien. "Ich war nicht nur dick, schwul, und soff; nein, ich war auch berühmt. Sogar Letzteres fühlte sich wie ein Makel an, wie der größte Makel überhaupt", sagt Ferro, emotional aufgewühlt und den Tränen nahe. Selten hat sich ein Popstar getraut, so sehr Einblick in das Business zu geben - seine Seelenbeichte ist auch eine Aufmunterung, es ihm gleichzutun und zu sagen: "Ich liebe mich selbst."

Das ist letztlich das Rezept, mit dem Ferro (vorerst) die Sucht überwunden hat. Der Film zeigt das sehr gefühlsbetont - auch bei Ferros Rückkehr ins Rampenlicht Italiens, wo man ihn immer noch sehr verehrt. In San Remo erlebt er damals wie heute große Triumphe. "Ferro" ist eine Therapiesitzung, zweifellos. An deren Ende steht die (gar nicht neue) Erkenntnis: "Es kommt nicht darauf an, wie tief man fällt, sondern darauf, wie schnell man wieder aufsteht". Intim und sehenswert.